Im Juli dieses Jahres entflammte eine Debatte um die im SWR ausgestrahlte Sendereihe "Schecks Anti-Kanon". Der Grund: Am Ende seiner Verrisse ließ der Literaturkritiker Denis Scheck die von ihm besprochenen Bücher per Fingerzeig verpuffen und in Rauch aufgehen. Einige ZuschauerInnen fühlten sich durch diese Inszenierung nicht nur vor den Kopf gestoßen, sondern auch an die Bücherverbrennung von 1933 erinnert. Nach massiver Kritik versprach der Sender eine Überarbeitung des Formats; die Ausstrahlung wurde vorübergehend eingestellt, seit Juli war keine neue Folge zu sehen. Im "Börsenblatt" sprach SWR-Literaturchef Frank Hertweck nun über das neue Konzept, und wie es Ende Oktober weitergehen wird.
Denis Schecks "Anti-Kanon": Sie haben uns tatsächlich zugetraut, Bücher zu verbrennen
Ob man sich nun über Peter Handke als unverdienten Literaturnobelpreisträger oder über einen animierten Blitz zwischen Denis Schecks ausgestreckter Hand und einem zuvor verrissenen Buch aufregt - mit Literatur hat weder das eine noch das andere sonderlich viel zu tun. Die Erregtheit aber, kapert sämtliche Bereiche. Echauffieren ist Kultur. Und auch wenn es selbst die engagiertesten Autorinnen und Autoren unserer Zeit nicht zustande bringen, so zu schreiben, wie vor 20 Jahren im Literarischen Quartett gesprochen wurde -Kritik am Quartett werden sie weiterhin üben, wieder und wieder auf dreißig, zwanzig, auf zehn Zeichen begrenzte Kritiken, die in sich die Notwendigkeit einer ausdifferenzierten, feinfühligen und facettenreichen Sprache in Frage stellen. Für den ein oder die andere mag das überraschend klingen, aber man muss nicht einmal zwingend wertkonservativ sein, um diese Dekadenz zu bedauern.
"Anti-Kanon" - Ein Nazi-Blitz
Der Eklat um Denis Schecks "Anti-Kanon" war wohl der letzte größere Fall aus dem Literatur-Ressort, der deutlich machte, das heute gewinnt, wer am lautesten leidet. Erinnern wir uns noch einmal zurück - nur, um den Begriff "Leid" in diesem speziellen Kontext genau herauszustellen; nur, um nicht nicht Gefahr zu laufen, falsch verstanden zu werden: Zu sehen war der Literaturkritiker Denis Scheck, der - nichts sonderlich Neues - in selbstdarstellerischer Überambition Bücher besprach und verriss. Am Ende dieser unterhaltsamen Performance richtete Scheck dann seine ausgestreckte Hand gen Buch, ein animierter Blitz erschien, und der besprochene Titel verpuffte. Ein ironischer Gag am Ende eines durch und durch ironisch aufgezogenen Formats also.
Künstlerisch aber, schwebt alles in Gefahr, was nicht eins-zu-eins dargestellt wird. Alle potenziellen Uneindeutigkeiten müssen pedantisch genau erklärt und erläutert werden, denn wo irgendwer etwas falsch verstehen will, wird es falsch verstehen, den Pöbel aufhetzen und aufgeregt durchs digitale Dorf jagen. So geschah es auch im Falle "Schecks Anti-Kanon". Schnell sahen KritikerInnen im verpufften Buch eine Anspielung auf die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933. Die Anfeindungen wurden lauter, bald schon so laut, dass der Sender schließlich klein beigeben musste und verkündete, man würde das Format neu überarbeiten. Ruhe. Alle zufrieden. Man verzichtete auf die Veröffentlichung weiterer, bereits produzierter, Beiträge, und machte sich daran, die End-Sequenzen, die Nazi-Sequenz mit dem Blitz also, zu ersetzen. Ende Oktober soll nun eine erste dieser (hoffentlich!) Publikumskonformen Ausgaben online gehen.
"Zu viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben uns tatsächlich zugetraut, dass wir, wenngleich nur technisch, Bücher verbrennen wollen."
Im Börsenblatt sprach der SWR-Literaturchef Frank Hertweck nun über das weitere Vorgehen. Man hätte zwei neue Anti-Kanon-Beiträge produziert, Beiträge, so Hertweck, "die vielleicht nicht so umstritten sein werden wie die letzten". Es wird Friedrich Schillers Gedicht "Würde der Frauen" und Luise Rinsers Autobiografie "Den Wolf umarmen" treffen. Das Ende des jeweiligen Kanons hätte man nun - quasi auf Wunsch des Publikums - geändert. Auch die Entrüstung des Literaturchefs ist nur schwer zu überhören: "Zu viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben uns tatsächlich zugetraut, dass wir, wenngleich nur technisch, Bücher verbrennen wollen."
Frank Hertweck trifft genau den richtigen Punkt, wenn er konstatiert, man habe auf "Ambiguitätstoleranz" gesetzt und verloren. Ausgerechnet jene, die am lautesten nach ihr verlangen, ertragen die Mehrdeutigkeit und die mit ihr einhergehenden Spannungen oftmals nicht. Der tiefe Widerspruch zwischen Individualität und Gleichberechtigung, das pausenlose Summen und Rumoren welches zwischen diesen beiden Forderungen herrscht, wird zumeist individuell verdeckt. Je nach Situation fordert man das Eine oder Andere; fordert jedoch immer individuell, vollkommen von der Wahlfreiheit in Beschlag genommen. Die Gleichberechtigung wird dabei zur Wahlverwandten; vom Supermarktregal bis zur moralischen Entscheidungsfrage ist es immer nur ein Fingerwisch.
