Erschienen im Axel Dielmann Verlag, 14. Mai 2025
Ein leiser Appell – und eine literarische Selbstverstrickung
Wozu lesen, wenn draußen alles brennt? Wenn Fakten zerbröseln, Empörung zur Währung wird und selbst das Denken unter Verdacht steht? Dierk Wolters beginnt seinen Essay mit einem Satz, der klingt wie ein Echo auf eine kaputte Gegenwart: „Uns geht es nicht gut.“ Was wie ein Stimmungstest beginnt, entpuppt sich als präzise Diagnose. Nicht laut, nicht reißerisch – aber nachdrücklich. Und mit Haltung.
Mit Thomas Manns Mario und der Zauberer nimmt Wolters ein Werk in den Blick, das aus der Sommerhitze des faschistischen Italiens entstand – und heute eine verblüffende Aktualität entfaltet. Cipolla, der groteske Magier, der die Masse hypnotisiert, der den Einzelnen entkernt und zur Marionette degradiert, wirkt heute wie ein Wiedergänger in anderer Maske. Wolters spürt dieser Figur nach – und legt dabei etwas offen, das weit über tagespolitische Analogien hinausreicht.
Das gefährliche „und“ – zwischen Kunst und Schuld
Zentral ist bei Wolters eine unscheinbare Konjunktion: „und“. In Mario und der Zauberer verbindet sie nicht nur zwei gegensätzliche Figuren, sondern auch zwei Prinzipien: das humane und das manipulative, das zurückhaltende und das herrschsüchtige. Wolters analysiert dieses „und“ als Denkfigur, als Klammer von Gegensätzen, wie sie bei Thomas Mann immer wieder auftaucht – in Tristan und Isolde, in Joseph und seine Brüder. Dieses „und“ ist nicht nur literarisches Beiwerk, sondern poetisches Programm: Es macht die Spannung produktiv, es verschärft den Gegensatz, statt ihn aufzulösen.
In dieser Konstellation aber zeigt sich etwas Unangenehmes: Thomas Mann ist nicht nur Beobachter, er ist auch Beteiligter. Cipolla – das macht Wolters mit bestechender Klarheit deutlich – ist nicht nur das Andere, das Böse, das politisch Verwerfliche. Er ist zugleich eine Spiegelung des Autors. Ein Zauberer, ja – aber eben auch: ein Selbstporträt. Thomas Mann, der sich gern als „Z“ zeichnete, als stiller Dompteur mit Füllfederhalter, rückt sich selbst gefährlich nah an die Figur, die er scheinbar entlarvt.
Das literarische „Ich war dabei“
Hier wird der Essay scharf – und mutig. Denn Wolters betreibt keine wohlfeile Faschismuskritik. Er zeigt, wie Mann das Böse nicht nur beschreibt, sondern in sich selbst verortet. Wie er sich, in der Maske des Erzählervaters, zum wehrlosen Zuschauer stilisiert – und dadurch mitschuldig wird. „Nichtstun schlägt um in Schuld“ – dieser Satz ist kein Nebensatz, er ist die Achse, um die sich Wolters’ ganze Lektüre dreht.
Der Erzähler in Manns Novelle – der sich so gern als apolitischer Bildungsbürger tarnt – erkennt die Zeichen, doch er handelt nicht. Und genau das, sagt Wolters, ist der entscheidende Fehler. Die Passivität, die Bequemlichkeit, das Abwarten: all das wird zur moralischen Verfehlung. Mario und der Zauberer ist bei Wolters nicht nur eine politische Erzählung, sondern eine literarische Beichte – mit doppeltem Boden.
Strukturelle Präzision: Essay als Etüde der Eskalation
Der Essay ist klar komponiert, fast musikalisch gegliedert. Die wiederkehrenden Kapitelüberschriften „Uns geht es nicht gut“ strukturieren den Text wie ein Refrain, der die Eskalation rahmt. Dazwischen folgen Analysen zu Nationalstolz, Politikverdruss, zur Verführbarkeit durch Sprache – und stets zur Frage: Wie richtig leben, wenn die Welt immer falscher wird? Diese Wiederholung ist kein formales Spiel, sondern Ausdruck einer inneren Bewegung: vom Unbehagen zur Einsicht, von der Einsicht zur Haltung.
Ein Essay mit Rückgrat – und Selbstzweifel
Dierk Wolters’ Kampf der Zauberer ist ein Text für Unruhige. Für jene, die wissen, dass die einfachsten Fragen oft die schwersten sind. Warum lesen wir Literatur? – weil sie uns nicht beruhigt, sondern aufrüttelt. Weil sie uns zwingt, unsere eigene Rolle zu hinterfragen. Wolters zeigt das am Beispiel Thomas Manns – präzise, elegant und mit leiser Härte. Er entlarvt die Passivität, die als Klugheit daherkommt, und erkennt im Zauberer nicht nur den Anderen, sondern auch das Eigene.
Dieser Essay ist keine Abrechnung. Er ist ein Angebot – an die Leser, sich selbst nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Und an die Literatur, ihren Zauber nicht zu verleugnen, sondern ihn zu nutzen – gegen das große Taumeln.
Zum Autor Dierk Wolters
Dierk Wolters, geboren 1965 in Frankfurt/Höchst und aufgewachsen im Taunus, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Heidelberg und Berlin. Seine Dissertation verfasste er über Thomas Manns monumentale Roman-Tetralogie Joseph und seine Brüder. Schon dieser akademische Zugriff verweist auf die gedankliche Tiefe, mit der Wolters auch seine essayistischen Arbeiten angeht. Er arbeitete als freier Journalist in Berlin und Potsdam, bevor er 1999 zur Frankfurter Neuen Presse wechselte, wo er seither als Kulturredakteur mit den Schwerpunkten Kunst und Literatur tätig ist. Sein Roman-Debüt Die Hundertfünfundzwanzigtausend-Euro-Frage erschien 2015 bei Weissbooks, gefolgt 2023 von dem Roman Dienstag – ebenfalls im Dielmann Verlag.
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