Die Jury hat entschieden: Das Buch "Blaue Frau" von Antje Rávik Strubel wird mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und ist somit der "Roman des Jahres". Strubel schreibt darin über das Aufeinandertreffen von Ost und West, über sexuelle Gewalt und den Versuch, eine traumatische Vergangenheit zu verarbeiten. Die titelgebende "Blaue Frau" tritt dabei nicht als Individuum, sondern als poetische Stimme auf, die die Erzählung immer wieder unterbricht.
Antje Rávik Strubel schaffe es, "das eigentlich Unaussprechliche einer traumatischen Erfahrung zur Sprache zu bringen", hieß es am Montagabend in der Begründung der Jury; die den Roman "Blaue Frau" mit dem Deutschen Buchpreis auszeichnet hat. Literatur sei für Antje Rávik Strubel eine "fragile Gegenmacht, die sich Unrecht und Gewalt aller Verzweiflung zum Trotz entgegenstellt."
Bis an die Grenze des Sag- und Schreibbaren
In dem Roman geht es um die traumatischen Folgen einer Vergewaltigung; um eine junge Frau, Adina, die am Ende einer durch Europa führenden Reise nach Helsinki flieht und von dort aus beginnt, eine Sprache zu ertasten, die ihre Erschütterungen erträglich, verständlich und linear erscheinen lässt. Zögernd blickt sie zurück, geht die einzelne Stationen ab, beginnend in einem tschechischen Skigebiet, wo sie aufwuchs und später Glühwein verkaufte, dann nach Berlin, der Ort ihrer frühen Sehnsüchte, und schließlich in das kleine uckermärkische Dorf, wo sie Opfer des sexuellen Übergriffs wird.
Als Gegenüber tritt die "Blaue Frau", eine poetische, in Zwischenkapiteln angelegte Stimme, auf, die die vorhandene Sprache, die juristische, moralische, die im Internet kursierende, konterkariert. Mit diesen poetischen Eingriffen, die zugleich als Einschnitte in die Romanstruktur als auch Teil derselben daherkommt, schafft es Antje Rávik Strubel, jene kalten und festen Sätze aufzuweichen, die vorgeben, mit Schmerz und Traumata umgehen zu können. Sie zeigt, dass es hierzu tatsächlich nötig ist, bis an die Grenze des Sag- und Schreibbaren zu gehen, bis ans Äußerste. Acht Jahre hat Strubel an "Blaue Frau" gearbeitet.
Dankesrede
In ihrer Dankesrede bezog sich die Autorin unter anderem auf den Umstand, dass oft selbstverständlich erscheint, was unter keinem Umständen als selbstverständlich hinzunehmen sein sollte. Die Normalität ist oft das Unzumutbare. Daher, so Strubel, schreibe sie gerne Figuren, die dem, "was im Allgemeinen als normal oder als selbstverständlich gilt, ganz selbstverständlich widerstehen".
"Aber ist es denn nicht selbstverständlich, dass man mit dem Namen angesprochen werden möchte, mit dem man sich auch angesprochen fühlt?", die ihren Mittelnamen, Rávik, selbst gewählt hat. Und so schloss sie dann auch ihre Dankesrede mit dem Satz: "Rávik und ich sind Schriftstellerinnen, nicht Schriftsteller, und als solche manchmal ausgezeichnet mit einem Sternchen".
Der Deutsche Buchpreis
Der Deutsche Buchpreis wird vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben und ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert. Der Gewinner beziehungsweise die Gewinnerin erhält 25.000 Euro, die fünf anderen, auf der Shortlist vertretenen Bücher jeweils 2500 Euro. In diesem standen auf der Shortlist:
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Norbert Gstrein ("Der zweite Jakob")
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Monika Helfer ("Vati")
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Christian Kracht ("Eurotrash")
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Thomas Kunst ("Zandschower Klinken")
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Mithu Sanyal ("Identitti")
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Antje Rávik Strubel ("Blaue Frau")
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