Der Busfahrer

Vorlesen
- 3 Seiten -

Pünktlich eine Minute nach Sieben bog der Bus der Linie 16 hinter den Wohnkomplexen und üppigen Grünflächen hervor, die verwaist und traurig aussahen. Nur die vordere Tür des Busses öffnete sich und meine Monatskarte wurde vom tätowierten Busfahrer beäugt als wolle er ein Loch in meine Lügen brennen. Dabei stand auf meinem Fahrschein und Azubi-Ausweis nichts als die Wahrheit. Zur Strafe nahm ich die Kopfhörer nicht aus den Ohren. Lieber hörte ich einen Professor über neuen alten Antisemitismus dozieren, als mich auf die wässrigen Augen zu konzentrieren, die, nachdem sie mich peinlich verhört hatten, versuchten zu lächeln. Doch alle Freundlichkeit versank in ihnen wie in kleinen Löchern eines zugefrorenen Sees - unerwartet, gefährlich schmatzend. Die Glatze des Busfahrers machte den Kopf des jungen Mannes klein. Manchmal trug er auch eine Sonnenbrille, heute nur die Tattoos und die obligatorische Dienstkleidung mit hochgekrempelten, blauen Hemdsärmeln.

Ich setzte mich weit nach hinten. Im Rückspiegel sah ich die geübten, wohldosierten Bewegungen, mit denen der Busfahrer das Gefährt vom Kantstein weghob und in den Kreisverkehr lenkte. Kaum fünfzehn Minuten würde es dauern bis zur Haltestelle am Carl-Thiem-Klinikum. Nur am Hauptbahnhof würde ich den freien Platz neben mir, auf den ich meinen Rucksack gestellt hatte, gegen pubertierende Jugendliche verteidigen müssen. Die restlichen Stops waren Wonne, Warten und widerliches Menschen-Mustern.


Gefällt mir
2
 

Weitere Freie Texte

Freie Texte

Sergej SIEGLE: Der Monolog

Sergej SIEGLE

O Jüngling – Verliebter, mit glühendem Blick, vom Pathos berauscht, von den Versen entzückt. Zerstreut und verloren, so trotzig, so fern, der Reimende „wieder“ mit „Widder“ so gern. Sag mir, wo bleibt wohl unbändiger Mai, wo Straßenbahn kreischte und rollte vorbei? Und wo jene Zelle, verrostet, ein Hohn – ein Hörer vereist – „Smartphone“-Vision … Die Haltestelle: „Zum Dichterduell!“* (hält nicht der Ikarus – das gelbe Modell.) Ein Anhalter – im Wagen, im Taxi, vorbei – „Zehn Rubel zum Zentrum?“ ...
lesering
Freie Texte

Nachdenken einer vernachlässigten Sache

UPa

Hegel würde sagen: Ihr habt die Dialektik angehalten. Arendt würde sagen: Ihr habt den Raum zerstört, in dem Wahrheit erscheinen kann. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt keine historische Distanz, sondern eine präzise Diagnose der Gegenwart. Denn was heute als wissenschaftlicher Konsens, evidenzbasierte Politik oder alternativlose Sachlogik firmiert, ist weniger Ausdruck gewonnener Erkenntnis als Ergebnis einer epistemischen Stillstellung. Wahrheit wird nicht mehr gesucht, sondern verwaltet; ...
Freie Texte

Horaffe: Ein Land

Horaffe2025

„Wer kennt das Land, in dem die Menschen in der Gegenwart die Vergangenheit vermissen, um positiv in die Zukunft blicken zu können“. Ein Volk, vereint in Kraft und Glauben an seine Stärke, kann niemand ihre Überzeugung an das Gute im Menschen rauben. Versuchen auch finstere Mächte, dies zu untergraben, sie werden sich damit nur selber schaden. Fleißige Hände erschaffen Tag und Nacht eine blühende Landschaft. Gesundes Essen, gesunde Tiere gibt es nur durch die Arbeit einer Gemeinschaft. ...

Aktuelles