Der Sommer war endlos

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Der Sommer war endlos. Die Hitze war aushaltbar. Die Liebe war groß.
Ich erinnere mich an die Sommer auf dem Dorf. Wir konnten nicht nur Kind sein, sondern auch erwachsen und alles dazwischen. Wir waren alles. Wir waren Gott. Und das beste: wir wussten es, aber es wurde nicht gesagt und nie auch nur gedacht. Wir waren das Flimmern auf der Straße. Wir waren das Gewitter, das sich dankbar und erschöpft über den Feldern entlud. Wir waren das billige Wassereis aus dem kleinen Geschäft in der Mitte des Dorfes, nur etwa einhundert Meter vom Haus unserer Großmutter entfernt.
Wir hatten dort die schönsten Sommer unseres Lebens und wir wussten es. Wir waren das Lachen, das abends ertönte, nachdem meine Eltern mit meinen Tanten und Onkel ein Bier aufgemacht hatten. Wir waren die Äpfel, die Pflaumen, die Himbeeren, die Möhren, die Minze, die Kohlrabi, die rote Beete, die Kartoffeln, die Nüsse und die majestätische Heine hinter dem Haus zu den Feldern hin. Und wir waren die alte Stallruine, in der wir spielten, in die wir einen Strohballen vom Feld hineinrollten, um ihn zu zerflettern und Quatsch damit zu veranstalten. Wir waren die endlose Weite der Felder. Hinter dem Haus; bis zum Horizont; wie ein Schachbrett. Weizen, Roggen, Zucker, Mais. Alles war da und alles waren wir. Und es hat nie Bedeutung gehabt wo es nie Bedeutung geben wird; nur Liebe. Mein inneres Kind bleibt in mir hinter meinen Rippen; schlingt seine kleinen Hände um die Knochen und rüttelt daran; ich spüre es, es tut kurz weh. Aber ich lasse es da und ich lasse es da weinen. Schreien. Keuchen. Es wird nie wieder das Gewitter sein, oder das Flimmern auf der Straße, oder der Badesee im Wald. In mir zieht es und Tränen steigen auf wie die heiße Luft im August. Ich denke erinnernd an die Tage, die da waren voller Leichtigkeit. Leben war leben und da war kein Platz im Haus. Kein Platz für Weltschmerz. Denn das Haus war gefüllt mit meiner Familie, die Menschen, die ich kenne und liebe.

