Ein Granateinschlag, der nicht nur zerstört, sondern erinnert: In Miljenko Jergovićs Erzählungen ist der Krieg nie nur Ereignis, sondern ein Echo, das sich in Dinge einschreibt. Eine Vase, ein Kleidungsstück, ein Geräusch – es sind diese Verschiebungen ins Detail, aus denen seine Literatur ihre eigentümliche Spannung gewinnt. Nun wird der kroatisch-bosnische Schriftsteller mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026 ausgezeichnet.
Miljenko Jergović erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026
Die Ehrung gilt seinem Erzählband „Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered“, erschienen im Suhrkamp Verlag und aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert übersetzt. Die Preisverleihung findet am 18. März 2026 zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus zu Leipzig statt. Die Laudatio hält die Schriftstellerin Barbi Marković.
Literatur gegen die Vereinfachung
Die Jury begründet ihre Entscheidung mit der konsequenten literarischen Arbeit Jergovićs an den Bruchlinien der Geschichte des Westbalkans. In seinem Werk, so heißt es, kehren Kriegserfahrungen als zentrales Motiv wieder – nicht als lineare Erzählung, sondern als fragmentiertes Gedächtnis.
Der ausgezeichnete Band knüpft dabei an Jergovićs frühe Sammlung „Sarajevo Marlboro“ an und versteht sich zugleich als eine Art Selbstkommentar. Die Belagerung Sarajevos bildet den historischen Hintergrund, doch im Zentrum stehen individuelle Wahrnehmungen: ein Nachbar, der die Seiten wechselt; ein junger Mann, der an einer scheinbar banalen Gewohnheit festhält; Gegenstände, die Zerstörung überstehen und später dennoch zerbrechen.
Die Jury hebt besonders hervor, wie Jergović mit diesen Details arbeitet. Seine Texte richten den Blick auf das Unscheinbare und leisten damit „ästhetischen Widerstand gegen große Vereinfachungen“. Gemeint ist damit nicht nur eine poetische Strategie, sondern auch eine politische Haltung. Indem die Erzählungen sich den kleinen Verschiebungen widmen, entziehen sie sich den klaren Zuschreibungen, wie sie nationalistische Diskurse oft verlangen.
Erinnerung als Form
Jergovićs Schreiben bewegt sich zwischen dokumentarischer Genauigkeit und literarischer Verdichtung. Familiengeschichten, Roadmovie-Elemente, Porträts – seine Texte wechseln die Form, ohne ihren Kern zu verlieren. Dieser Kern liegt in der Frage, wie Erinnerung funktioniert: nicht als geschlossene Erzählung, sondern als Sammlung von Fragmenten, die sich immer wieder neu zusammensetzen.
Gerade darin liegt die europäische Dimension seines Werks. Die Geschichte des Westbalkans erscheint nicht als regional begrenztes Thema, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs. Migration, Mehrsprachigkeit, politische Umbrüche – all das sind Erfahrungen, die über geografische Grenzen hinausweisen.
Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung würdigt seit 1994 genau solche Perspektiven. Er ist mit 20.000 Euro dotiert und wird von einem Kuratorium getragen, dem unter anderem der Freistaat Sachsen, die Stadt Leipzig, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Leipziger Messe angehören. Kooperationspartner ist die Bundeszentrale für politische Bildung.
Übersetzung als Vermittlung
Ein zentraler Aspekt der Auszeichnung ist auch die Übersetzung. Brigitte Döbert hat Jergovićs Texte aus dem Kroatischen ins Deutsche übertragen und damit erst zugänglich gemacht. Übersetzung erscheint hier nicht als bloße Übertragung, sondern als eigenständige kulturelle Leistung. Sie ermöglicht Verständigung – nicht im Sinne einer Vereinheitlichung, sondern als Öffnung für Differenz.
Dass der Preis diese Dimension mitdenkt, ist kein Zufall. Europäische Verständigung vollzieht sich nicht allein auf politischer Ebene, sondern in sprachlichen Übergängen. Literatur wird so zu einem Medium, das Unterschiede nicht aufhebt, sondern sichtbar macht.
Ein Preis im Kontext der Messe
Die Verleihung fand am Mittwochabend zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus statt. Dort wurde Miljenko Jergović mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026 ausgezeichnet. Die Ehrung ist Teil des offiziellen Auftakts der Messe und setzt einen ersten literarischen Akzent zu Beginn der Veranstaltungstage.
Dass Jergović hier ausgezeichnet wird, fügt sich in diesen Kontext. Seine Texte thematisieren nicht nur Vergangenheit, sondern auch die Bedingungen, unter denen Erinnerung erzählt wird. In einer Zeit, in der politische und kulturelle Konflikte oft in vereinfachten Narrativen verhandelt werden, setzen sie auf Komplexität.
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