Neugier auf die Welt. Warum es sich lohnt zu reisen Omnia mea mecum porto

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Alles, was ich besitze, trage ich bei mir: Dieser Ausspruch, den Cicero Bias von Priene zuschreibt und Seneca dem Philosophen Stilpon, verweist auf den inneren Reichtum, den wir unabhängig von Erfolg und Status haben. Jeder von uns kann Geschichten erzählen, die es wert sind, weitergegeben zu werden. Vor allem in vernachlässigten Weltgegenden wie Südamerika, das ich besonders gern besuche, liegen sie auf der Straße; man muss sie nur einsammeln. Malegria steht eintätowiert auf meiner linken Wade. Seit jeher zieht mich diese Mischung aus Weltschmerz (französisch: mal) und Lebensfreude (spanisch: alegria) in ihren Bann. Um solche Weltsichten zu finden, wurde ich zum Geschichtenjäger. Im Zentrum meiner Reisen steht immer der Mensch, der kämpft: Ich will herausfinden, warum und wofür. Die Menschen, denen ich unterwegs begegne, erzählen mir Dinge, die sie ihren Nachbarn verheimlichen, eben weil sie wissen, dass ich demnächst wieder weg sein werde. Die Welt wird größer, je mehr man von ihr sieht. Sie ist im Gegensatz zu Herrn Tur Tur, dem Scheinriesen aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, ein Scheinzwerg. Einer, der wächst und sich uns entwindet, wenn man ihm näherkommt.

Was macht einen Ort zu einem besonderen? Zunächst kann er mir, ganz ohne sein Zutun, eine existentielle Erfahrung bescheren – einfach weil ich zur richtigen Zeit dort gewesen bin. Wer hätte ahnen können, dass in Nordmalaysia ein Lastwagen mein zerbrechliches Liegerad genau in dem Moment von der Straße fegen würde, als ich dabei war, einen Hitzschlag zu erleiden? Dass mich das vermutlich gerettet hat und ich seither an Gott glaube, auch wenn ein ganz ähnlicher Lastwagen, vielleicht sogar derselbe, kurz darauf meinen Mitreisenden überfuhr? Wer hätte geglaubt, dass sich die Umrisse eines Schneeleoparden aus dem Gestein lösen würden, nachdem ich drei Wochen lang im nordindischen Himalaya obsessiv nach dem „Phantom der Berge“ gesucht hatte?

Darüber hinaus haftet jedem Ort etwas Spezifisches an – und wenn es nur darin besteht, dass hier bestimmte Dinge eher passieren als anderswo. In Bolivien schwang bei jedem meiner Schritte eine Gefahr mit, die sich bald in drei Entführungsversuchen manifestierte. In Ostgrönland passt man sich dem Takt einer übermächtigen Natur an: Man folgt ihren Regeln oder geht unter. Und nirgendwo bin ich bisher häufiger und beiläufiger zum Sex aufgefordert worden als in Vietnam.

Wie findet man einen besonderen Ort? Ganz einfach: Wenn Worte beschreiben können, wo man gerade ist, geht man weiter. Die Worte, die zu einem besonderen Ort passen, fallen einem bestenfalls hinterher ein. Die Ankunft an einem Ort, wie besonders er auch sein mag, ist im Grunde genommen immer banal. Sie kann sich bedeutsam anfühlen, doch nur für einen selbst. Das Unterwegssein hingegen, dieses Kämpfen, Vorwärtskommen, sich Verwandeln, dieses hartnäckige Scheitern und das noch hartnäckigere Weitermachen, das Aufflattern von Möglichkeiten, das Sichtbarwerden neuer Wege, die Unsicherheit, das „In-der-Schwebe-Sein“ und die sich abzeichnenden Wendepunkte, die ich kaum erwarten kann – kurzum die Bewegung auf ein Ziel hin: Es ist das Leben selbst, das sich darin spiegelt.

Ich will immer wieder hinaus ins Unbekannte, mich zurechtfinden in der Fremde und neue Aufgaben meistern – so wie wir alle immer weitergehen, unsere Möglichkeiten erweitern und anderen davon berichten. Wir sind die Summe unserer Entscheidungen und Erfahrungen, und wir werden einander immer Geschichten erzählen.

Was uns antreibt, ist Neugier auf die Welt.





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