Ebenso ist es mit dem im vergangenen Jahr plötzlich modisch gewordenen Begriff "Ambiguitätstoleranz". Es ist immer ein Leichtes, sich dort als amqiguitätstolerant zu bezeichnen, wo man es ohnehin schon ist und auch ohne direkter Zuschreibung bereits wäre - das ist dann in etwa so, als würde man Zwei zum Preis von Einem kaufen.
Die Lust nach dem Produkt
"Schecks Anti-Kanon" wurde nicht als künstlerisches Format, sondern als kulturelles Produkt abgewählt. Die bloße Form wurde vorschnell verneint, ohne dass man auch nur ein stückweit Ambitionen an den Tag gelegt hätte, sich mit dem Inhalt und der Aufmachung des Formats, mit Denis Schecks Position als Entertainer innerhalb der Literaturkritik (man erinnere sich in diesem Zusammenhang nur an Reich-Ranicki) geschweige denn mit Literatur überhaupt zu befassen. Wie die nun zwei Jahre zurückliegende Debatte um Peter Handke, ist auch dieser Diskurs ein literaturferner. Wollte man der Logik der KritikerInnen folgen, so müsste man von heut auf morgen sämtliche Filme, Bücher, Serien, Malereien ... absetzen und verbieten, die irgendwo Blitze oder Feuer auf Menschen niederfahren und diese dann in Rauch aufgehen lassen.
Die affektive Ablehnung droht die ausschweifende Kontemplation zu ersetzen. Dabei hätten wir nichts nötiger, als Zeit verstreichen und Eindrücke auf uns wirken zu lassen. Dass die Zeitenge oftmals die Gefahr erst hervorbringt, kann man im Übrigen bereits der Bibel entnehmen. Dort heißt es in der Offenbarung des Johannes: "Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt.". Wir sollten uns Zeit lassen, ganz gleich mit welch einer Kritik.
Topnews
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
Bitte nicht weinen. Wenn du weinst, muss ich auch ...
Denis Scheck erhält den Pfälzer Saumagenorden – Ein literarischer Ritterschlag mit Humor
"... wie eine Art Stiftung Warentest" Denis Scheck über seine Arbeit als Kritiker
„Druckfrisch“ vom 18. Januar 2026
Denis Scheck über Fitzek, Gewalt und die Suche nach Literatur im Maschinenraum der Bestseller
Hanns-Josef Ortheils „Schwebebahnen“ – Kindheit über Abgründen
Percival Everett – Dr. No
Herbstempfehlungen von Denis Scheck auf der Frankfurter Buchmesse 2025
Druckfrisch vom 12. Oktober 2025 László Krasznahorkai, Anja Kampmann, Katerina Poladjan – und Denis Scheck mit der SPIEGEL-Bestsellerliste
Zwischen Golem und Gehirnmythen: Wie die Welt Dan Browns neues Buch seziert – und dabei vergisst, worum es eigentlich geht
Denis Scheck in Druckfrisch (14.09.2025): Kafka, Ian McEwan und 20.000 Elefanten
Denis Scheck über die Spiegel-Sachbuch-Bestseller: Zwischen Epos und lahmer Ente
Friedrich-Perthes-Preis für Denis Scheck: Ein Abend über Lesewut, Literatur und literarische Abrissarbeiten
SWR-Bestenliste Mai 2025 – Küchenmeister an der Spitze
Drachen, Drama, Desaster: Denis Scheck rechnet mit den Bestsellern ab
Aktuelles
We Who Will Die von Stacia Stark – „Gladiator“ trifft Vampirhof – und plötzlich ist Überleben ein Vertrag
Botanik des Wahnsinns von Leon Engler – Wenn Familiengeschichte nach Akten riecht
REM (Annika Strauss & Sebastian Fitzek) – Schlafen, träumen – und dann nicht mehr aufwachen
Yoga Town von Daniel Speck – Warum „Yoga Town“ mehr ist als ein Indien-Roman
Liebeserklärung an die Heldinnen – von der Höhle bis ins Heute
Die Krankheitslügen von Fabian Kowallik – Gesundheit als Versprechen – und als Misstrauen
Abgeschnitten von Sebastian Fitzek & Michael Tsokos – Wenn ein Telefonzettel im Schädel liegt
Einatmen. Ausatmen von Maxim Leo – Wenn „Achtsamkeit“ zur Auflage wird
Victor Hugo: Die Elenden
Zwischen Klick und Kanon – Die BookBeat Awards 2026 und das neue Maß des Hörens
Selfpublishing-Buchpreis 2025/26: Drei Bücher und die Frage nach Form, Stimme und Sichtbarkeit
Sieben Tage vor Palmsonntag – Hölderlins „Patmos“ und der Zwischenraum der Gefahr
Tancho Award 2026: Sozan Coskun (Verlag) und LIAN (Selfpublishing) zeigen die Spannweite des deutschsprachigen Manga
Die Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2026
Helene Bukowski: „Wer möchte nicht im Leben bleiben“
Rezensionen
Das schönste aller Leben von Betty Boras – Schönheit als Versprechen – und als Zumutung
Dire Bound von Sable Sorensen – Wenn ein Band mehr ist als nur „Bonding + Spice“
Michael von Kunhardt Mentalgiganten: Was wahre Stärke wirklich ausmacht
Happy Head von Josh Silver – Wellness, Wettbewerb, Wahnsinn