Deutscher Sachbuchpreis 2022 Die Hohenzollern und die Nazis: "Lieber Herr Hitler! ..."

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Hat die Familie Hohenzollern den Nationalsozialisten "erheblich Vorschub" geleistet? Der Historiker Stephan Malinowski wirft in seinem Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" einen weiten Blick auf die Geschichte der Monarchenfamilie, deren Bild für die Öffentlichkeit immer wieder aufpoliert wurde. Eine große historische Erzählung. Bild: Propyläen Verlag

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde die Debatte um die Verstrickungen der Familie Hohenzollern in den Nationalsozialismus wohl dadurch zugänglich, dass sich der Satiriker Jan Böhmermann diesem Thema Ende 2019 in einer Ausgabe des "Neo Magazin Royal" widmete. Da wurde die zentrale Frage - haben die Hohenzollern den Nationalsozialisten "erheblichen Vorschub" geleistet? - in juristischen und geschichtswissenschaftlichen Kreisen bereits viele Jahre ausgiebig diskutiert. In seinem vielbeachteten Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" hat der Historiker Stephan Malinowski die Geschichte der Monarchenfamilie auf über 700 Seiten ausgebreitet und analysiert. Mittlerweile gilt das Buch als die wichtigste Veröffentlichung zu diesem Thema. In diesem Jahr steht der Titel auf der Nominierungsliste für den Deutschen Sachbuchpreis.

Welche Rolle haben die Hohenzollern im Nationalsozialimus gespielt? Diese Frage, die mittlerweile öffentlichkeitswirksam debattiert und vor Gericht verhandelt wird, wurde gewissermaßen von der Familie selbst auf den Plan gerufen. Der Grund: Die Hohenzollern fordern seit geraumer Zeit die Restitution von Werten (Immobilien etc.), die ihnen 1945 durch die Sowjetische Militäradministration entzogen, und der Allgemeinheit überantwortet wurden. Aus juristischer Sicht hat die Familie tatsächlich Anspruch auf diese Werte. Voraussetzung allerdings, ist die Klärung der Frage, ob die Hohenzollern den Nationalsozialisten "erheblich Vorschub" geleistet haben. Sollte dies der Fall sein, würden die Nachkommen der Familie nach dem Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz von einer Entschädigungsleistung ausgeschlossen werden.

Überzeugte Nationalsozialisten?

In seinem umfangreichen Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" breitet der Historiker Stephan Malinowski die Geschichte des Hauses Hohenzollern auf über 700 Seiten aus. Der Untertitel - "Geschichte einer Kollaboration" - macht dabei bereits deutlich, worum des Malinowski im Kern geht: Er erzählt die Geschichte einer einst mächtigen Deutschen Familie, die auch nach dem Ende der Monarchie ausreichend Mittel besaß, um politisch und systemisch maßgeblich Einfluss zu nehmen. Der Autor spricht dabei von Republikfeindlichkeit und einer klaren Tendenz hin zur Unterstützung des nationalsozialistischen Regimes.

Das Interesse der Familie, stellt Malinowski heraus, war dabei keineswegs uneigennützig. So hofften die Hohenzollern beispielsweise auf eine Restauration durch die NS-Bewegung. Aber auch Einzelpersonen der Familie, wie etwa der ehemalige Kronprinz, sind aus dem Buch deutlich als Figuren herauszulesen, die der nationalsozialistischen Gesinnung alles andere als feindlich gegenüberstanden.

Blick über mehrere Generationen

Über mehrere Generationen hinweg betrachtet Malinowski die Entwicklung der Familie. Vom Machtverlust gen Ende des Ersten Weltkriegs über die daraus emporsteigende Radikalisierung bis hin zu einem immer hoffnungsvolleren Blick auf ein neu erblühendes, diktatorisches Regime, liefern Malinowski Darlegung ein aufschlussreiches Gesamtbild, welches die aktuellen Debatte um Restitution ins historisch richtige Licht rückt.

"Die Hohenzollern und die Nazis" lässt keinen Konflikt, keinen Hochstapler, kein obsessives Aufbauschen außer Acht. Im Hintergrund rauscht dabei stets der nicht selten hasserfüllte Antirepublikanismus der Familie, der mit jedem weiteren Pinselstrich, mit jedem weiteren Detail unübersehbar wird. Flankiert von den harten Fakten: Der Wahlaufruf des Kronprinzen für Hitler 1932, der Eintritt seines Bruders August Wilhelm Prinz von Preußen in die NSDAP und SA, die Unterstützungsarbeit, die die Kronprinzessin Cecilie als Schirmherrin des Königin-Luise-Bundes dem NS-Staat leistete.

Der Autor als Angeklagter

Stephan Malinowski hatte sich bereits lange vor Veröffentlichung seines Buches in verschiedenen Publikationen mit den Hohenzollern befasst. 2014 wurde er vom Land Brandenburg beauftragt, ein Gutachten zu der Frage zu erstellen, ob der ehemalige Kronprinz Wilhelm von Preußen dem nationalsozialistischen System "erheblichen Vorschub geleistet" habe. Malinowski kam zu dem Schluss: „Wilhelm Kronprinz von Preußen hat durch sein in großer Stetigkeit erfolgtes Handeln die Bedingungen für die Errichtung und Festigung des nationalsozialistischen Regimes verbessert. Sein Gesamtverhalten hat der Errichtung und Festigung des nationalsozialistischen Regimes erheblich Vorschub geleistet.“ Nach einer Veröffentlichung zum selben Thema in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" erstattete die Familie Hohenzollern Strafanzeige gegen den Historiker. Der Vorwurf: Verletzung von Privatgeheimnissen. Weil kein Tatverdacht bestand, wurde das Verfahren eingestellt.

Das Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" - das sagt der Autor selbst - ist die wissenschaftliche Antwort auf jene juristischen Angriffe gewesen, die nicht nur Malinowski nach der Veröffentlichung seines Textes von Seiten der Familie Hohenzollern erfuhr. Es sei die einzige Methode gewesen, zu kontern und sich zu verteidigen. Mittlerweile zählt das Buch als die wichtigste Veröffentlichung zu diesem Thema.



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