Was hat eine albanisch-amerikanische Dolmetscherin mit einer ukrainischen Wissenschaftlerin, einem britischen Eigenbrötler und einem indischen Liebespaar zu tun? Im ersten Moment: nichts. Auf der Longlist des Booker Prize 2025 aber stehen sie plötzlich alle nebeneinander, wie Figuren in einem eigentümlichen Roman, den die Jury unter der Leitung von Roddy Doyle verfasst zu haben scheint – mit feinem Gespür für globale Verwerfungen und intime Zersetzungen.
Die diesjährige Auswahl umfasst 13 Romane, entstanden in neun Ländern, herausgegeben von bekannten und weniger bekannten Verlagen, stilistisch breit gefächert und, das betont Doyle gleich mehrfach, „voller großer Figuren und erzählerischer Überraschungen“. Dass dabei keine Aufregerliteratur nominiert wurde, sondern Bücher, die eher leisetreten als auftrumpfen, ist bemerkenswert – und in Zeiten globaler Dauerempörung vielleicht ein Statement.
Kiran Desai: Die Rückkehr einer Literatin
Dass Kiran Desai nach 19 Jahren wieder auf der Liste steht, ist nicht nur ein Comeback, sondern fast schon ein literaturpolitisches Echo. The Loneliness of Sonia and Sunny, mit seinen 667 Seiten das Schwergewicht der Auswahl, erzählt von zwei Indern im Exil, deren Begegnung an einen Versuch erinnert, dem Erinnern ein Zuhause zu geben. Dass Desai damit erneut die Aufmerksamkeit der Booker-Jury gewinnt, spricht nicht nur für ihr langes Durchhaltevermögen, sondern auch für die merkwürdige Treue literarischer Systeme.
Debütantinnen mit Klarblick
Ganz anders treten Maria Reva (Endling) und Ledia Xhoga (Misinterpretation) auf – mit Erstwerken, die politische und persönliche Traumata nicht trennen, sondern ineinander spiegeln. Reva führt drei Frauen durch das von Krieg und Chaos zerrissene Kiew; Xhoga lässt eine Dolmetscherin in New York mit einem kosovarischen Folterüberlebenden aufeinandertreffen – eine Begegnung, die mehr in Gang setzt als nur Erinnerungsarbeit. Beide Romane greifen große Themen auf, ohne sich in ihnen zu verlieren – keine kleine Kunst beim Erstlingswerk.
Verlage, Vielfalt und ein kleiner Skandal
Verlegerisch ist die Liste eine Art sanfte Machtdemonstration: Faber & Faber ist mit gleich drei Titeln vertreten, darunter Natasha Browns Universality, das bereits in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen ist. Fitzcarraldo Editions, bislang eher in intellektuellen Lesekreisen geschätzt, feiert mit One Boat von Jonathan Buckley seine Booker-Premiere – ein Achtungserfolg für das kleine Londoner Haus.
Die glamouröse Zutat dieses Jahres liefert jedoch nicht die Literatur, sondern ihre Peripherie. Schauspielerin Sarah Jessica Parker sitzt in der Jury – und hat gleichzeitig ein filmisches Interesse an Claire Adams Werk Love Forms bekundet. Ein klassischer Fall von „kulturellem Cross-over“, könnte man sagen. Oder eben ein Interessenkonflikt. Die Booker Foundation gibt sich gelassen: alles transparent, alles korrekt. Die Literatur mag erschüttert sein, der Betrieb bleibt stabil.
Thematisch auffällig: Intimität als Erkenntnisraum
Inhaltlich vereint viele der nominierten Romane ein Blick ins Innere – auf Familienkonstellationen, verlorene Bindungen, fragile Identitäten. Claire Adam erzählt von einer Mutter, die Jahrzehnte nach einer Adoption von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Susan Choi lässt in Flashlight einen Vater verschwinden, während seine Tochter am japanischen Strand schläft. Und David Szalay entwirft in Flesh die präzise Miniatur eines zurückgezogenen Mannes, dessen Beziehung zur Nachbarin langsam ausufert – bis in moralisch unangenehme Zonen.
Gerade Szalay, so murmeln Kritiker, könnte ein Favorit sein. Seine Prosa: kühl, dicht, unangenehm präzise. Sein Blick auf Männlichkeit: unerbittlich. Eine Nominierung, die weder überrascht noch enttäuscht – sondern eher wie eine Bestätigung wirkt, dass stille Beobachtung manchmal mehr Wirkung entfaltet als die große Pose.
Wie geht es weiter?
Am 23. September 2025 wird die Shortlist mit sechs Titeln bekanntgegeben. Am 10. November 2025 folgt die Preisverleihung. Bis dahin bleibt Zeit, diese 13 Bücher zu lesen – oder sich zumindest einzugestehen, dass die literarische Welt größer, dunkler und durchlässiger ist, als man manchmal glauben möchte.
- Love Forms – Claire Adam (Trinidadian, Hogarth)
- The South – Tash Aw (Malaysian)
- Universality – Natasha Brown (British, Faber & Faber)
- One Boat – Jonathan Buckley (British, Fitzcarraldo Editions)
- Flashlight – Susan Choi (American)
- The Loneliness of Sonia and Sunny – Kiran Desai (Indian, Hogarth)
- Audition – Katie Kitamura (American)
- The Rest of Our Lives – Ben Markovits (American, Faber & Faber)
- The Land in Winter – Andrew Miller (British)
- Endling – Maria Reva (Canadian‑Ukrainian)
- Flesh – David Szalay (Hungarian‑British)
- Seascraper – Benjamin Wood (British)
- Misinterpretation – Ledia Xhoga (Albanian‑American
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