Neugier auf die Welt. Warum es sich lohnt zu reisen Immer weiter weltwärts

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Habe ich früher erzählt, dass ich gerade von Phnom Penh zurückkomme, machten meine Zuhörer große Augen. Heute reagieren viele von ihnen anders: »Klar, Kambodscha, war ich auch schon. Hast du dort auch das Schnellboot über den Tonle-Sap-See genommen?« Wir haben mittlerweile die Chance, Länder zu sehen, von denen unsere Großeltern bestenfalls gehört haben. Galapagos, Ko Samui, die Grenadinen? Warum nicht. Unsere Reiseziele werden immer extravaganter.

Oder doch nicht? Wohin ich auch gelange, die Moderne ist schon dort: Überall quakt man mich auf Englisch an, raunzt in Mobiltelefone, aus Radios quengeln minderjährige Popstars. Die Orte gleichen sich einander an. Kann man überhaupt noch Abenteuer erleben in einer Zeit, in der uns bereits das Frühstück als »einmaliges Knuspererlebnis« verkauft wird? Ja, wenn man weniger Wert auf das Ziel legt und mehr auf die Art des Reisens – die »Art«, die in mehreren Sprachen »Kunst« bedeutet. Eine echte Reise kehrt die Einstellung gegenüber Raum und Zeit um. Wir haben uns angewöhnt, den Raum zu vernachlässigen. Was früher eine tagelange Kutschfahrt, eine mehrwöchige Schiffsreise entfernt war, erreicht man heute binnen Stunden per Flugzeug. Die Zeit ist dagegen wichtiger geworden. Ständig verlangt sie, »genutzt« zu werden. Moderne Lebensläufe gleichen Sinfonien ohne Pausenzeichen, Beethovens Neunte auf Speed.

Unterwegs wird der Raum wichtig: Wir sehen die Welt wie durch Kinderaugen, bemerken Kleinigkeiten am Wegrand und geben unserer Umgebung die Chance, uns zu beeindrucken. Die Zeit hingegen verliert an Bedeutung: Wenn ich ein Etappenziel heute nicht erreiche, komme ich eben morgen dort an. Reisen ist ein Katalysator für unsere eigene Veränderung. Man entfernt sich einen Schritt von seinen Gewohnheiten. Durch die Begegnung mit dem Anderen und den anderen lernen wir neue Aspekte an uns kennen – und das erhoffen wir, wenn wir »das Weite suchen«. Dann nämlich kann man Vorurteile abschütteln und manche Dinge in der Heimat erst richtig schätzen lernen.

Früher lebte man an einem Ort, ohne zu wissen, an welchen anderen Orten man stattdessen leben könnte. Diese sorglose Unwissenheit ist uns nicht länger gegeben. Wir sind »zur Freiheit verurteilt«, sagt Jean-Paul Sartre, und das bedeutet, dass wir zeitlebens um unseren Lebensweg ringen müssen. Erst wenn man die eigene Komfortzone gesprengt hat, lässt man seinen Charakter nicht von dem verformen, was andere von einem erwarten, sondern stellt ihn durch Entscheidungen und Taten auf ein stabiles Fundament. Reisen bedeutet Hinterfragen: Gewissheiten können sich als Übereinkünfte entpuppen, manches wird anderswo besser geregelt als zuhause. Es ist kein Zufall, dass jede Diktatur, die etwas auf sich hält, ihren Bewohnern das Reisen erschwert – nichts führt uns unsere Freiheit klarer vor Augen. In Wahrheit können wir jeden Moment losfahren, den erstbesten Zug nehmen, einen neuen Weg einschlagen. Neun von zehn Hollywoodfilmen basieren darauf, dass ein Held ein System besiegt. Warum sprechen uns solche Filme an? Weil wir, die wir doch eigentlich Rockstars sein wollen, Maler, Abenteurer und Prinzessinnen, am Ende doch in irgendeiner Firma oder Verwaltung gelandet sind. Unterwegs aber glühen neue Aspekte in uns auf. Wir erkennen, welche Teile unseres Charakters veränderbar sind und was unverrückbar zu uns gehört. Wer sich nicht bewegt, spürt auch seine Fesseln nicht.

Am reizvollsten sind gerade die Momente, in denen man nicht weiß, was als Nächstes passiert. Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke. Wie oft habe ich mich unterwegs verirrt, habe Gepäckstücke zurückgelassen oder mit der Post nach Hause geschickt! Doch der lustvolle Kontrollverlust, den wir »Abenteuer« nennen, ist rar geworden. Wann konnten wir zuletzt beweisen, was in uns steckt? Wie erfahren wir, ob das, was wir tun, von Bedeutung ist? Wissen wir, wie sich ein Faustschlag anfühlt, ein Sprung ins Meer, eine hautnahe Begegnung mit einem wilden Tier? Ich bin immer wieder losgezogen, um es herauszufinden, und in einer Welt voller Rätsel und Wunder gelandet. Das ist doch ganz gut gelaufen.

In Zukunft werden unsere Reisen noch beeindruckender sein als bisher. Vielleicht schon bald werden wir schwimmende Städte bauen, in Ultraleichthubschraubern fliegen, im All und am Meeresgrund spazieren gehen. Wir leben in einer spannenden Zeit.





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