Zum anstehenden 100. Geburtstag seiner Autorin hat der Diogenes-Verlag eine mehr als 1.300 Seiten umfassende Edition herausgegeben, in der die eindringlichsten Tage- und Notizbucheinträge Patricia Highsmiths versammelt sind. Was hinlänglich bekannt ist - Alkohol in rauen Mengen, häufig wechselnde Geschlechtspartner, Selbstzweifel - ist hier in erstaunlicher Direktheit nachzulesen. Ungeschönt und von einer nahezu wahnhaften Akribie getrieben, notiert die zwanzigjährige Highsmith, die später als Meisterin des psychologischen Kriminalromans bekannt werden sollte, ihre Tagesabläufe: Streit mit der Mutter, Trinkgewohnheiten, Sex mit ihren LiebhaberInnen, aber auch Ideen für Romane und Kurzgeschichten. Über 50 Jahre schrieb sie Tage- und Notizbuch; über 8000 Seiten sind während dieser Zeit entstanden. Die nun erschienen Edition zeigt eine junge, oft an sich selbst zweifelnde, aber ebenso an das eigene Talent glaubende und festhaltende Schriftstellerin.
Die Biografie nicht vom Werk der KünstlerInnen zu trennen, ist gegenwärtig ja wieder modern. Nachdem es - insbesondere in den späten 1960er Jahren, vor allem in Frankreich - starke Bemühungen gab, einen Text, ein Bild, ein Stück als eigenständiges, vom Autor unabhängiges Konstrukt zu betrachten, zielt man heut wieder vermehrt auf die Biografie. Diese Tendenz kann Werke vernichten. Ein "unmoralischer" Lebensstil kann dazu führen, dass die Konsequenz dieses Lebensstils - das Werk - in Bausch und Bogen abgelehnt wird. Diesen nur oberflächlichen und im Kern kunstfeindlichen Bemühungen sollten wir widerstreben. Viel eher sollten wir versuchen, das Biografische als Material zu begreifen, als Masse, aus der ein bestimmter Stil, eine Figur, eine Landschaft, ein Nicken oder eine Abweisung im Text hervorging. Wer gewillt ist, diesem Verfahren nachzugehen, wer suchen und nicht nur finden will, wird in dem nun bei Diogenes erschienen Band "Tage- und Notizbüchern" der Schriftstellerin Patricia Highsmith eine Materialsammlung finden, die nicht nur die Person der Autorin näher bringt, sondern durchaus auch ein anderes Licht auf ihr Werk werfen kann.
Tage- und Notizbücher als Teil des Gesamtwerkes
Highsmith erscheint und hier als eine von Schreibzwängen und Selbstzweifeln heimgesuchte junge Frau, die sich mit ungeheuerer Neugierde in die Welt wirft. Lebensdurstig durchstreift die zwanzigjährige die New Yorker Bohème Anfang der 1940er Jahre. Sie besucht Ausstellungen, Konzerte, trinkt unablässig. Auf Gespräche folgen Affären. Highsmith, von Frauen und Männern gleichermaßen begehrt, schreibt ihre Erfahrungen in ausgesprochen radikaler Klarheit nieder. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn die junge Autorin hatte ihre Aufzeichnungen bereits früh als einen festen Bestandteil ihres Gesamtwerkes betrachtet.
Will man, mit heutigem Blick, von Lifestyle sprechen, so ist dieser Lifestyle insofern bestechend, als er das Künstlerische, das alltäglich Leben mit und unter Künstlern in den Fokus setzt. Politischen Betrachtungen konnte Highsmith wenig abgewinnen, viel mehr ist es der Umgang mit Sexualität, mit Geschlechterrollen und dem schriftstellerischen Selbstverständnis; Betrachtungen, die der eigenen Brüchigkeit, nicht den Moralvorstellungen einer elitären medialen Filterblase entspringen.
Radikalität im Umgang mit sich selbst
Die später als Meisterin des Psychologischen Kriminalromans gefeierte Autorin geht hart mit sich ins Gericht. Entweder der große Erfolg, oder die große Niederlage. Nur niemand sein, den man irgendwie mal so gelesen hat, weil er auch ganz interessante Ansichten vertritt. Ihren Lebensunterhalt - auch das Geld ist ein wichtiges Thema in den Notizen und Einträgen - verdiente sie als Comic-Texterin bei dem Verlag Fawcett in New York, bis ihr 1950 mit dem Roman "Zwei fremde im Zug" ein erster Durchbruch gelang. Insbesondere die Verfilmung von Alfred Hitchcock machte Highsmith über Nacht weltbekannt. Es folgten der unter Pseudonym veröffentlichte Roman "Salz und sein Preis", in dem es um eine lesbische Liebesbeziehung geht, und später, 1955, der erste Band der heute weltweit bekannten "Ripley"-Serie: "Der talentierte Mr. Ripley".
Der Ekel vor der Welt
Immer deutlicher stellt sich im Verlauf der Lektüre heraus, dass all den in Wochen- und Monatsrhythmus wechselnden Liebschaften ein tiefe Angst vor der Einsamkeit innewohnt. Um diesem erdrückenden Gefühl zu entkommen, stürzte sich Highsmith ins Liebesleben und ins Schreiben. Jede Reflexion, so hat man das Gefühl, muss unbedingt eine produktive, eine nachweisbare sein, muss etwas abwerfen. Aber in dieser Rasanz fällt es zunehmend schwerer, dem eigenen Leben so etwas wie einen Sinn zuzuschreiben.
Die "Tage- und Notizbücher" zeugen von einem unbeständigen Leben, von einer Flucht, die im späten Alter zunehmend zur Qual wird. Immer wieder schießt die Autorin dann gegen Menschen und Welt. Ressentiments werden deutlich, drängen hervor. Eigentlich, so schreibt Highsmith 1967, mag sie niemanden. Insbesondere die Männer kommen, was erotische Beziehungen angeht, schlecht dabei weg. Der Geschlechtsakt, sagt Highsmith, sei eine Frage der Phantasie und des Einlassens, ein Talent, was bei Männern nicht anzutreffen wäre. "Sie zu küssen, ist immer, als würde man eine gebratene Flunder küssen, ganz egal, wessen Mund es ist."
Zum Ende hin werden die Einträge immer finsterer. Ihr Leben, so die Autorin, sei eine "Abfolge unglaublicher Fehler". Sie schreibt über den Selbstmord ihrer Ex-Freundin, über den einsetzenden Wahnsinn ihrer Mutter. Sie schreibt so, als würde sie sich mit jedem Satz selbst aushöhlen, auf der Suche nach Material, welches sie uns zugleich als Suche hinterlässt.
Patricia Highsmith: "Tage- und Notizbücher" (Hrsg. von Anna von Planta); Diogenes Verlag, 2021, 1370 Seiten, 27,99 Euro
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