Ein Mann liegt auf einem Sofa und erzählt sein Leben, während draußen ein Europa steht, das sich selbst nicht mehr ganz glaubt. In der Glashalle der Leipziger Buchmesse wird dieser Ton prämiert. Katerina Poladjan erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 für Goldstrand. Neben ihr werden Marie-Janine Calic für Balkan-Odyssee, 1933–1941 und Manfred Gmeiner für seine Übersetzung von Unten leben ausgezeichnet. Drei Bücher, die nicht abschließen, sondern öffnen.
Ein Abschied ohne Ziel: Katerina Poladjan
Die Jury liest Goldstrand als „Abgesang auf Europa“. Ein großes Wort, das der Roman selbst unterläuft. Denn Poladjan schreibt keinen Abgesang, sondern eine Bewegung des Abschieds. Ihr Protagonist Eli erinnert sich – an den Vater, an architektonische Utopien in Bulgarien, an familiäre Verwerfungen. Doch diese Erinnerungen ordnen nichts. Sie bleiben in der Schwebe.
Das Setting – eine bröckelnde römische Villa, das Sofa einer Psychoanalytikerin – markiert bereits die Struktur: Innenräume, in denen erzählt wird, während draußen Geschichte weiterläuft. Poladjan interessiert sich nicht für die große Geste, sondern für das Zögern. Für die Momente, in denen sich ein Leben nicht mehr eindeutig erzählen lässt.
Ihre Sprache bleibt dabei kontrolliert. Leicht, wie die Jury sagt, aber nicht leichtfertig. Unter der Oberfläche arbeitet ein Bruch. Der Roman entzieht sich der klaren Perspektive, verschiebt Erzählebenen, lässt Erinnerung und Gegenwart ineinanderlaufen. Europa erscheint hier nicht als Idee, sondern als gelebte Fragilität.
Dass dieser Text ausgezeichnet wird, ist eine Entscheidung für eine Literatur, die sich der Eindeutigkeit entzieht. Für eine Poetik, die nicht erklärt, sondern offenlegt, wie wenig sich noch schließen lässt.
Geschichte in Bewegung: Marie-Janine Calic
Marie-Janine Calics Balkan-Odyssee, 1933–1941 setzt an einem anderen Punkt an – und kommt doch zu einer ähnlichen Offenheit. Ihr Buch rekonstruiert Fluchtbewegungen durch Südosteuropa in einer Zeit, in der sich politische Ordnungen neu formieren.
Die Jury hebt die „akribische Recherche“ hervor, doch entscheidend ist, wie diese Recherche organisiert wird. Calic erzählt nicht von oben. Sie folgt Biografien. Einzelne Lebenswege werden zu Trägern von Geschichte, ohne darin aufzugehen.
Südosteuropa erscheint als Transitregion. Als Raum des Übergangs, in dem Hoffnung und Unsicherheit gleichzeitig existieren. Wer sich hier bewegt, ist abhängig von politischen Entscheidungen, aber auch von Zufällen. Ein Dokument, ein Kontakt, ein geöffneter Grenzposten – all das kann den Verlauf bestimmen.
Calic schreibt Geschichte als offenes System. Ihre Darstellung vermeidet die geschlossene Deutung. Stattdessen entsteht ein Geflecht, in dem sich individuelle Erfahrung und geopolitische Struktur gegenseitig durchdringen. Die Auszeichnung würdigt damit ein Sachbuch, das nicht abschließt, sondern lesbar macht.
Stimmen im Labyrinth: Manfred Gmeiner
Mit Manfred Gmeiners Übersetzung von Unten leben rückt eine Arbeit ins Zentrum, die oft im Hintergrund bleibt. Die Jury spricht von „spielerischer Eleganz“ und „furchtloser“ Übersetzung. Begriffe, die auf eine Haltung verweisen.
