„Toyboy“ ist der Debütroman des Berliner Autors Jonas Theresia, erschienen 2025 im Verlag Kein & Aber. Auf 224 Seiten entwirft Theresia das Porträt zweier Brüder, die in einer Welt leben, in der Kommunikation zur bloßen Funktion degeneriert ist – ohne Tiefe, ohne Nähe. Der 1995 geborene Autor erzählt mit einer stillen Intensität und verzichtet auf sprachliche Effekthascherei. Stattdessen überzeugt er durch präzise Beobachtung, feine Psychologie und eine unaufgeregte, klare Sprache.
Zwei Brüder im Zeitalter der Entfremdung
Levin ist nach Deutschland zurückgekehrt. Sein Traum, in Los Angeles als Model Karriere zu machen, ist gescheitert. Heute verdient er sein Geld mit seinem Körper: als Escort, in der Pornobranche, vor der Webcam. Nicht die Arbeit an sich belastet ihn – sondern das Gefühl, sich darin allmählich aufzulösen. Immer mehr wird von ihm verlangt, immer weniger bleibt von ihm übrig.
Sein Bruder Gregor hat sich in eine andere Realität zurückgezogen. Er lebt in einer digitalen Echokammer, isoliert in seiner Wohnung, umgeben von Bildschirmen. Gregor bedient den unsichtbaren Markt weiblicher Aufmerksamkeit im Netz – bezahlt dafür, begehrt zu werden, aber emotional längst entkoppelt.
Was einst eine innige Geschwisterbeziehung war, ist heute ein Vakuum. Levin, getrieben von einer diffusen Hoffnung auf Versöhnung, will Gregor das Geld zurückbringen, das dieser einer anonymen Frau überwiesen hat. Es ist ein Plan, der bereits bei seiner Entstehung zum Scheitern verurteilt scheint.
Der Plan – ein missglückter Versuch von Nähe
Levin sieht in der Rückgabe des Geldes mehr als eine pragmatische Geste: einen möglichen Wendepunkt. Ein Signal. Vielleicht sogar ein Neuanfang. In einer Welt der Masken, in der Menschen hinter Avataren und Körperinszenierungen verschwinden, erscheint sein Vorhaben fast naiv. Doch es ist auch ein verzweifelter Akt der Loyalität – und der Wunsch, wieder als Mensch erkannt zu werden.
Je weiter er sich auf diese Unternehmung einlässt, desto deutlicher zeigt sich: Der Abgrund zwischen den Brüdern ist tiefer, als es ein einzelner Versuch überbrücken könnte. Was als solidarische Geste beginnt, endet als schmerzlicher Beweis der Unvereinbarkeit zweier Leben, die einander längst entwöhnt sind.
Ein Roman über Inszenierung, Isolation und Identitätsverlust
Toyboy ist mehr als ein Familiendrama. Der Roman ist eine präzise Beobachtung darüber, wie moderne Gesellschaften intime Beziehungen unterminieren. Theresia zeichnet das Bild einer Gegenwart, in der Menschen zu Performern ihrer selbst geworden sind. Levin verkauft seine körperliche Präsenz, Gregor verliert sich in virtuellen Illusionen. Beide existieren nur noch in Rollen, deren Inhalte längst entleert sind.
Die Lügen, die sie erzählen – über Hobbys, Sehnsüchte, Erlebnisse – dienen der Aufrechterhaltung einer Fassade. Wirkliche Selbstbegegnung findet nicht mehr statt. Der Roman schildert das leise Drama zweier Menschen, die nicht mehr wissen, wie man ehrlich lebt – oder liebt.
Kalt, klar, konsequent
Toyboy ist ein bemerkenswertes Debüt. Jonas Theresia seziert mit klarem Blick die Risse einer Welt, die Nähe nur noch simuliert. Ohne Pathos, aber mit großer Genauigkeit zeigt er, wie sich Menschen in einer Gesellschaft der Masken selbst verlieren – und wie schwer es ist, inmitten dieser Kulisse noch echte Verbindung herzustellen.
Das Buch lebt nicht von stilistischer Opulenz, sondern von der Unbestechlichkeit seiner Beobachtungen. Es konfrontiert den Leser mit der Frage, wie viel vom eigenen Selbst im digitalen Zeitalter noch übrig bleibt – und wie viel davon bereits zur Ware geworden ist.
Der Autor
Jonas Theresia, geboren 1995 in Berlin, gelingt mit Toyboy ein beunruhigendes Porträt der Gegenwart. Seine Figuren wirken wie Stellvertreter einer Generation, die gelernt hat, sich zu vermarkten, aber nicht mehr zu vertrauen. Theresia braucht keine großen Worte. Er schreibt einfach – aber auf eine Weise, die trifft.
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