Der Wiedergänger Seite 2

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Gudrun Ott
- 6 Seiten -

Ein Blondschopf, ein Dreikäsehoch noch, krähte vergnügt: „Das zeig ich meinem Papa. Der ist bei der Polizei und der kriegt raus, was das ist.“ „Das sieht man doch. Dafür braucht’s keinen Polizisten-Papa“, erklärte ein größeres Mädchen, schnappte sich den Fund, stieg auf ihren Elektroroller und sauste davon. „Die nennen wir ab heute Miss Marple“, schnaufte ein Junge, der vergeblich versucht hatte, sie im kurzen Sprint einzuholen. Das Mädchen legte Kette und Schellen im Garten ab und nahm sich vor, den Fund mit in die Schule zu nehmen. Die Lehrerin würde wohl wissen, wie dieses Relikt einzuordnen sei. Mittelalter wäre schön, überlegte das Mädchen und erinnerte sich an die Ritterspiele des Heimatvereins. Schließlich fand an der ehemaligen Nutheburg vor mehr als 600 Jahren eine der bedeutendsten Schlachten Brandenburgs statt. Ein Klassenausflug zum Burgenwall müsste unbedingt drin sein.

Das Mädchen nahm den Gedanken mit in ihre Träume. Am anderen Morgen aber waren Kette und Schellen verschwunden. Am alten Platz an der Bank tauchten sie wieder auf. Sie lagen mal auf dem Tisch, mal darunter, hingen einander mal sogar im Geäst eines Baumes. Seitdem fanden die Bewohner des idyllischen märkischen Fleckens keine Ruhe. Hinter vorgehaltener Hand war von einem Wiedergänger die Rede. Kuno von Ziesar, munkelte man, könne es sein. Der würde sein Unwesen als Untoter treiben, hieß es. Einst fand man sein Gerippe angeschmiedet in einem unterirdischen Gang, der von der Burg bis zum Kapellenberg, dem nördlichsten Buckel der Glauener Berge reichte. Das stetig seinen Platz wechselnde seltsame Fundstück, inzwischen nannte man es im Dorf ganz einfach "Das Eisen“, beunruhigte zunächst niemanden. Die Erwachsenen schoben alles auf die Kinder. Ein Ferienspaß. Und die Kinder beschuldigten sich erst gegenseitig, verloren aber bald das Interesse an der eisernen Kette mit ihren Schellen. Schließlich war das Spiel im erfrischenden Wasser der nahen Kiesseen wegen der hochsommerlichen Temperaturen viel angenehmer. Nur das als „Miss Marple“ gescholtene Mädchen hegte den Verdacht, dass hier etwas ganz und gar nicht so war, wie es hätte sein sollen. Sie näherte sich dem obskuren Objekt mit dem Messer aus Mutters Küche und einer Zipp-Zapp Plastiktüte. Und ganz wie sie es bei der Spusi im Krimi gesehen hatte, schabte sie etwas Rost von der Kette. Sichern des Untersuchungsmaterials. Weil die Polizei bekanntlich dein Freund und Helfer ist, schien es auch der kleinen Miss Marple ganz selbstverständlich, sich an den Jungen mit dem Polizisten-Papa zu wenden. „Ob der das hier mal untersuchen lassen kann“, fragte sie und hielt dem Jungen die Plastiktüte mit dem rostigen Inhalt unter die Nase. Der Polizisten-Papa, ein freundlicher Mann, zwinkerte den Kindern verschwörerisch zu. „Das machen wir selber. Wozu gibt es das Internet.“


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