Was haben wir im Zuge dieser Pandemie nicht alles gelernt? Gelernt über unmenschliche Arbeitsbedingungen, über frappierende Ungleichheit, über die Idiotie unseres Konsumverhaltens oder auch darüber, wie stupide und zuweilen aggressiv manch einer auf Krisen-Situationen reagiert. Der Sozialpsychologe und Zukunftsforscher Harald Welzer sieht die Welt in diesen Tagen neu. Warum und vor allem wie, erklärt er in einem taz Talk mit Peter Unfried. Wir schauen rein...
Und plötzlich stand die Welt still. Das Bild frierte ein. Und der Alltag, der bis eben noch aus einer Abfolge pausenlos generierter Eindrücke bestand, verkehrte sich in sein Gegenteil. Jetzt hieß es: Anhalten und Aushalten. Dieses gefrorene Bild dort wieder und wieder betrachten, analysieren und auf das eigene Leben beziehen, welches vielleicht nur mehr ein bloßes Existieren innerhalb der sonst laufenden Bildabfolge ist. Ja, das Multifunktions-Karussell stoppte ruckartig, und als der Geschwindigkeits-Schwindel allmählich nachließ, konnte so manch einer seinen Augen nicht trauen: "Als ich vor einigen Jahren hier eingestiegen bin, war es draußen deutlich schöner..."
Sich diese von Corona hervorgerufene Momentaufnahme genauer anzuschauen und darin vor allem mögliche Anknüpfungspunkte für einen positiven Gesellschafts-Wandel zu finden, das hat sich der Sozialpsychologe Harald Welzer zur Aufgabe gemacht. Welzer ist Herausgeber der taz futurzwei, die sich mit eben solchen gesellschaftlichen Fragestellung und Transformationsansätzen beschäftigt. Mit Peter Unfried (Chefredakteur des Magazins) sprach er im taz Talk über die gegenwärtige Lage.
Keine Flüge, und die Welt ging trotzdem nicht unter
Gleich zu Beginn des Gesprächs stellt Welzer fest, dass unser Leben auf Erwartungssicherheit ausgerichtet ist, dass wir heut also fest damit rechnen können müssen, was morgen passiert. In einer Krise wie dieser unmöglich; und so griffen wir panisch nach jedem Strohhalm, der uns eine solche (Erwartungs)Sicherheit versprechen konnte: die vielen Gespräche mit verschiedensten Virologen, der Corona-Podcast mit Christian Drosten, die täglichen Fallzahlen-Analyse des RKI, und vieles mehr. Eine ungeheure Aufwertung der Wissenschaft ging mit dieser Krise einher, wie Welzer bemerkt.
Nachdem sich der erste Schreck legte, wurden all die schmierigen Ecken unseres gesellschaftlichen Miteinanders sichtbar: Die falsche Bewertung von Berufen beispielsweise. Da war der zumeist männliche Top-Manager, von dessen Gehalt die (übrigens nicht nur während einer Pandemie) viel relevantere Intensiv-Krankenschwester nur träumen kann; da war das Problem der zu langen Lieferketten, die Untragbarkeit der Fleischindustrie in einer modernen Gesellschaft und nicht zuletzt die bahnbrechende Erkenntnis, dass die Welt ja gar nicht untergeht, wenn plötzlich keine Flugzeuge mehr fliegen. All dies sind Erkenntnisse, aus denen man lernen könnte, würde man die Corona-Phase als ein Lernmodell betrachten. Stattdessen wird der Ruf nach einem Früher immer lauter. Es ist also genau so: Die dreckigen Ecken - die natürlich schon Jahrzehntelang nicht schön anzusehen und daher von fachmännischer Hand verdunkelt wurden -werden plötzlich sichtbar; wir ekeln uns kurz gemeinsam und beschließen dann, weil alles andere ja zu viel Arbeit wäre, sie wieder abzudunkeln. Zum Wohle aller, wird das allerdings nicht ohne Weiteres funktionieren...
Epochenbruch
Wir befinden uns in einem Epochenbruch, ist Harald Welzer überzeugt. Dieser Bruch kam nicht erst mit Corona auf, sondern wurde lediglich durch Corona verdeutlicht. Tatsächlich kündigte er sich längst durch diverse andere, tagtägliche, Phänomene an, wie beispielsweise das Auftreten eines Politiker-Typus, mit dem niemand gerechnet hätte ( u.A. in den USA) oder mit einem stärkeren Bewusstsein - insbesondere der jüngeren Generation - für den Klimawandel und dessen Folgen. Auch das verstärkte Wiederaufleben rechter Orientierungen sei ein Zeichen dafür, dass die bisherige gesellschaftliche Ordnung im Verschwinden begriffen ist, und von einer anderen, einer neuen Ordnung abgelöst werden wird. Diese neue Ordnung mitzugestalten und dafür zu sorgen, dass sie nicht etwa - wie die neue Rechte es versucht - autokratische Züge annimmt, ist die Aufgabe jener Bürgerinnen und Bürger, die ein demokratisches Gesellschaftsmodell verteidigen wollen.
Massenproteste gegen Rassismus
Auch das Ausmaß der Massenproteste auf der ganzen Welt nach der Ermordung von George Floyd ist in gewisser Weise mit Corona in Zusammenhang zu bringen, meint Welzer. Die Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsschichten wurde durch die Krise wie unter einem Brennglas gebündelt und verdeutlicht. Von schlechter Ernährung bis hin zu einer unfassbaren Arbeitslosigkeit in einem Land, welches für eben jene Gruppen kein Sozialsystem bereitstellt, spielen hier unzählige Faktoren zusammen. Die Sichtbarmachung der Gewalt gegen jene ohnehin schon Benachteiligten musste notwendigerweise zu diesen Protesten führen. "Und dann das ganze noch nach 4 Jahren Trump... der nochmal alles getan hat für die Spaltung der Gesellschaft, der nochmal alles getan hat, Menschen verächtlich zu machen..."
Wie bei den FridaysForFuture Demonstrationen sieht Welzer auch hier eine junge Generation, die sich formiert. Eine Formation gegen eine Generation, die Jahrzehnte lang nur an sich gedacht, und hinsichtlich der Zukunft nichts Vernünftiges zu offerieren hat. Im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Veränderung steht zweifelsohne ein Generationskonflikt. Daher vermutet Welzer auch, dass andere Vorfälle in naher Zukunft ähnliche Proteste hervorrufen werden. Dieser Konflikt löst sich jedenfalls nicht von selbst.
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