Jahresbestseller 2021 Eine Erfolgsgeschichte: Delia Owens´ Roman "Der Gesang der Flusskrebse"

Delia Owens Roman "Der Gesang der Flusskrebse ist der Jahresbestseller 2021. Worin liegt der außerordentliche Erfolg dieses Buches begründet? Und ist möglich, dass ausgerechnet der Grund seines Erfolges zugleich die größte Schwäche des Romans ist? Bild: hanserblau

Delia Owens vor etwa einem Jahr auf deutsch erschienener Roman "Der Gesang der Flusskrebse" ist ein bahnbrechender Erfolg geworden. Den Analysen von Media Control zufolge, hat Owens mit ihrem Buch den Jahresbesteller 2021 geschrieben - keinen Titel kauften die Deutschen im vergangenen Jahr häufiger. Allein in den USA ist der im Original 2018 erschienene Roman millionenfach verkauft geworden. Ganze 11 Monate stand "Der Gesang der Flusskrebse" auf der New York Times-Bestsellerliste. Was macht Delia Owens Erfolg aus? Leicht verdaulicher Inhalt? Kitsch? Hoffnungsstiftende Geschichte? Eine Verlassene als Identifikationsfigur? Und wo liegen die Schwächen des Buches?

 

"Der Gesang der Flusskrebse" ist ein Roman, dessen Inhalt sich einer allzu hastigen Einordnung und Vorstellung entzieht. Das mag für viele Bücher gelten, ist in diesem Fall aber insofern erwähnenswert, als es der Autorin, Delia Owens, gelungen ist, eine doch recht komplexe, nicht unpoetischen Geschichte zu schreiben, die ein Millionenpublikum begeisterte. Bereits in den USA ist das dort 2018 erschienene Buch ein gewaltiger Erfolg gewesen; in Deutschland, das wissen wir seit kurzem, ist "Der Gesang der Flusskrebse" der meistverkaufte Roman des vergangenen Jahres. Dabei haben wir es hier weder mit einer historischen Herzschmerz-Romance, noch mit einem stupiden, spannungsgeladenen Thriller zu tun.

Owens schreibt einen Entwicklungsroman, eine Liebesgeschichte, ein Krimi. Sie schreibt vom Ausgesetzt-Sein, von sozialen Ängsten und Verlusten, vom Aufeinandertreffen von Mensch und Natur und der Fähigkeit, sich anzupassen. Und vielleicht ist gerade dieser letzte Punkt nicht zu unterschätzen: Wo Menschen als Naturzerstörer, als Zertrümmerer ihrer eigenen Lebensgrundlage auftreten, schickt Delia Owens ihre Heldin, das Mädchen Kya, in die Marschlandschaft North Carolinas. In Kya´s Leben ist es die Gesellschaft - namentlich die Familie - die zerstört wird. Zunächst flieht die Mutter von ihrem gewalttätigen Ehemann, bald verschwinden auch die Geschwister, und so bleibt Kya allein in der schäbigen Hütte, die sie einst mit ihrer von Armut gezeichneten Familie bewohnte.

Es genügt die uns allen bekannte Einsamkeit

Die Anfangs von einer Sozialarbeiterin nur halbherzig in die Wege geleiteten Versuche, Kya in die Gemeinschaft des nahe gelegenen Ortes Barkley Cove zu integrieren, scheitern. Die Dorfbewohner wenden sich gegen Kya. Bald nennt man sie abwertend "das Marschmädchen". Von diesem menschenfernen Tableau aus, erzählt Owens nun die Geschichte einer ausgestoßenen Überlebenden. Und allein dieses Motiv der Einsamkeit, der menschenferne, gibt dieser Geschichte - frei nach dem Berthold Brecht Motto: "Nicht schlecht ist die Welt, sondern voll" - etwas schillerndes. Einerseits ist da die Sehnsucht nach Ruhe. Auf der anderen Seite das ausgestoßenen Individuum, welches, verlassen und auf sich allein gestellt, zu überleben lernen muss. Und beide Seiten können problemlos auf soziale Realitäten projiziert werden. So wird Kya´s Geschichte allegorisch; wie sie Muscheln sammelt und Fische räuchert, wie sich die Sehnsucht nach einem Gesprächspartner in ihr breit macht, mit dem sie das Erlebte und Erfahrene teilen kann - um diese Figur zur Identifikationsfigur zu erheben, braucht es kein abgeschottetes Leben im Wald. Es genügt ein Stadtleben; ein Leben im Dorf. Es genügt das uns allen mehr oder weniger bekannte, allumgreifende Gefühl der Einsamkeit. Man fühlt mit Kya, da sie dieses Gefühl, Bild geworden und überhöht, repräsentiert.

Sympathisieren mit einer Mörderin?

Wenn "Der Gesang der Flusskrebse" sich mit der Thematik der Ausgestoßenen begnügen würde, wäre der Roman 200 Seiten kürzer und mit ziemlicher Sicherheit kein so enormer Verkaufserfolg geworden. Delia Owens versetzt ihre Geschichte jedoch mit weiteren Elemente, fädelt eine Kriminalgeschichte in den Plotz, die zugleich eine Romance mitträgt. Parallel und zeitversetzt erzählt sie von der jungen Erwachsenen Kya, deren ehemaliger geliebter, der Sunnyboy Chase Andrews, zu Beginn des Romans Tot in einem Sumpf gefunden wurde. Für die Bewohner des Dorfes Barkley Cove ist klar: "Das Marschmädchen" hat den Jungen auf dem Gewissen. Ein Racheakt, da Chase Kya verlassen hat.

Diese dem erzählerischen Fundament angefügte Krimi-Romance funktioniert im Roman einerseits als abwechslungsreiches, wenn auch triviales Segment. Zugleich aber kontrastiert es die primäre Coming-of-Age Geschichte so, dass sich Leserinnen und Leser an keiner Stelle sicher sein können, ob sie mit einer Mörderin sympathisieren. Die Figur Kya ist dadurch weniger statisch, als Leser lässt man sie ungern allein.

Unerträgliche Liebesgeschichte

Letztlich ist nur schwer zu übersehen, dass "Der Gesang der Flusskrebse" aufs Publikum zugeschrieben wurde. Segmente in diesem Buch verweisen deutlich darauf, dass die Autorin Owens sehr wohl wusste, was gelesen werden will. Oft bewegt sie sich daher am Rande des Kitsches, wobei sie an anderen Stellen wiederum aufzeigt, dass großartige Naturschilderungen auch außerhalb trivialer, überbunter Blätter- und Astbeschreibungen möglich sind. Die ärgerlichste Verfehlung des Buches ist dann mit Sicherheit das gesamte Liebessegment, dem wir es beispielsweise zu verdanken haben, dass die ausgesetzte und verwilderte Kya zu einer atemberaubenden und hochgebildeten Schönheit heranwächst, die den mindestens ebenso schönen Chase - selbstverständlich ein Sunnyboy und Womanizer - kennenlernt und und und ... Alle Figuren dieser Romance sind klebrig, beliebig, phantasielos und uninteressant. Sie malträtieren förmlich den eigentlich so lobenswerten Grundstock des Romans, die bewegende Entwicklungsgeschichte eines entfremdeten Mädchens. Vielleicht liegt hier das Geheimnis des Erfolges. Ein sadistisches, ein masochistisches Vergnügen? Ein voyeuristische Blick, der mit ansieht, wie eine überzeugende Grundidee mit Zucker übergossen und erstickt wird? Wer weiß, wer weiß ...


Delia Owens: "Der Gesang der Flusskrebse"; hanserblau, 464 Seiten, 22 Euro

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