Die falsche Nähe – warum uns Literatur nicht immer verstehen muss

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Es gibt Bücher, die lesen sich leicht, weil sie vertraut wirken. Wir erkennen uns wieder, nicken, fühlen uns angesprochen. Manchmal ist das angenehm. Manchmal erschöpfend.

Denn Nähe ist nicht immer das, was eine Lektüre trägt. Manchmal stellt sich gerade dann Ermüdung ein, wenn ein Text zu schnell weiß, wer wir sind.

Lesen als Wiedererkennung

Vieles, was heute empfohlen wird, arbeitet mit Nähe. Ein Buch soll „zu uns passen“, soll „uns abholen“, soll ausdrücken, was wir selbst nicht formulieren können.

Wir lesen dann nicht neugierig, sondern bestätigend. Wir prüfen, ob das Buch uns meint. Ob wir gemeint sind.

Was passiert mit einem Text, wenn er vor allem darin besteht, uns zu spiegeln?

Die Erwartung, verstanden zu werden

Die Vorstellung, Literatur müsse uns verstehen, ist nicht selbstverständlich. Sie ist gewachsen. Mit einer Kultur, die vieles personalisiert. Inhalte, Meinungen, Empfehlungen.

Auch Bücher geraten in diese Logik. Sie sollen anschlussfähig sein. Lesbar. Eindeutig. Emotional erreichbar.

Doch was geht verloren, wenn Texte sich zu sehr um Nähe bemühen?

Wenn Distanz fehlt

Manche Bücher lassen uns in Ruhe. Andere lassen uns nicht los. Und wieder andere drängen sich auf. Sie erklären, führen, begleiten. Sie nehmen uns an die Hand.

Vielleicht entsteht Müdigkeit nicht nur dort, wo Texte sperrig sind, sondern auch dort, wo sie zu vertraut auftreten. Wo sie keine Lücke lassen.

Was passiert, wenn ein Buch keinen Abstand mehr kennt?

Fremdheit als Teil des Lesens

Lesen bedeutete lange, sich auf etwas einzulassen, das nicht sofort vertraut ist. Auf Stimmen, die nicht unsere sind. Auf Gedanken, die sich nicht decken.

Solche Texte fordern nicht Nähe, sondern Aufmerksamkeit. Sie erklären sich nicht. Sie verlangen kein Einverständnis.

Vielleicht beginnt Literatur genau dort – wo wir nicht sofort wissen, was sie von uns will.

Gegen das Abholen

Die Rede vom „Abholen“ klingt freundlich. Sie suggeriert Fürsorge. Aber sie setzt auch voraus, dass man weiß, wo jemand steht.

Was passiert mit einem Text, der sich weigert, abzuholen?
Der stehen bleibt? Der nichts verspricht?

Solche Bücher werden seltener empfohlen. Sie lassen sich schlechter zusammenfassen. Sie erzeugen weniger sofortige Reaktion.

Lesen ohne Näheversprechen

Nicht jede Lektüre muss uns meinen. Nicht jedes Buch muss sich anfühlen, als sei es für uns geschrieben.

Vielleicht verändert sich das Lesen, wenn wir Nähe nicht einfordern. Wenn wir Distanz zulassen. Wenn wir akzeptieren, dass ein Text uns fremd bleibt.

Dann entsteht eine andere Form von Aufmerksamkeit. Eine, die nicht auf Übereinstimmung zielt.

Wenn Nähe keine Bedingung ist

Lesen verändert sich, wenn wir nicht erwarten, verstanden zu werden. Wenn wir uns nicht sofort wiederfinden müssen.

Dann entsteht kein Trost, kein Wiedererkennen, kein schnelles Gefühl.
Aber etwas anderes: ein Raum, in dem wir uns bewegen können, ohne gemeint zu sein.

Vielleicht ist das keine Nähe.
Aber es ist eine Erfahrung.


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