Es gibt Romane, die den Weg ins Leben mit Fanfaren begleiten. Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke tut das Gegenteil: Joachim Meyerhoff schreibt über die Schauspielschule, über Prüfläufe, die wie Kaltstarts schmecken, über eine Münchner Zwischenzeit bei den exaltiert-liebenswerten Großeltern – und macht daraus ein Buch, das gleichzeitig bühnenhell und menschenfreundlich ist. Kein Heldenepos, sondern eine Fehlertheorie mit Herz, in der Komik nicht Zierde ist, sondern Erkenntniswerkzeug. Wer Coming-of-Age ohne Kitsch sucht, landet hier: beim genauen Blick auf die Risse, aus denen später das Licht kommt.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke von Joachim Meyerhoff – Scheitern als Schule des Gelingens
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke– Proben, Prüfungen, Privatlogistik
Der Ich-Erzähler zieht für die Schauspielschule nach München – ein lebenstechnischer Hürdenlauf: Castingpaniken, Sprach- und Körperübungen, Monologe, die sich im falschen Moment auflösen. Der Alltag funktioniert als Doppelleben: tags Schule, Vorsprechen, Scheitern, abends Großeltern, deren Wohnung ein Museum der Manierenund eine Versorgungsstation für die Seele ist. Die Großmutter regiert mit Esprit und ritualisierter Höflichkeit, der Großvater mit trockenem Witz und einer melancholischen Zuneigung zur Routine – zusammen bilden sie ein Gegengewicht zur jugendlichen Taktlosigkeit des Schauspiel-Schmelztiegels.
Meyerhoff erzählt miniaturisch: peinlich-genaue Vorsprache, von Ehrgeiz durchglühte Mitschüler, die erste professionelle Kränkung, die erste Rolle, die nicht passt – und trotzdem wie ein Maßanzug wirkt, weil man darin laufen lernt. Parallel verdichtet sich das Familienpanorama: Das Altern der Großeltern, kleine Stürze, Arzttermine, Abende mit Getränken, die „die Zunge weicher machen“ und zugleich Wahrheiten lockern. Das Buch steuert auf Zäsuren zu, die man kommen sieht und trotzdem unterschätzt – Trauer, Abschied, die Erkenntnis, dass man Beruf auch wählt, um dem Verlust eine Form zu geben. Der Schluss verzichtet auf den rauschenden Triumph. Die „Lücke“ bleibt – als schmerzende Leerstelle und als Auftrag.
Lücke, Bühne, Familie
Die Lücke als Motor.
Der Titel ist Programm: Lücken in Können, Herkunft, Tagesplanung. Diese Abstände sind keine Defekte, sondern Produktionsräume. Der Erzähler wird nicht „trotz“ der Lücke gut, sondern durch sie: Unsicherheit zwingt zur Aufmerksamkeit, Brüche zur Präzision. Das Buch weiß, dass Souveränität oft nachträglich entsteht.
Bühne als Wahrheitsprobe.
Schauspiel ist hier nicht Glamour, sondern Handwerk: Atem, Haltung, Timing. Die Schule prüft weniger „Talent“ als Fähigkeit zur Wiederholung – zur Disziplin, die aus Versagen Wissen macht. Der Roman zeigt, dass die Frage „Kann ich das?“ sich selten im Applaus entscheidet, sondern im stillen Üben.
Großeltern als Kontrapunkt.
Das Münchner Interieur liefert Wärme und ironische Distanz. Es gibt Aperitifs, Etikette, Rituale der Fürsorge. Dabei kippt nichts in Nostalgie: Die Wohnung ist auch ein Ort des Alterns, der Verunsicherung, der zarten Zerbrechlichkeit. Gerade deshalb trägt sie. Die Liebe zu den Großeltern ist komisch, höflich, tief.
Komik als Ethik.
Meyerhoff lacht nie über Figuren – er lacht mit ihnen, auch wenn er sie schonungslos zeichnet (und sich selbst zuerst). Humor ist Haltungsarbeit: Er hält aus, was ohne ihn zu schwer würde. Diese Komik ist nie Deko; sie ist Methode der Wahrnehmung.
Trauer als Formkraft.
Die „entsetzliche Lücke“ ist nicht Metapher für Null – sie ist real. Der Text umkreist Verlust, ohne ihn zu melodramatisieren. Aus dem Fehlen wird eine Form: Bühne, Sprache, Erinnerung. So entsteht ein Roman, der das Gegenteil von Eskapismus ist – Hingucken als Trost.
