Deutscher Sachbuchpreis 2022 "Erzählende Affen": Die Macht der Narrative

Wie wirken sich die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, auf unser Handeln aus? Welche Rolle spielen Narrative, wenn es um Selbstpositionierung geht? Und können gegenwärtige und künftige Probleme dadurch bewältigt werden, dass wir althergebrachte Heldenerzählungen hinter uns lassen? In ihrem Sachbuch "Erzählende Affen" versuchen die Journalisten Samira El Ouassil und Friedemann Karig die Welt als symbolisches Konstrukt zu fassen, um Vorschläge für eine lebenswerte Zukunft zu formulieren. "Erzählende Affen" steht auf der Shortlist des Deutschen Sachbuchpreis 2022".

Samira El Ouassil und Friedemann Karig untersuchen in ihrem für den Deutschen Sachbuchpreis nominierten Buch "Erzählende Affen" den mittlerweile inflationär gebrauchten Begriff des "Narratives". Bild: Ullstein Verlag

"Wir brauchen ein anders Narrativ"; "das ist die falsche Erzählung"; "wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen" - das sind Satzfragmente, die nicht erst seit gestern Hochkonjunktur zu haben scheinen. Ob in privaten Diskussionen, in Talkshow-Runden oder im Bundestag, das Narrativ des "allmächtigen Narrativ´s" scheint nahezu allgegenwärtig. Ein Grund dafür könnte die irrwitzige Annahme sein, Probleme ließen sich allein dadurch lösen, dass wir anders, besser über sie sprechen. Eine Idee, die nur in einer von Werbeangeboten überlaufenden Hemisphäre auf fruchtbaren Boden stoßen kann, nur dort also, wo aus Menschen mittels "Framing" und "Priming" Kunden gemacht werden. Es gibt allerdings noch weitere Gründe für die Notwendigkeit der Veränderung gegenwertig bestehender Narrative. Begriffe man die Erzählung, die wir als Gesellschaften über uns selbst erzählen, als einen handlungsleitenden Rahmen, so läge nichts näher als die Annahme, eine befriedete Erzählung über uns selbst ziehe ein befriedetes durch-die-Welt-gehen nach sich. Resultat wäre dann eine friedlichere Beziehung untereinander, zur Natur, zur Zukunft.

Wie aber verhält sich das genau mit diesen "Narrativen"? Wie weit reicht die Macht der Erzählungen? Damit beschäftigen sich die Journalisten Samira El Ouassil und Friedemann Karig in ihrem für den Deutschen Sachbuchpreis 2022 nominierten Buch "Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien. Wie Geschichten unser Leben bestimmen"

In 12 Kapiteln zeichnen die Autoren nach, wie sich Geschichten und Erzählungen auf das gesellschaftliche Miteinander von Menschen über Jahrtausende hinweg auswirkten. Das Buch selbst erzählt dabei die Geschichte des homo narrans, des Menschen als geschichtenerzählendes und empfangendes Tier, welches sich bald in heroische Erzählungen stürzt, Feindbilder aufzieht, sich abgrenzt und dissidiert, um selbst Position zu beziehen. Bis heute sind die großen Geschichten von Antagonismen bevölkert, von individuellen Helden, die sich einer bösartigen (Über)Macht gegenüberstellen müssen. Gerade diese Art der Erzählung, so glauben El Ouassil und Karig, trägt Mitschuld an unserer gegenwärtigen Lage. Um unseren Planeten zu retten, lautet eine Pointe dieser Geschichte, müssen wir ebenjene auf Helden und Bösewichten, auf Freund-Feind-Achsen basierenden Erzählungen hinter uns lassen.

