Ein Haus in New York, Sommer 1941. Genia und Robert Schicht, ein Ehepaar aus Wien – sie Pianistin, er Kinderarzt – ziehen mittellos in ein Backsteingebäude, bewohnt von deutschsprachigen Emigranten. Jede Etage erzählt von Flucht, jede Tür von Verlust. Es ist ein Haus der Treppen und Abstiege, kein Ort des Ankommens. Vom Keller bis unters Dach bleibt die alte Weltordnung bestehen – Schicht für Schicht.
Der Roman, vor über achtzig Jahren im Exil verfasst, liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Ein Text, der nicht nur wiedergefunden, sondern wiedergehört werden muss.
Lili Körber: Schreiben als Widerstand gegen das Verschwinden
1897 in Moskau geboren, aufgewachsen in Wien, war Lili Körber Journalistin, politische Beobachterin und literarische Zeitzeugin. Ihre frühen Reportagen machten sie bekannt, ihre Romane unbequem. 1934 wurde ihr Buch Eine Jüdin erlebt das neue Deutschland in Österreich verboten. 1938 floh sie mit ihrem Mann über Zürich und Paris nach New York – eine Station unter vielen für die zehntausenden jüdischen Flüchtlinge aus Europa.
Dort schrieb sie weiter – auf Englisch, ohne Resonanz. Die literarische Welt nahm wenig Notiz von ihrem Werk. Abschied von Gestern, in dieser Zeit entstanden, blieb unveröffentlicht. Erst jetzt, Jahrzehnte nach Körbers Tod, wird ihre Stimme hörbar.
Im Exil zwischen Hoffnung und Verlust
Der Roman erzählt von einem Alltag im Ausnahmezustand. Genia und Robert schlagen sich durch mit Gelegenheitsjobs, Sprachbarrieren, Papierkram. Ihre Ehe leidet unter der Unsicherheit, unter der schleichenden Erosion von Zukunft.
Das Mietshaus wird zum sozialen Brennglas: Künstler, Krankenschwestern, Kaufleute, Hausangestellte – alle geflohen, entwurzelt, auf der Suche nach einem Rest von Zugehörigkeit. Die Hierarchie des Hauses spiegelt die ökonomische und emotionale Lage der Bewohner. Jede Tür eine Grenze, jeder Flur ein Niemandsland.
Der Ton des Romans ist zurückhaltend, genau. Er zeigt keine Helden, keine Erlösung – sondern fragile Figuren, deren Stärke im Aushalten liegt. Das Exil erscheint nicht als Ort der Hoffnung, sondern als Zwischenzustand, in dem sich Identitäten auflösen.
Sprache als Form von Zeugenschaft
Körbers Sprache ist klar, ohne Ornament, aber atmosphärisch dicht. Der Text arbeitet nicht mit dramatischer Zuspitzung, sondern mit langsamer Durchdringung. Kein moralischer Ton, kein Pathos – dafür eine spürbare Ernsthaftigkeit im Umgang mit Erfahrungen, die weder abgeschlossen noch aufgearbeitet sind.
Das Haus wird zur Metapher für eine Gesellschaft im Übergang: oben das Erinnerte, unten das Verdrängte. Körber beschreibt diese Ordnung nicht analytisch, sondern erfahrungsnah. Ihre Figuren sind hörbar, auch wenn sie schweigen.
In dieser Sprache liegt kein Trost, aber viel Aufmerksamkeit. Sie ist ein Instrument der Erinnerung – leise, aber nachhaltig.
Und doch ist dieser Roman notwendig
Die Exilliteratur der 30er und 40er Jahre ist kein leeres Regal. Seghers, Mann, Keun, Klaus Mann, Weiß – sie alle haben das Exil beschrieben: als Transitraum, als Sprachverlust, als politische Erfahrung, als psychische Zerreißprobe.
Was Abschied von Gestern unterscheidet, ist nicht der Stoff – sondern die Haltung. Körber beschreibt das Exil nicht als mythische Schwelle, nicht als Allegorie des Widerstands, sondern als soziale Realität. Ihre Figuren sind keine Helden, sondern Menschen in Zwischenzuständen.
Körbers Blick ist unpathetisch, ihre Sprache unbestechlich. Der Text erzählt nicht vom Schrecken, sondern von der Erschöpfung. Nicht von der Schuld, sondern vom Verstummen.
Und er erzählt aus einer doppelten Unsichtbarkeit: als Exilschrift und als Werk einer Autorin, die selbst aus dem literarischen Gedächtnis gefallen ist.
Dass dieser Roman jetzt wieder zu lesen ist, bedeutet auch: ein Loch im Archiv wird kleiner.
Warum dieses Buch jetzt lesen?
Weil es zeigt, was Exil bedeutet, jenseits der großen Gesten. Weil es eine weibliche Stimme hörbar macht, die gegen das Verschwinden angeschrieben hat – und lange selbst verschwiegen wurde.
Abschied von Gestern erzählt nicht von gelungenem Ankommen, sondern vom Überleben. Es ist ein Text über das Unsichtbare: über Sorgen, die kein Sprachrohr finden, über Geschichten, die nicht zirkulieren.
Dass dieser Roman nun vorliegt, ist nicht nur ein literarisches Ereignis, sondern ein aktiver Beitrag zur Erinnerungskultur. Er holt ein Werk aus dem Schatten – und macht deutlich, wie viele Stimmen im Exil zu lange überhört wurden.
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