Ein Roman wie ein verbrauchtes Pflaster Charles Bukowski: Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend


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Ein Junge liegt unter dem Bett, weil darüber die Welt tobt. Henry Chinaski, später Bukowskis literarisches Alter Ego, beginnt sein Erzählen in der Tiefe – nicht im Sinn des Symbols, sondern im Raum des Rückzugs. Es ist die vielleicht ehrlichste Position für einen Roman über die Jugend: nicht als Aufbruch, sondern als Ausharren.

Charles Bukowskis Charles Bukowskis Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

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Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend: Roman

Bukowski erzählt keine Geschichte vom Erwachsenwerden, sondern vom Überstehen. Die Jugend, wie sie sich hier zeigt, ist kein Versprechen. Sie ist ein Zustand: roh, ungeschützt, ohne Ziel. In diesem Zustand liegt der Kern von Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend – ein Buch, das nicht tröstet, sondern zeigt, was passiert, wenn Trost fehlt.

Keine Kulisse, nur Zustand

Kalifornien, 1930er Jahre. Die große Depression ist nicht Thema, sondern Textur. Der Vater verlässt morgens pünktlich das Haus, damit die Nachbarn seine Arbeitslosigkeit nicht bemerken. In der Schule wird Henry zum „Sauerkrautfresser“, lernt, die Fäuste oben zu halten, wenn die anderen über ihn herfallen. Die Erzählung macht daraus kein Drama – sie bleibt registrierend, fast beiläufig. Gerade dadurch wird spürbar, wie sehr Gewalt hier nicht als Ausbruch, sondern als Normalzustand existiert.

Bukowski verzichtet auf jede dramatische Steigerung. Der Roman kennt keine Höhepunkte. Und gerade darin liegt seine formale Radikalität. Die Innenwelt bleibt lebhaft, intensiv – und zugleich sinnentleert. Es gibt kein Ziel, kein Streben, keine Vision. Nur ein Weiter.

Sprache ohne Schonung

Die Sprache ist schlicht, fast roh. Die Sätze sind knapp, ohne Schmuck, ohne Rhythmuskomfort. Es gibt keine Metaphern, es sei denn, sie entstehen aus der Beobachtung selbst. Doch gerade diese formale Unauffälligkeit macht das Buch stark. Die Plastizität des Erzählten ist enorm. Man sieht die Räume, die Gesichter, die stummen Nachmittage mit leeren Kühlschränken.

Bukowski schreibt nicht, um zu bewegen. Und doch ist der Text von einer eigentümlichen Berührtheit durchzogen – als wolle er nichts anderes, als die Dinge stehen lassen, wie sie waren. Keine Erklärung, keine moralische Einrahmung. Nur Erfahrung.

Der Junge, der draußen bleibt

Henry Chinaski ist kein Rebell, kein Träumer, kein scheiternder Held. Er ist einer, der draußen bleibt. Nicht aus Haltung, sondern weil es keinen Weg nach innen gibt. Das Außenseitertum ist keine Pose, sondern ein Resultat. Es entsteht nicht aus Selbstbehauptung, sondern aus Ausschluss.

Diese Figur ist keine Projektionsfläche. Aber sie bleibt offen – ein Hohlraum, in dem sich die Leser:innen mit ihrer eigenen Geschichte bewegen können. Gerade weil Bukowski jede Typisierung vermeidet, wird Chinaski lesbar: als jemand, dessen Leben eine einzige Reaktion auf das ist, was ihm verwehrt bleibt.

Gesellschaft als Ausschlussverfahren

Das Schlimmste kommt noch lässt sich auch als Soziogramm lesen – ohne Theorie, aber mit Präzision. Der Roman zeigt, wie Gesellschaft selektiert. Wer sich nicht fügt, wer nicht funktioniert, wer zu viel fühlt oder zu wenig passt, wird an den Rand gedrängt. Und am Rand beginnt ein Leben, das nicht mehr zu erzählen ist im Modus des Fortschritts.

Der Text verweigert sich der Hoffnung, ohne Hoffnungslosigkeit zu kultivieren. Er bleibt nüchtern, zeigt keine Utopien – aber eine Form des Durchkommens, die etwas Lebensbejahendes in sich trägt. Kein Glaube an Sinn, aber auch keine Flucht in Weltflucht. Kein Prinzip, aber Präsenz.

Literatur als Abrieb der Wirklichkeit

Bukowski macht daraus keine Erzählhaltung. Kein Stilmittel. Es ist die einzige Form, in der diese Jugend überhaupt Literatur werden kann. Die Sprache bleibt ganz bei dem, was ist. Das Erzählen zieht sich nicht zurück in Struktur, sondern geht mit – in den Schmerz, in die Langeweile, in das Verstummen.

Es ist ein Roman, der betroffen macht, aber nicht durch Pathos, sondern durch Konsequenz. Ein Buch ohne Trost, aber mit Haltung.

Und vielleicht stellt sich beim Lesen eine andere Frage – leise, bohrend:
Was hat sich seitdem geändert? Die Begriffe, die Schulformen, die Diagnosen. Die Väter sind seltener da, aber auch seltener prügelnd. Die Armut spricht andere Sprachen. Aber der Druck, zu funktionieren, ist geblieben. Die Gewalt ist diffuser geworden, das Ausschließen professioneller, die Verlorenheit nicht geringer.

Der Rahmen hat sich verschoben.
Die Freiheit – nicht vergrößert.


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