Schreiben heißt: durchhalten, überarbeiten, verwerfen, neu ansetzen – oder auch einfach: gleich am Anfang abliefern. The Novelry, eine britische Online-Schreibschule, macht Schluss mit der Langstrecken-Metapher und ruft einen Literaturpreis aus, der nur eins will: die ersten drei Seiten. Nicht mehr, nicht weniger. Belohnt wird der Anfang mit nichts Geringerem als 100.000 US-Dollar – umgerechnet rund 88.000 Euro. Eine Art Speed-Dating mit dem Literaturbetrieb, nur ohne Kaffeeflecken und Lektoratsabsage.
Drei Seiten bis zum Ruhm: Neuer britischer Literaturpreis vergibt 100.000 Dollar für Romananfänge
Teilnehmen mit Herkunftsfilter
Der Wettbewerb heißt „The Next Big Story“ und richtet sich an Autorinnen und Autoren aus dem Vereinigten Königreich, den USA, Kanada und Australien. Eingereicht werden dürfen bis zum 31. Juli maximal 1.500 Wörter – also in etwa der Umfang, den man braucht, um auf den ersten zehn Seiten nicht gleich abgewunken zu werden. Es geht um Texte von jenen, „die der Literaturbetrieb bislang übersehen hat“, heißt es von Seiten der Organisatoren. Gemeint sind Menschen mit wenig Zeit, wenig Geld, wenig Zugang. Und mit viel Text im Kopf.
Publikumsentscheid mit Jury-Finish
Nach einer Vorauswahl durch The Novelry selbst folgt eine Online-Abstimmung – und man darf hoffen, dass nicht nur algorithmisch geschulte Instagram-Bios gewinnen. Die finale Entscheidung trifft im Oktober eine Jury, die sich liest wie eine literarische Netflix-Serie: Emma Roberts (Schauspielerin, Buchclubgründerin), Julia Quinn (Bridgerton), Yann Martel (Life of Pi), Tayari Jones (An American Marriage), Zosia Mamet, Carley Fortune und ein halbes Dutzend Influencerinnen, deren Bücherregale vermutlich besser kuratiert sind als manche Feuilletonseite.
Ein Preis, der mehr ist als Geld
Neben dem Geldpreis erhalten die Gewinnerin oder der Gewinner ein Jahr lang Unterstützung, um aus der Romanidee ein vollständiges Buch zu entwickeln. Inklusive Zugang zum „Finished Novel Course“ von The Novelry – einer Art Schreib-Coaching auf Steroiden. Das Versprechen: aus Idee wird Plot, aus Plot wird Projekt, und das Projekt landet im besten Fall nicht im Papierkorb.
Ein Anfang mit Wirkung
Der Wettbewerb ist kein Ersatz für den langen Atem, aber vielleicht ein Katalysator für literarische Stimmen, die sonst nicht laut genug wären. Und er ist ein Statement gegen die Vorstellung, dass nur fertige Werke zählen. Manchmal reichen drei Seiten – wenn sie sitzen. Wer immer wissen wollte, ob sein Romananfang Potenzial hat, bekommt jetzt eine ziemlich eindeutige Antwortmöglichkeit: ja, mit 100.000 Dollar.
Mehr Infos und Teilnahmebedingungen: thenovelry.com/prize
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