Postmoderne Bezugsmaschinerie

Dabei beziehen sich die Autoren auf antisemitische, rassistische und faschistische Tendenzen, auf Geschlechterungerechtigkeit und schließlich die Umweltverschmutzung. Um diese drängenden Probleme adäquat unter dem Gesichtspunkt des "Narrativs" bearbeiten zu können, bietet das Buch ein breites Arsenal sprach- und geisteswissenschaftlicher Ansätze, argumentiert unter anderem mit Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Lynn Hunt, Hannah Arendt und Jean-François Lyotard. Inhaltlich und argumentativ kann man hierbei durchaus von einer postmodernen Bearbeitung sprechen. So bedienen sich die Autoren aus sämtlichen Kisten: Philosophie, Pop, Soziologie und Blockbuster-Filme werden ausgegraben und aufeinander bezogen, wodurch mannigfaltige Bezügen und Referenzen entstehen. Bilder aus sämtlichen Sparten werden übereinander gelegt und unter dem Gesichtspunkt der Erzählung beleuchtet. So werden Philosophen in der Logik des Textes beispielsweise mit Filmfiguren gleichgestellt. Diese Methodik - ein alter Vorwurf - lässt hin und wieder den Anschein von Beliebigkeit entstehen. Und gerade mit Blick auf die vergangen zwei Jahre muss man sagen: Wer nach Bestätigung suchend durch die Welt läuft, wird an allen Ecken bekräftigende Beispiele finden, mit denen sich die eigenen Überzeugungen untermauern lassen.

Angenehm strukturierter Aufbau

Dem entgegen wirkt der nachvollziehbare und angenehm zu durchschreitende Aufbau des Buches. Beginnen tun die Autoren mit den evolutionspsychologischen Grundlagen des Erzählens. Hier wird der gute alte Lagerfeuer-Kreis in den Blick genommen. Gespräche, in denen individuelle Geschichten kollektiviert und Erfahrungen übertragen wurden. Der daraus resultierende evolutionäre Vorteil - wissen wir - polt bis heut das menschliche Gehirn. Was bedeutet das aber im 21. Jahrhundert? Wie verhält sich das Verlangen nach geteilten Geschichten und Erfahrungen in einer Welt, in der das Lagerfeuer ein grundlegend anderes geworden ist? El Ouassil und Karig holen weit aus.

Der Schweizer Politiker Rolf Haller sagte einmal, das Fernsehen hat aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht. Heute, müssen wir hinzufügen, hat auch dieser Halbkreis - wenn er denn noch rein zufällig zustande kommen sollte - als kommunikationsförderndes Element ausgedient. Das Lagerfeuer ist ins Gerät, ins Smartphone verrückt, die Sensation damit keine gemeinsam zu teilende mehr, wie es beim Fernsehen noch der Fall war. Stattdessen haben wir es mit individuellen Sensationen zu tun, mit einer Flut von Narrativen, die nicht selten aufeinander Bezug nehmen.

Keine Heldenerzählungen mehr!

Ob Corona- oder Klimakrise. Die sich hinter der Freund-Freund-Achse verbergenden Heldengeschichten - unter anderem die Grundlage nahezu jeder Verschwörungstheorie - tragen an der welt- und selbstzerstörerischen Dynamik, von der wir uns schleunigst verabschieden müssen, eine tragende Mitschuld. Gerade mit Blick auf das Corona-Virus wird verständlich, wie sehr wir auf individuelle Heldengeschichten setzen, uns nach greifbaren Feindbildern sehnen. Da das Virus als Feind nur schwer zu fassen war, begann prompt die Suche nach einem Schuldigen. Die Labortheorie war nur ein Ansatz, der Thriller ähnliche Komponenten trug. Letztlich fanden einige Wenige die großen Gesellschaftsfeinde in den Menschen, die dem Virus am nächsten standen: Virologen und Gesundheitsminister.

Überflüssig zu erwähnen, dass auch der Klimawandel kein Feind im handgreiflichen Sinne ist. Ein unsichtbarer Aggressor. Auch hier werden bereits Experten zu Feinden oder (wahlweise) Helden erklärt. Klimaexperten aller Sparten sind bereits Anfeindungen ausgesetzt. Am Ende bleibt die große Frage, wie viel Platz wir welchen Erzählungen lassen wollen? Und wer überhaupt bereit ist, die allzu einfachen Heldengeschichten über den Haufen zu werfen? Schließlich gibt es längst Strukturen, die im Wissen um die Verlockung einfacher Erzählungen ebenjene wieder befeuern und aufleben lassen, um die demokratische Ordnung zu destabilisieren. Längst befinden wir uns in einem Kampf der Narrative. "Erzählende Affen" rüstet für diesen Kampf.


Samira El Ouassil, Friedemann Karig: "Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien - wie Geschichten unser Leben bestimmen". Ullstein Verlag, Berlin 2021. 528 Seiten, 25 Euro





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