Tanja Maljartschuk - "Blauwahl der Erinnerung" So ziehen sich Narben durch dein Land

Tanja Maljartschuk erzählt in ihrem grandiosen Roman "Blauwal des Vergessens" von Narben, die gegenwärtigen Wunden gleichen. Die hier vorgestellte Ich-Erzählerin stößt auf den ukrainischen Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyi, der ihr vollkommen unbekannt ist. Um ihrem eigenen Verschwinden zu entkommen, nimmt sie sich vor, die Geschichte Lypynskyis vor dem Vergessen zu schützen. Bild: Kiepenheuer & Witsch

Die ukrainische Schriftstellerin und Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk erzählt in ihrem Roman "Blauwal der Erinnerung" von verschwundenen Spuren in einem stets vom Verschwinden bedrohten Land. Die Ich-Erzählerin, eine namenlose Autorin die unter Panikattacken und Zwangsneurosen leidet, stößt in alten ukrainischen Journalen auf den Philosophen und Politiker Wjatscheslaw Lypynskyj, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfte. Zwischen der historischen Figur Lypynskyj, die dem Vergessen anheim gefallen zu sein scheint, und der Erzählerin, die mit ihrem eigenen Verschwinden zu kämpfen hat, liegt das Verschwinden selbst - das weit aufgerissene Maul eines alle Erinnerungen vertilgenden Blauwals.

Die Erzählerin selbst weiß nichts mit dem vermeidlichen Nationalhelden anzufangen. In einem alten Nachruf auf den im Juni 1931 im Alter von nur 49 Jahren an Tuberkulose gestorbenen Lypynskyj, liest sie dessen Namen zum ersten Mal. Sie hat das seltsame Gefühl, ein alles verschlingender Blauwal hätte Leben, Leiden, Begehren und Lieben verschlungen. Eine in Fetzen gerissene Biografie, kaum mehr aufzulesen und ebenso unwichtig wie die bisherigen Bücher der Ich-Erzählerin, von denen diese selber sagt, dass sie kaum jemand braucht. Und doch: Gegen ihre eigene Depression ankämpfend, zieht sie zugleich in den Kampf um den ukrainischen Volkshelden Lypynskyj. Individuelles Leiden wird auf die nationale Ebene gehoben.

Die Gegenwart ist ein historisches Element

Die Verknüpfung - vielmehr noch die Überlappung - von Historie und Gegenwart, individuellem und kollektivem Leiden steht im Mittelpunkt des Romans "Blauwahl der Erinnerung". Tanja Maljartschuks poetischer Blick erschafft ein Land, dessen Narben den offenen Wunden der Gegenwart gleichen, ein Land, das sich über den Kampf um Anerkennung definiert. Diesen Kampf unvergessen zu machen, ist die Aufgabe, der sich die Ich-Erzählerin verschreibt.

So springt die Erzählung zwischen historischer Szenerie, das frühe 20. Jahrhundert, und Gegenwart, im Falle des Romans das Jahr 2000, hin und her. Als Transfer-Element wird dabei die Liebe genutzt. So bekommen wir sowohl Einblicke in das unglücklich Liebesleben der Erzählerin als auch in das des Volkshelden Wjatscheslaw Lypynskyj, der in selbstzerstörerischer Art und Weise einer selbstbewussten Dame namens Kazimiera Szumińska verfallen ist. In beiden Fällen haben wir es mit den Auswirkungen zwischenmenschlicher Beziehungen auf das gesamte Leben zu tun. Missverständnisse, Streit und Einsamkeit zeichnen sich auf den Charakteren ab. Nur das in den Blick nehmen politischer Ziele kann von dem Schmerz ablenken, der mit all diesen Überwerfungen einhergeht.

Erinnerungskampf ist Freiheitskampf

Im Leben Wjatscheslaw Lypynskyjs liegt das politische Engagement ganz klar auf der Hand. Er nimmt am ukrainischen Befreiungskampf teil, hebt die Ukraine in Abhandlungen und Geschichten hervor, gründet im Mai 1917 eine konservative politische Partei, deren Programm er schrieb. Nach der Gründung des ukrainischen Staates, geht er als Botschafter in Wien, wo er später, nach Zusammenbruch der Habsburgermonarchie im Exil weiterlebte. Frau und Kind litten unter diesem unbedingten Bekenntnis zur ukrainischen Nation, blieben einsam zurück.

Mit einer allmählich sich entwickelnden, ganz ähnlichen Obsession geht die Ich-Erzählerin an die Geschichte Lypynskyjs heran. Auch sie gerät immer wieder in unglückliche Liebesgeschichten hinein. Dabei scheint es jedoch so, als würden die Männer zunehmend zum Beiwerk ihrer geistigen Arbeit. Eine Bekanntschaft heiratet sie sogar, einen Mann, den sie in einem Zug kennengelernt. Es wird nichts. Depressionen und Ängste stemmen sich gegen die Möglichkeit einer harmonischen zwischenmenschlichen Beziehung.

Was bei Lypynskyj Freiheitskampf war, wird bei der Erzählerin zum Erinnerungskampf. Da ihr die Möglichkeit gegebene ist, in der Geschichte ihres Landes zu wühlen, durch archäologische Geistesarbeit also verschüttete Taten und Ideen an die Oberfläche zu bringen, ist es ihr möglich, ihr Leiden zu ertragen. Ihre Gegenwart, und so wären wir wieder dort, wo wir angefangen haben, ist im besten Sinne flektierte Vergangenheit. In diesem Sinne können wir fragen: Wie werden wir Tanja Maljartschuk in 100 Jahren lesen?


Tanja Maljartschuk: "Blauwahl der Erinnerung"; Kiepenheuer & Witsch, 2019; 288 Seiten, 21,99 Euro


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