Der Wiedergänger

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Gudrun Ott

Ein Mann, der in Kleinbeuthen abends seinen Hund ausführte, sah unweit des Hügels, auf dem im 14. Jahrhundert die wehrhafte Nutheburg stand, eine seltsame Gestalt, ein Wesen, das er nicht so recht zuordnen konnte. Es hockte auf einer der kürzlich hier aufgestellten Holzbänke. Im Dämmerlicht der hereinbrechenden Nacht war nicht genau zu erkennen, handelt es sich um einen späten Wanderer, oder um einen Obdachlosen, der hier, in der lauen Sommernacht ein Nickerchen macht. Der sonst so kuschelige Hund zog ungewöhnlich stark an der Leine und knurrte. Vorsichtshalber. Und vorsichtshalber rief der Hundebesitzer dem Fremdling einen „Guten Abend“ zu. Er erhielt keine Antwort und dachte, „besoffen“. Auf dem Weg zur Nuthe sah der Hund sich immer wieder um. Er war diesmal nicht gewillt sich unter die kleine Brücke ziehen zu lassen, wo sein Herrchen stets den Fortschritt, oder vielmehr den Stillstand der Bauarbeiten besichtigte. Immerhin floss das Wasser jetzt wieder durch die frühere Getreidemühle. Wenn auch völlig sinnlos. Die Brücke war mit Stahlplatten verstärkt worden, sodass schwere Fahrzeuge, die für den Bau der neuen Wehranlage gebraucht worden, passieren konnten. An der Nuthe standen die Baumaschinen, und die Ramme hatte der Uferböschung des begradigten Flüsschens Gewalt angetan und erste Spundwände gesetzt. Die Nuthe, nicht wiederzuerkennen, wie die ganze Gegend, die einmal das Zuhause des Fremden war.

Als Mann und Hund den Heimweg antraten, schrie in Höhe des Mühlengehöfts ein Waldkauz. Der sonst in sich ruhende Mann fühlte, wie sich beim Ruf der kleinen Eule die feinen Härchen auf seinen Unterarmen aufstellten. Der Hund, und das war mehr als ungewöhnlich, klemmte seinen Schwanz zwischen die Hinterläufe und wollte weg, nur weg. Sein Herrchen hingegen wagte den Blick zu den Holzbänken. Aber da war nichts. Keine seltsame Gestalt, kein merkwürdiges Wesen. Es ist wohl die Hitze der letzten Tage, die mir zu schaffen macht, die meinem Hirn Dinge vorspiegelt, die es nicht gibt. Anders könne es gar nicht sein, meinte der Mann und eilte seinem straff an der Leine ziehenden Hund nach. Natürlich hat er seiner Frau nichts von dieser merkwürdigen Erscheinung erzählt. Nicht an diesem Abend und auch nicht an den folgenden Tagen. Man will sich ja nicht lächerlich machen. Hund und Herrchen gaben fortan ihren abendlichen Spaziergängen eine andere Richtung.Voran der Hund, der eilig abbog und den Weg vorbei an den Kleingärten Richtung Kiessee wählte. Nun wäre dieser Vorfall nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht ein paar Tage später Kinder an der hölzernen Sitzgruppe das Stück einer rostigen Kette samt dazugehörenden eisernen Schellen gefunden hätten.


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