Die Texte des Literaturnobelpreisträgers Peter Handke regen dazu an, die Umgebung anders wahrzunehmen. Mit "sprachlichen Einfallsreichtum", hieß es in der Begründung zur Verleihung des Literaturnobelpreises 2019, lote Handke "Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen aus". Und in der Tat; Bücher wie "Die Obstdiebin" oder "Die Morawische Nacht " wirken wie poetische Wanderungen, wie ein stetiges Umkreisen alltäglichster Gegenstände und Randerscheinungen, die eben durch dieses Umkreisen an Wert gewinnen. Seine Beobachtungen - das lässt sich aus den Texten herauslesen - macht Handke während seiner Spaziergänge und auf Reisen. Stets führt er Tagebücher bei sich, um Eindrücke und sonderbare Begegnungen festzuhalten. Diesen Hanke-Tagebüchern widmet sich nun ein Forschungsprojekt, welches die Österreichische Nationalbibliothek gemeinsam mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach gestartet hat. Ziel ist es, Leserinnen und Leser einen Einblick in die Werkstatt des Schriftstellers zu gewähren.
"Peter Handke Notizbücher. Digitale Edition": Einblicke in Nobelpreis-Literatur
Das Führen eines Tage- oder Notizbuches ist für viele Autorinnen und Autoren ein unerlässlicher Vorgang und wichtiger Teil der schriftstellerischen Arbeit. Schließlich entsteht Literatur nicht einfach dadurch, dass man sich an den Schreibtisch setzt und auf interessante Ideen wartet. Das Sammeln, Ausloten und Verwerfen einzelner Fragmente geht der Gestaltung eines jeden Textes voraus. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke, muss, was Notizbuchaufzeichnungen anbelangt, allerdings als Sonderfall betrachtet werden. Denn Handke ist ein Autor, dessen Werk maßgeblich vom Moment abhängt. Ein Lichtfall durch die Verästelung, ein plötzliches Wegdrehen, ein unerwartetes Stutzen. Liest man Handke Texte, so hat man nicht selten das Gefühl, man habe es mit einem Autor zu tun, der am Schreibtisch nachentwickelt, was er außerhalb, in den Wäldern, auf Reisen, in der Bucht, flüchtig aufgezeichnet hat. Ein Autor, der das Momentum liebt und einen Blick für den Augenblick hat. Ohne Tagebuchaufzeichnungen ist diese Schreibmethodik überhaupt nicht denkbar. Das Notieren ist für Handke nicht nur Beiwerk, sondern essentieller Teil, vielleicht das Herzstück seiner Arbeit.
"Handke online"
Seit 1975 hat Peter Handke etwa 360 Notizbücher gefüllt. Einzelne Seiten davon sind gemeinsam mit Manuskripten, Fotos und Fachartikeln bereits im Netzt auf der Seite "Handke online" der Österreichischen Nationalbibliothek zu begutachten. Nun startete die Nationalbibliothek gemeinsam mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach ein weiteres Online-Projekt: "Peter Handke Notizbücher. Digitale Edition". Ziel des Projektes ist es, 22 Notizbücher (aus dem Zeitraum 1976-1979) zu transkribieren und zu digitalisieren, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
"Handke würde selber nicht sagen, dass es ein Werk ist. Aber die Notizbücher sind der Mutterboden für vieles, was er schreibt", sagt Projektleiter Ulrich von Bülow vom Deutschen Literaturinstitut Marbach. Bülow hatte mit Handke bereits im 2017 über die Bedeutung seiner Notizen gesprochen. "Vieles, was einem so nebenbei als Sprachform begegnet, ist einen Moment da und verschwindet im nächsten wieder, wie eine Schnuppe.", erklärte der Nobelpreisträger damals. Da die Notizbücher auch für die Literaturforschung bedeutsames Material darstellen, hatte Handke mit dem Literaturarchiv Marbach vor einigen Jahren vereinbar, dass er seine Notizbücher als Vorlass übergibt.
Handkes Rückreise aus Alaska
Die Notizbücher Handkes enthalten ein wildes Sammelsurium unterschiedlichster Quellen. Zeichnungen und Skizzen drängen sich an dicht geschriebene Zeilen; ab und an findet sich ein Blatt, ein Zeitungsausschnitt oder eine Rechnung zwischen den Niederschriften, die mit unterschiedlichen Stiften und Farben getätigt wurden.
Die von dem Forschungsprojekt "Peter Handke Notizbücher. Digitale Edition" gesammelten Notizen fallen in die Zeit, in der Handke die Werke "Die linkshändige Frau" (Buch 1976), "Langsame Heimkehr" (1979), "Die Lehre der Sainte-Victoire" (1980), "Kindergeschichte" (1981) und "Über die Dörfer" (1981) schrieb. Nachzuvollziehen ist dabei Handkes Rückreise aus Alaska nach Österreich; eine Reise, die er in dem Buch "Langsame Heimkehr" letztlich auch als Handlung setzte. Diese Rückreise sei Anhand der Notizen auf faszinierende Weise nachzuvollziehen, sagt Bernhard Fetz vom Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, der das Forschungsprojekt gemeinsam mit Ulrich von Bülow leitet; "... sowohl die Alaska-Reise als auch die vielen Gänge etwa durch Slowenien, Kärnten und andere österreichische Gegenden."
So erscheinen die Notizbücher digital
Die ersten 22 Notizbücher werden in einem komplexen Verfahren nicht nur digitalisiert, sondern auch editiert. Johanna Eigner, eine Mitarbeiterin des Forschungsprojektes, demonstriert das Verfahren im Literaturarchiv Wien. Zunächst werden die eingescannten Seiten formal analysiert, anschließend wird der Text, Zeile für Zeile, transkribiert. Dabei werden Orte, Personen und Verweise auf eigene oder fremde Werke codiert, so dass diese im Nachhinein mit Erläuterungen versehen und verlinkt werden können.
Diese Methodik zur Herstellung digitaler Editionen wurde von der Abteilung Forschung und Entwicklung an der Österreichischen Nationalbibliothek in Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv entwickelt.
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