Was früher auf Marktplätzen gerufen wurde, rast heute in Sekunden global durch digitale Kanäle. Von algorithmischer Verstärkung bis zu KI-Deepfakes – all das wirkt nicht wie ein futuristischer Schock, sondern wie die konsequente Fortsetzung eines uralten Musters. Philosoph Paul Sailer-Wlasits zeigt in seinem aktuellen Buch „Demagogie“, dass die Gegenwart nicht neu ist, sondern radikal beschleunigt.
Ein Machtinstrument, das sich tarnt
Sailer-Wlasits räumt mit einer bequemen Selbsttäuschung auf: Demagogie ist kein rhetorischer Fehltritt, kein moralischer Ausrutscher, kein modisches Schlagwort. Sie ist ein Machtinstrument – präzise, kalt, wiederkehrend. Der Autor legt einen Begriff offen, der im politischen Alltag stumpf geworden ist, und zeigt, wie Demagogen Konflikte nicht entschärfen, sondern schärfen; wie sie nicht argumentieren, sondern verführen; wie sie nicht zuhören, sondern taktisch auf die Erregungskurve der Menge einschwingen. Ihre Empathie mit der „Masse“ ist kein Mitgefühl, sondern pure Berechnung.
Die lange Geschichte der Verführung
Erst im historischen Panorama entfaltet das Buch seine eigentliche Wucht. Sailer-Wlasits führt durch die Jahrhunderte wie ein kundiger Tourguide politischer Sprache: von den athenischen Volksführern der Antike über römische Tribune und mittelalterliche Prediger bis zu den Agitatoren der neuzeitlichen Revolutionen. Die psychologischen Hebel – Angst, Ressentiment, Erlösungssehnsucht – bleiben konstant, während die Formen wechseln. Die Gegenwart erscheint plötzlich nicht neu, sondern erschreckend vertraut.
Sprache als System der Manipulation
Besonders eindringlich ist die sprachliche Analyse. Demagogie wird hier nicht moralisch verurteilt, sondern seziert: als „verbaler Brandbeschleuniger“, als „höchste negative Entwicklungsstufe der Sprache“, als „performativer Akt der Täuschung“. Der Autor zeigt, wie sich Demagogie dort einnistet, wo Sprache, Macht und psychologisches Begehren ineinandergreifen. Die Nüchternheit dieser Mechanismen ist das eigentlich Beunruhigende.
Die sprachlich überlastete Demokratie
Moderne Demokratien sind institutionell robust, aber sprachlich verletzlich. Populisten dehnen den Diskurs, Demagogen brechen ihn, wie Sprachphilosoph Sailer-Wlasits betont. In Krisenzeiten steigt die Bereitschaft, jenen zu folgen, die einfache Antworten versprechen und komplexe Realitäten vereinfachen und verzerren. Das Buch macht klar: Die Verteidigung der Demokratie beginnt nicht erst im Prozess der Gesetzgebung, sondern bereits weit davor – im Sprachprozess und in der kritischen Wachsamkeit gegenüber jenen, die Worte nicht nutzen, sondern missbrauchen.
Demagogie ist weit mehr als eine Studie über politische Sprache. Es ist die schonungslose Freilegung eines Machtmechanismus, der sich durch die Geschichte zieht und im digitalen Zeitalter eine neue, fast unheimliche Reichweite gewonnen hat. Das Buch erklärt die Gegenwart, indem es die Vergangenheit entschleiert. Sailer-Wlasits zeigt, wie alt die Muster sind – und wie modern ihre Wirkung.
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