Der Thomas-Mann-Preis 2025 geht an Katja Lange-Müller. Die Hansestadt Lübeck und die Bayerische Akademie der Schönen Künste würdigen damit eine Autorin, die den literarischen Blick auf das Verlorene, Prekäre und Schräge richtet – und dies mit einer Mischung aus grotesker Komik, Lakonie und präziser Menschenbeobachtung. Die Verleihung findet am 13. November in der Münchener Residenz statt. Die Laudatio hält der Kritiker Carsten Otte.
Literatur als Verhaltensstudie
Seit ihrem Debüt „Wehleid – wie im Leben“ (1986) hat die 1951 in Ost-Berlin geborene Autorin ein Werk geschaffen, das sich literarischer Konvention ebenso entzieht wie moralischer Selbstgewissheit. In Romanen wie „Die Letzten“(2000), „Böse Schafe“ (2007), „Drehtür“ (2016) und zuletzt „Unser Ole“ (2024) bewegt sie sich souverän durch Milieus der Vor- und Nachwendezeit, beleuchtet Randexistenzen und psychische Rutschbahnen – stets mit feinem Gespür für sprachliche Zwischentöne und „zwielichtige Wortgebilde“, wie die Jury es formuliert.
Engagement, Rückzug, Widerspruch
Lange-Müllers Biografie ist geprägt von Eigenständigkeit. Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Akademie der Künste, war sie Mitbegründerin des PEN Berlin – als Reaktion auf die gescheiterte Vereinigung des west- und ostdeutschen PEN. Ihre Distanz zu moralisierender Eindeutigkeit zeigte sich auch in ihrer politischen Haltung: 2022 unterzeichnete sie einen offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, revidierte dies aber später mit scharfer Kritik an der Selbstinszenierung der Unterzeichner.
Ein Preis mit Geschichte
Der heutige Preis hat eine wechselvolle Historie. 1975 von der Hansestadt Lübeck anlässlich des 100. Geburtstags von Thomas Mann gestiftet, wurde er ursprünglich alle drei Jahre vergeben. Nach nur zwölf Vergaben – zuletzt 2008 an Daniel Kehlmann – kam es zu einem kulturpolitischen Streit: Die Bayerische Akademie wollte ihren „Großen Literaturpreis“ in Thomas-Mann-Preis umbenennen. Die Lübecker Thomas-Mann-Gesellschaft protestierte – nicht zuletzt, weil Mann 1933 aus München vertrieben worden war.
Ein Vorschlag aus dem Kulturmagazin Unser Lübeck mündete schließlich 2009 in einen Kompromiss: Der Preis wird seither gemeinsam vergeben, jährlich im Wechsel zwischen München und Lübeck. Christa Wolf erhielt 2010 als erste Preisträgerin der Neuausrichtung die Auszeichnung. Seither zählt der Preis zu den renommiertesten im deutschen Sprachraum – mit Fokus auf Lebenswerk oder herausragende Leistungen der literarischen Vermittlung. Die Dotierung beträgt aktuell 25.000 Euro.
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