Hier spielte ich Fußball, planschte im Stroh, blödelte im See, unternahm Abenteuer und bin Kind gewesen. Nie hätte ich gedacht, könnten sich die Dinge ändern. Aber sie taten es. Ich veränderte mich und wuchs. Das Gift des Erwachsenwerdens schlich sich in meine blauen Adern, besetzte meine glatte weiche Haut. Doch wenn ich zurückkehre zu den Feldern, den Seen und den Wäldern, da rührt sich das Kind in mir und wird wach. Lasse ich es nur zu selten aufstehen und das Land entdecken. Ich lasse es drinnen, sperre es ein.
Mein inneres Kind bleibt in mir hinter meinen Rippen; schlingt seine kleinen Hände um die Knochen und rüttelt daran; ich spüre es, es tut kurz weh. Aber ich lasse es da und ich lasse es da weinen. Schreien. Keuchen. Es wird nie wieder das Gewitter sein, oder das Flimmern auf der Straße, oder der Badesee im Wald. In mir zieht es und Tränen steigen auf wie die heiße Luft im August. Ich denke erinnernd an die Tage, die da waren voller Leichtigkeit. Leben war leben und da war kein Platz im Haus. Kein Platz für Weltschmerz. Denn das Haus war gefüllt mit meiner Familie, die Menschen, die ich kenne und liebe.
Und wir lebten dahin als gäbe es kein Ende für diese lieblichen Tage. Wenn die Nacht kam, traten wir heraus und ließen den warmen Sommerwind um unsere kleinen Körper streichen. Dann blickten wir den Himmel an, das Schwarz unserer Pupillen vereinigte sich mit dem schwarzen Zelt der Erde. Man hätte meinen können, es sei ein und dasselbe Schwarz gewesen. Man hätte meinen können, wir seien der Nachthimmel selbst gewesen. Man hätte meinen können, alles, was es gebraucht hätte, wäre die Fähigkeit, zu fliegen. Dann wären wir vom Boden, mitten aus dem Weizenfeld, abgehoben und wären langsam aufgestiegen. Irgendwann wären wir nicht mehr gewesen. Dieses Gefühl beschlich mich bereits als kleines Wesen, das aus den Ähren herausstach, wie ihre Königin. Hier waren wir das Leben und es gab nichts, als die gezielte Suche nach Sternschnuppen und unsere schrecklich schmerzenden Nacken.
So war die Nacht nie unser Feind, auf dem Dorf im Sommer. In Wahrheit gab es keine Feinde für uns als Kinder. Wir fürchteten bloß die Wildschweine und Wölfe im Wald, die wir aus Liedern kannten, die unsere Großmutter sang. Da folgten wir ihr wie kleine Küken in den Wald; unschuldig naiv; voller Vertrauen. Rechts und links nur Bäume und Sträucher, hier und da ein Haus und sonst nur wir. Es gab den Rest der Welt nicht und wenn es ihn gegeben hätte, wäre er nicht kriegerisch, nicht ausbeuterisch, nicht schrecklich gewesen, so wie wir es später erfahren mussten. Hätte es den Rest der Welt gegeben, wäre er ein Paradies gewesen mit unendlich vielen spannenden Gewittern und glasklaren Seen und unendlich viel Wassereis.

Aber die Sommer auf dem Dorf, als wir Kinder waren, sind nicht mehr die Sommer auf dem Dorf, als wir Kinder waren. Sie haben sich verändert; die Sommer; ich; du. Wir haben uns verändert und wir sind keine Kinder mehr. Wären wir Kinder, würden wir uns streiten und schlagen, um uns dann wieder in die Arme zu fallen. Aber wir sind keine; deshalb greife ich zur Waffe.
Wären wir Kinder, würden wir die Welt bestaunen. Aber wir sind keine; deshalb zerstöre ich sie hemmungslos.
Wären wir Kinder, würden wir unwissend lieben. Aber wir sind keine; deshalb wissen wir, ohne zu lieben.
Und das alles hätte niemand geahnt, in diesen Sommern, auf dem Dorf, als wir hoch oben auf einer Strohballenpyramide saßen und die Sonne in Zeitlupe sank, ihre Strahlen färbte, sodass wir weinten. Und da, wo wir noch Kinder waren, wo unsere Hände viel kleiner waren, doch mutiger, als sie je wieder sein werden, beweinten wir niemals Leid. Wir beweinten unsere Schönheit und die der Lebendigkeit. Wir beweinten die Liebe. Wir ahnten nichts vom Krieg. Wir ahnten nichts von Schmerz. Wir ahnten nichts vom Tod. Überhaupt ahnten wir nie, weil wir waren. Das hatte damals immer gereicht, aber heute reicht es nicht mehr. Heute tanzen wir zwar noch im Regen, doch sind wir uns zu jeder Zeit und mit jeder Zelle bewusst, dass es enden wird und dass nicht alle im Sommerregen tanzen können. Heute zählt, nicht ob wir im See baden, sondern wie wir es tun und was wir dabei tragen. Heute wird uns nicht in die Augen geschaut, sondern durch uns durch und über uns hinweg. Heute ist das Schwarz unserer Pupillen nicht mehr das des Himmelszeltes und heute sind uns die Nackenschmerzen zu leid.
Was geschah seit diesen Tagen?
Was waren wir damals, was wir heute nicht mehr sind?
Wir waren Erwachsene; wir waren Kinder; wir waren Gott; wir waren alles.
Doch heute sind wir nur noch Gefängniszellen; mit Millionen Kindern darin.




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