Mit ihrem Buch "Am Rande der Glückseligkeit" ist die Journalistin Bettina Baltschev für den Deutschen Sachbuchpreis 2022 nominiert. Acht Strände in acht Ländern nimmt die Autorin in den Blick, um den Ort Strand unter wirtschaftlichen, kulturtheoretischen und gesellschaftshistorischen Gesichtspunkten zu betrachten. Dabei wird deutlich, wie westliche Gesellschaften erobern, benennen und besetzen und wie Zeitläufe Orte verändern.
Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Strand hören? Manch einer wird sogleich Urlaubsbilder vor Augen haben, Erinnerungen an Sehnsuchtsorte wachrufen, warmen Sand unter den Füßen spüren und Meeresrauschen hören. Andere werden sich vielleicht an das Bild des dreijährigen Aylan Kurdi aus dem Jahre 2015 erinnern, der auf der Flucht nach Europa mit seiner Familie im Mittelmeer ums Leben gekommen ist. Orte, das macht dieses kurze Beispiel noch einmal deutlich, sind nichts Festes, nicht endgültig zu definieren. Sie sind der Geschichte und den Gezeiten ausgesetzt.
In ihrem für den Deutschen Sachbuchpreis 2022 nominierten Buch "Am Rande der Glückseligkeit" beleuchtet die Journalistin Bettina Baltschev acht europäische Strände zu je unterschiedlichen Zeiten. Sie zeigt, wie Zivilisationen den Strand als Ort eroberten, um ihn zu vermessen und mit neuen Inhalten zu füllen. Was Menschen lange Zeit Angst einflößte, erscheint uns heut oft als ein monströses Versprechen: "Genieße!" Aber nach wie vor bürgt der Strand gefahren...
Mit Literatur reisen
Es sind nicht nur bereits selber erlebte, sondern auch fiktive Strände, die Baltschev hier noch einmal bereist. Beispielsweise der Strand der Cổte d’Azur, den sie in dem Roman "Bonjour tristesse" der französischen Autorin Françoise Sagan kennenlernte. Oder der von Travemünde aus Thomas Manns "Buddenbrooks". Generell begleiten uns immer wieder die Beschreibungen von Literaten, die dem Sehnsuchtsort Strand dichterische Qualität verleihen und über den bloßen Blick hinausreichen. Beginnen tut die Reise am großen Nordseestrand von Scheveningen. Von dort aus geht es weiter nach Brighton und Ostende, Ischia, Benidorm, Lesbos, Hiddensee und in die Normandie, wo der Mensch den Strand, "...den er sich erst misstrauisch erobert und danach mit umso größerer Begeisterung aneignet, als Ort der Gedankenlosigkeit und Freiheit aufgibt, ihn seinem Wahnsinn unterwirft und zum Schlachtfeld macht."
Eine Kulturgeschichte des Strandes
So beobachtet Baltschev die verschiedenen Strände unter wirtschaftlichen, abenteuerlichen und gesellschaftshistorischen Gesichtspunkten. Hier die tobende, blutrünstige Schlacht am 6. Juni 1944, die die Normandie als Ort bis heute zeichnet; dort der Strand von Benidorm an der Costa Blanca, der vom Massentourismus überlaufen ist. Diese einzelnen Perspektiven gegenüberzustellen ist nicht nur außerordentlich aufschlussreich, sondern deutet immer auch auf die Aneignungslust vor allem westlicher Gesellschaften hin.
So ist diese Kulturgeschichte des Strandes auch aus soziologischer Sicht aufschlussreich. Besonders dort, wo wir erfahren, wie sich der Topos Strand für die europäischen Gesellschaften im Laufe des 18. und 19. Jahrhundert wandelte. Wie die Nähe zum Wasser im Laufe der Jahre an Bedrohlichkeit verlor, und bald sogar zu einem Laufsteg der Privilegierten wurde, deren Söhne und Töchter hier auf Heiratskandidaten-Suche gingen.
Auch im vergangenen Jahrzehnt hat sich der Strand als Ort verändert. Die Krisen gestalteten und gestalten ihn mit, werden dies auch zukünftig tun. Gerade mit Blick auf unnötige Flugreisen, die an Strände führen, die uns, als "Erholungsorte" deklariert, längst nicht mehr als Objekte unserer Sehnsucht sondern lediglich als wohlverdiente Auszeiten erscheinen, lohnt es sich, "Am Rande der Glückseligkeit" zu lesen. Zeigt uns Bettina Baltschev doch unter anderem, wie wunderbar einsam und nostalgisch man auf Hiddensee sein kann. Vielleicht haben wir diese Art der Auszeit nötiger denn je.
Bettina Baltschev: "Am Rande der Glückseligkeit. Über den Strand"; Berenberg Verlag, 280 Seiten; 25,00 €
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