Faverón Patriaus Roman ist ein vielstimmiger Text. Ein Mosaik aus Perspektiven, in dem sich Wahrheit, Erinnerung und literarische Verweise überlagern. Diese Struktur lässt sich nicht einfach übertragen. Sie verlangt Entscheidungen.
Gmeiner bewahrt die Komplexität des Originals, ohne sie zu glätten. Seine Übersetzung hält die Vielstimmigkeit aus. Sie lässt Brüche stehen, erhält den Rhythmus, folgt den eigensinnigen Figuren. Dabei entsteht ein Deutscher Text, der nicht nach Anpassung strebt, sondern Differenz sichtbar macht.
Übersetzung erscheint hier als eigenständige literarische Praxis. Nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Form der Produktion. Der Preis macht diese Arbeit sichtbar – und verschiebt damit den Blick auf das, was Literatur im Kern ist: Bewegung zwischen Sprachen.
Auswahl als Setzung
485 Titel von 177 Verlagen bildeten das Feld, aus dem die Jury – Katrin Schumacher, Zita Bereuter, Kais Harrabi, Thomas Hummitzsch, Judith von Sternburg, Tilman Spreckelsen und Katharina Herrmann – ihre Auswahl traf. Zahlen, die Größe anzeigen. Und zugleich Reduktion.
Ein Preis ist keine neutrale Entscheidung. Er setzt Schwerpunkte. Er erzeugt Sichtbarkeit. In diesem Jahr fällt die Wahl auf Texte, die sich gegen Vereinfachung sperren.
Topnews
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
Literarische Spannung in Leipzig: Die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2025
Selfpublishing-Buchpreis 2025/26: Neun Bücher im Finale auf der Leipziger Buchmesse
Selfpublishing-Buchpreis 2025/26 – Zwischen Longlist und Bühne
Preis der Leipziger Buchmesse 2025
Bayerischer Buchpreis 2024: Wieder einmal Hefter und Meyer unter den Favoriten
Preis der Leipziger Buchmesse: 486 Einreichungen
Das sind die Gewinnerinnen des Preises der Leipziger Buchmesse 2021
Preis der Leipziger Buchmesse - Die Nominierungen
Sheikh Zayed Book Award: Gewinner der 20. Ausgabe
Miljenko Jergović erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026
Preis der Leipziger Buchmesse 2026: Wer wird es?
Miljenko Jergović erhält Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026
Selfpublishing-Buchpreises 2023/24: Diese Bücher gehen ins Rennen
Preis der Leipziger Buchmesse: Das sind die Gewinner
Wilhelm Raabe-Literaturpreis: Diese Bücher stehen auf der Longlist
Aktuelles
Dunkle Sühne von Karin Slaughter: Ein düsterer Thriller über Schuld, Gewalt und die Geheimnisse einer Kleinstadt
Der Herr des Wüstenplaneten von Frank Herbert: Die geniale Fortsetzung, die den Mythos des Helden zerstört
Dune von Frank Herbert: Warum dieser Science-Fiction-Klassiker bis heute das Genre prägt
Wer wärst du ohne deine Sorgen? – Martin Wehrle sucht den Ausgang aus dem Gedankenkarussell
John Fowles’ „Magus“: Der Roman, der seinen Lesern misstraut
Stiftung Lesen warnt vor früher Bildungsungleichheit und fordert stärkere Leseförderung
Positive Psychologie von Johanna E. Kappel: Kann positives Denken das Leben wirklich verändern?
Die 4-Stunden-Woche von Tim Ferriss: Das Buch, das unsere Vorstellung von Arbeit und Freiheit verändert hat
Elisa Hoven: Feine Risse – Schuld, Wahrheit und die Grenzen des Urteils
Setareh Niazi: Only your voice
Setareh Niazi: عشق، دور از چشم
Setareh Niazi: Von Dir
Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
Die Rückkehr des Analphabeten
Die Frauen, die bleiben – Rafik Schamis spätes Mosaik der Erinnerung
Rezensionen
Powerless – Die Flucht von Lauren Roberts: Die düstere Fortsetzung der BookTok-Sensation
