Nachdenken einer vernachlässigten Sache

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Hegel würde sagen: Ihr habt die Dialektik angehalten. Arendt würde sagen: Ihr habt den Raum zerstört, in dem Wahrheit erscheinen kann. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt keine historische Distanz, sondern eine präzise Diagnose der Gegenwart. Denn was heute als wissenschaftlicher Konsens, evidenzbasierte Politik oder alternativlose Sachlogik firmiert, ist weniger Ausdruck gewonnener Erkenntnis als Ergebnis einer epistemischen Stillstellung. Wahrheit wird nicht mehr gesucht, sondern verwaltet; Zweifel nicht mehr produktiv gemacht, sondern als Risiko markiert.

Diese Verschiebung ist kein Technikproblem. Sie ist auch kein Streit um Daten, Modelle oder Messfehler. Sie ist ein Erkenntnisproblem – und damit gefährlicher als jede einzelne falsche Entscheidung. Denn sie verändert nicht nur Antworten, sondern die Bedingungen, unter denen Fragen noch gestellt werden dürfen.

Wissenschaft, in ihrem klassischen Sinn, ist ein riskantes Verfahren – kein Besitzstand, kein Autoritätsargument, kein moralischer Hebel. Sie lebt vom Widerspruch, von der Möglichkeit des Irrtums, von der Zumutung, dass Ergebnisse vorläufig sind. Erkenntnis entsteht nicht trotz, sondern durch Negation. Hegel wusste das. Wahrheit ist kein Besitz, sondern Bewegung; kein Endpunkt, sondern ein Prozess der Vermittlung. Wer den Widerspruch stillstellt, produziert nicht Ordnung, sondern Erstarrung.

Scientismus beginnt dort, wo diese Bewegung zum Stillstand kommt und sich Wissenschaft von einem offenen Erkenntnisverfahren in eine Legitimationsinstanz verwandelt. Er ist nicht die Überschätzung der Wissenschaft, sondern ihre funktionale Verengung. Ergebnisse werden aus ihrem Entstehungskontext gelöst und in Autoritäten verwandelt. Modelle, die unter Annahmen arbeiten, werden zu Entscheidungsinstanzen. Unsicherheit, die konstitutiv zur Erkenntnis gehört, wird moralisch umcodiert: Nicht mehr als offenes Problem, sondern als verantwortungsloser Zweifel.

Dabei operiert der Scientismus nicht mit Lüge, sondern mit Legitimation. Er benötigt keine falschen Daten, sondern die falsche Rolle der Daten. Wissenschaftliche Aussagen dienen nicht mehr primär dem Verstehen, sondern der Rechtfertigung. Das Urteil wird durch Berufung ersetzt. Wo früher argumentiert wurde, wird heute referenziert. Wo gestritten wurde, wird konsentiert.

An diesem Punkt wird Hannah Arendt unvermeidlich – nicht als Theoretikerin der Wissenschaft, sondern als Analytikerin politischer Urteilskraft. Denn Arendt interessiert sich nicht für Wahrheit als logische Struktur, sondern für Wahrheit als politische Existenzform. Tatsachen sind für sie weder Meinungen noch Ableitungen aus Modellen. Sie sind fragil, kontingent und auf Öffentlichkeit angewiesen. Sie existieren nur dort, wo sie erscheinen dürfen – im Streit, in der Pluralität, im Raum des Sprechens.

Scientismus zerstört diesen Raum nicht durch Zensur, sondern durch Überformung. Prognosen ersetzen Erfahrung. Szenarien verdrängen Zeugenschaft. Sachzwang tritt an die Stelle der Urteilskraft. Was als neutraler Vollzug erscheint, ist in Wahrheit eine Entpolitisierung durch Technisierung. Nicht weil Politik verschwindet, sondern weil sie sich ihrer eigenen Verantwortung entzieht.

Das Entscheidende ist: Diese Logik ist immunisierend. Kritik wird nicht widerlegt, sondern delegitimiert. Wer fragt, gilt als Störer. Wer zögert, als Gefährder. Wer Alternativen denkt, als irrational. Die Grenze verläuft nicht mehr zwischen wahr und falsch, sondern zwischen anschlussfähig und inakzeptabel. Genau hier kippt Wissenschaft in eine sektenähnliche Struktur: nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen ihrer sozialen Dynamik.

Sekten zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie nichts wissen, sondern dadurch, dass sie nicht mehr korrigierbar sind. Sie schützen ihre Wahrheit, statt sie zu riskieren. Sie verwechseln Sinn mit Gewissheit und Loyalität mit Erkenntnis. In diesem Sinne ist Scientismus keine Abweichung von der Moderne, sondern ihre pathologische Zuspitzung: die Flucht vor Unsicherheit in berechenbare Erzählungen.

Das macht ihn so gefährlich. Denn komplexe Systeme scheitern selten an mangelndem Wissen. Sie scheitern an Übergewissheit. An der Annahme, man habe die relevanten Variablen identifiziert. An der Gewohnheit, nur noch erwartbare Ergebnisse für relevant zu erklären. Was nicht modellierbar ist, gilt als vernachlässigbar. Was nicht quantifizierbar ist, als unwissenschaftlich. Was nicht in den Rahmen passt, als politisch störend.

Doch die Wirklichkeit hält sich nicht an Rahmen. Ökologische, soziale und politische Systeme reagieren nicht linear. Ihre Bruchstellen liegen fast immer außerhalb der Modelle, die zu ihrer Stabilisierung entworfen wurden. Wer diese Möglichkeit ausblendet, produziert nicht Sicherheit, sondern Blindheit.

Der eigentliche Verlust ist dabei nicht Wahrheit im emphatischen Sinn, sondern Urteilskraft – also die Fähigkeit, ohne wissenschaftliche Autoritätsabkürzung politisch zu denken. Arendt hätte gesagt: die Fähigkeit, sich ohne Geländer im Denken zu bewegen. Urteilskraft bedeutet, ohne letzte Sicherheiten entscheiden zu müssen – im Wissen um die eigene Fehlbarkeit. Sie lässt sich nicht delegieren, weder an Algorithmen noch an Expertengremien. Wo sie durch Sachzwang ersetzt wird, verschwindet Verantwortung nicht, sie wird nur unsichtbar.

In diesem Sinn ist Scientismus kein Erkenntnisfortschritt, sondern ein Rückzug. Er verspricht Kontrolle und liefert Konformität. Er reduziert Komplexität, indem er sie moralisch einfriert. Und er gefährdet genau das, was er zu schützen vorgibt: die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen.

Eine Gesellschaft scheitert nicht daran, dass sie irrt. Sie scheitert daran, dass sie das Irren verlernt. Dort, wo Wahrheit nicht mehr gesucht, sondern verwaltet wird, endet Wissenschaft als Praxis. Was bleibt, ist Gewissheit – und die ist der unzuverlässigste aller Ratgeber.

Vernachlässigt wurde nicht ein bestimmtes Wissen und auch keine bessere Theorie, sondern etwas Profaneres und Unbequemeres: die Bereitschaft, ohne Absicherung zu denken, ohne Garantie auf Zustimmung, ohne die Erwartung, am Ende auf der richtigen Seite zu stehen.


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