Es ist gut, wenn man in jeder Stadt eine beste Freundin hat. Meine Freundin in München heißt Regina und sie führt den schönsten Buchladen der Isar-Metropole. Regina!, sage ich oft zu ihr, ändere dein Leben! Verkaufe deinen Laden an einen ihn verdienenden Menschen und zieh’ zu uns nach Leipzig! Damit wir bald auch hier einen so schönen Buchladen haben.
Aber Regina muss immerzu auf Berggipfel klettern, mit einem schweren Rucksack, um dort oben in Ruhe Neuerscheinungen zu studieren. Und Leipzig liegt bekannterweise in der Leipziger Tieflandsbucht...
Um mich über die fehlenden Umzugspläne zu trösten, erzählte sie mir neulich eine Geschichte. Diese war so rührend, dass ich sie hier nacherzählen möchte.
Regina weilte auf Island für einige Tage, um sich vor Ort über die dortigen Schriftsteller zu informieren. Sie traf einen sehr netten, der sein etwas unterkühltes Herz an die warmherzige Münchnerin verlor. Wen wundert‘s!
Nicht so Regina. Die hatte nur Augen für die Schönheit der nordischen Natur. Man könnte glauben, dass ihr Herz bis zum Abflug von der Insel unverliebt geblieben war, aber dem war nicht so. Während sie mit ihrem entflammten Isländer zu dem berühmtesten Vulkan der Insel unterwegs war, erblickte sie etwas dunkles und seltsames am Straßenrand liegen. Sie bestand darauf, sofort anzuhalten und nachzusehen, um was es sich dabei handelte. Vielleicht ein Stück kalt gewordene Lava, das sie mit nach Hause nehmen und als Blickfang in das große Fenster ihrer Buchhandlung stellen konnte?
Aber es war etwas ganz anderes, was da lag: ein angefahrenes Tier, nicht erkennbar welcher Gattung, weder lebendig noch tot. Ein ängstliches Auge von der Größe einer 1-Euro-Münze schaute sie an. Regina handelte sofort. Sie leerte ihre Handtasche und legte vorsichtig das kleine schwarze blutverlebte Bündel hinein. Ein Tierarzt war bald gefunden, aber sein Gesichtsausdruck verkündete auch ohne isländisch-Kenntnisse nichts Gutes.
Aber da kannte er Regina schlecht. Amors Pfeil steckte bereits tief in ihrem Herzen, es war nur ein kleiner Stich, aber der Schmerz so bittersüß...
So verließ sie die Praxis erst, als das Wesen genäht und versorgt war. Es kroch, ein wenig gestärkt und mit einem Willen, der in diesem kleinen Körper nicht zu vermuten war, in die Handtasche zurück. Was ist es denn für ein Tier?, fragte Reginas Begleiter den Arzt. Das weiß man nicht so genau, lautete die Antwort. Sie sollten auf jeden Fall sieben Tage warten, bevor sie sein schmutziges Fell wuschen.
In diesen sieben Tagen verhielt sich das Tierchen ruhig (es schien die meiste Zeit zu schlafen), aber sein Hals wuchs merklich, sodass der Autor die Vermutung äußerte, es könnte sich vielleicht um eine seltene, noch unentdeckte Zwerggiraffe handeln. Und dann, als es endlich gewaschen werden durfte, kam, nach Reginas wortwörtlicher Aussage, "eine Schönheit mit goldenem Haar zum Vorschein, die die Welt noch nie gesehen hatte". Und da wußte auch der nette Schriftsteller, dass all seine schüchternen Bemühungen um diese Frau fruchtlos bleiben würden. Denn sie hatte für nichts und niemanden mehr Augen.
Da er aber gut erzogen war, brachte er die Dame seines Herzens samt dem wundersamen Tier zum Flugplatz, schnitt heimlich, während er sie das erste und letzte mal umarmen durfte, eine ihrer schwarzen Locken ab und winkte ihr zum Abschied mit einem echten Stofftaschentuch.
Die Tränen der Isländer, wenn sie denn weinen, verweht sofort der dort immerzu und überall vorhandene Wind. Und wäre das Tuch tränendurchnässt, auch da hätte der Wind gute Dienste geleistet. Was aber bleibt, dem netten Schriftsteller, ist der Liebeskummer... Ein altbekannter Motor für schöne Romane, ganz egal ob in Island oder Kroatien. Wir können uns darauf freuen.
(Ich sehe schon Regina vor mir, wie sie in naher Zukunft mit ihrem Rucksack voll druckfrischer Erzeugnisse auf den Berg kraxselt, in Begleitung ihres wundersamen Tieres...)
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