Kunstbetrieb, Klassenfragen, Care
Das Buch wirft einen schnörkellosen Blick in den Kunstbetrieb: Hier sortiert Leistung sich durch Zugänge, Tonlagen, unsichtbare Codes. Wer mit Klassenfragen auf den Text schaut, erkennt die Arbeit am Habitus: Der Erzähler lernt nicht nur Rollen, sondern Räume – wie spricht man beim Vorsprechen, wie tritt man ein, wie „hält“ man sich im Gespräch? Gleichzeitig macht der Roman Care-Arbeit sichtbar: die pflegende Gegenwart der Großeltern, aber auch die emotionale Arbeit der Enkelgeneration, die zwischen Ambitionen und Verantwortung verhandelt.
Sätze mit Bühnengehör
Meyerhoff schreibt mit Sprechrhythmus: klar, präzise, frisch punktiert. Szenen beginnen oft mit einer kleinen Alltagsdrehung und enden dort, wo der Leser kurz den Atem anhält. Metaphern sind funktionsfähig, nicht dekorativ. Man merkt: Diese Prosa ist gespielt und gedacht – eine Kombination aus Lakonie und Zärtlichkeit, die das Komische tragfähig macht. Wer laut liest, hört ein Timing, das man nicht lehren kann, nur üben.
Für wen eignet sich der Roman?
Für Leser, die Autofiktion mit Handwerk mögen; für alle, die an Kunst-Ausbildung, Scheitern und Familiennäheinteressiert sind. Für Buchclubs, die über Klassenzeichen, Care und Humor als Coping sprechen wollen. Wer große Plot-Explosionen braucht, ist hier nicht zuhause; wer Menschen lesen will, bleibt hängen – und zwar lange.
Kritische Einschätzung – Stärken & produktive Reibungen
Was glänzt:
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Miniaturen mit Tragweite: Jede Szene trägt mehr als sich zeigt – Erinnerung arbeitet zwischen den Absätzen.
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Humor ohne Häme: Der Text schützt seine Figuren, auch wenn er sie entblößt.
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Doppelbewegung von Bühne und Zuhause: Ausbildung und Familie spiegeln einander; die Lücke bleibt verbindendes Motiv.
Was reibt (fruchtbar):
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Episodenform: Wer linearen Spannungsbogen erwartet, muss Vertrauen in Zwischentöne mitbringen.
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Selbstentblößung: Die Fremdscham ist gewollt – nicht jeder Leser liebt sie sofort.
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Manierenspiel der Großeltern: Wer mit ironischer Höflichkeit wenig anfangen kann, wird sie anfangs als Pose lesen – und später begreifen, dass sie Schutzschicht ist.
Hörbuch & Bühne – Wenn der Autor selbst den Takt setzt
Das Hörbuch (Autor liest) ist fast eine Parallelfassung: Meyerhoff verschiebt Pausen, lässt Pointen nachglimmen, senkt in ernsten Momenten die Stimme – genau der Ton, der den Text trägt. Als Lesebühne funktioniert der Stoff exzellent: Kein Effekt-Feuerwerk, sondern Stimmenarbeit, die zeigt, wie aus Scheitern Präsenz wird.
Über den Autor – Joachim Meyerhoff
Joachim Meyerhoff (geb. 1967) ist Schauspieler, Regisseur und Autor – eine selten stabile Dreifachbegabung. Er prägte große Bühnen (u. a. Wien), bevor seine Lesereihen zu literarischen Ereignissen wurden. Seine Prosa verbindet Beobachtungsschärfe, Humor und eine empathische Genauigkeit, die Figuren nie vorführt. Übersetzungen in viele Sprachen und zahlreiche Auszeichnungen belegen die Reichweite, wichtiger ist sein Ton: selbstironisch, präzis, zugewandt. Er zeigt, wie man aus Alltag Literatur macht – und aus Verlust Form.
Wie man mit einer Lücke lebt (und daraus Kunst macht)
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist ein Roman über das Handwerk des Erwachsenwerdens. Er zeigt, dass Scheitern keine Episode ist, sondern Methode; dass Familie im Ritual Wärme baut; dass Kunst nicht von Pose lebt, sondern von Wiederholung, Wahrnehmung, Witz. Man schlägt das Buch zu und merkt: Auch die eigene Lücke ist vielleicht Arbeitsmaterial – nicht nur Schmerz. Das ist der Trost dieses Textes: Er nimmt nichts weg, aber er gibt Form.
Reihen-Überblick – „Alle Toten fliegen hoch“ & mehr
Meyerhoffs literarischer Kosmos ist seriell, aber kein Franchise: Jede Etappe steht für sich – und lädt doch zum Weitergehen ein. Eine sinnvolle Leseordnung:
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Alle Toten fliegen hoch – Amerika (Band 1): Austauschjahr in den USA; Fremdheit als Brennglas für Identität.
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Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (Band 2): Kindheit/Jugend auf dem Gelände einer Klinik – Familienleben zwischen Institution und Intimität.
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Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (Band 3): Schauspielschule, Großeltern, Stadtleben – Fail-Kulturals Reifung.
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