Mit Da, wo ich dich sehen kann legt Jasmin Schreiber einen Roman vor, der das Echo einer Gewalttat über Jahre verfolgt: kein True Crime, keine Täterpsychologie – sondern das Porträt einer Familie und ihres Umfelds nach einem Femizid. Im Mittelpunkt steht die neunjährige Maja, deren Welt in einer Nacht zerbricht, und die Frage, wie Hinterbliebene, Freundinnen, Großeltern und eine überforderte Bürokratie mit dem Unfassbaren umgehen. Der Roman erschien 2025 bei Eichborn (Bastei Lübbe) und wird als „Roman über strukturelles Versagen“ und die gesellschaftlichen Kerne von Gewalt angekündigt. Schreiber erzählt aus mehreren Perspektiven, konzentriert auf das Weiterleben – nicht auf die Tat.
Da, wo ich dich sehen kann von Jasmin Schreiber – Ein Femizid, der ein ganzes Umfeld neu ordnet
Handlung von "Da, wo ich dich sehen kann" – Maja, Liv und die, die bleiben
Maja wächst in einer zerrütteten Familie auf: ein tyrannischer Vater, eine liebende, aber unterdrückte Mutter – dazwischen Schweigen und eine Sprache, die Kinder nie hören sollten. Als der Vater die Mutter tötet, reißt er allen, die sie liebten, ein Loch in die Welt. Für Maja beginnt eine Zeit der Formulare, Anhörungen, Zuständigkeitsstreits – und der Verlustkaskade: Zuhause, Gewissheit, Sicherheit. Ihre Patentante Liv, eine Astrophysikerin, wird zum Rettungsanker: Sie trägt Majas Trauer mit, zeigt den Blick durchs Teleskop, sucht mit dem Mädchen im Weltraum eine Weite, die der Enge des Erlebten etwas entgegensetzt.
Erzählt wird in wechselnden Stimmen: neben Maja und Liv auch Brigitte und Per, die Großeltern mütterlicherseits – und in Rückblenden die Mutter Emma, deren Leben und Entscheidungen erst nach und nach Kontur gewinnen. So entsteht ein Panorama: kein linearer Plot, sondern ein Polyfon aus Trauer, Schuld, Verantwortung und zarten Wiederannäherungen. Der Roman begleitet Gerichts- und Behördenwege, ohne zur Fallakte zu werden; die Dramatikliegt nicht im Spektakel, sondern in den Alltagsschritten – beim ersten Schulweg nach der Tat, beim ersten Abend, an dem doch gelacht wird, beim ersten Moment, in dem eine Hand nicht loslässt.
Strukturelle Gewalt, Sprache der Trauer, Kosmos als Halt
Femizid & strukturelle Gewalt: Schreiber macht deutlich: Femizide sind keine „Einzelfälle“, sondern Teil eines Musters aus Kontrolle, ökonomischer Abhängigkeit und psychischem Druck. Die Autorin verlegt den Fokus weg vom Täter und hin zu den Überlebenden: Wie leben Kinder, Freundinnen und Großeltern mit dem, was geschehen ist? Welche gesellschaftlichen Strukturen (Recht, Verwaltung, Versorgung) helfen – und wo versagen sie?
Trauer als Prozess – nicht als Kurve: Trauer verläuft hier nicht in fünf sauberen Phasen. Schreiber zeigt Zyklen: Vorstoß und Rückzug, Wut und Sprachlosigkeit, die Normalitätsschmerzen des Alltags. Besonders stark sind die stillen Momente, in denen eine Gabel, ein Geruch, ein Sternbild Erinnerungen auslöst.
Kosmos-Metaphorik: Mit Livs Astrophysik holt der Roman die Weite in die Enge: Der Blick durchs Teleskop ist mehr als Trost; er ist Ordnungsversuch. Der Himmel bietet Maßstäbe, an denen Leid nicht kleiner, aber einbettbar wird. Das Motiv zieht sich als ruhiger Gegenchor durch den Text.
Bürokratie & Sprache: Formulare, Zuständigkeiten, Terminfristen – die Verwaltung des Unheils spricht eine eigene Sprache. Schreiber hält dagegen mit genauer, warmer Prosa, die die Menschen hinter den Aktenblättern sichtbar macht. Wo Behördenbuchstaben starr sind, bleibt die Erzählstimme durchlässig.
Warum das Buch heute wichtig ist
Der Roman trifft in eine Zeit, in der die Debatte über häusliche Gewalt und Femizide endlich lauter geführt wird. Schreiber verweigert Voyeurismus; sie stellt die Konsequenzen ins Zentrum: Sorgerechtsfragen, finanzielle Brüche, mentale Gesundheit der Kinder – und die Rolle des sozialen Netzes. Der Text leistet dabei Aufklärungsarbeit, ohne Lehrbuch zu sein: Er zeigt, wie nah das Thema ist (Nachbarschaft, Schule, Verein) und warum gesellschaftliche Benennungen (wie der Begriff Femizid) keine Modewörter, sondern Schutzbegriffe sind.
Stil & Sprache – Präzise, empathisch, ohne Kitsch
Schreibers Sätze sind klar, musikalisch und unsentimental. Die wechselnden Perspektiven ergeben eine Montage, in der sich innere und äußere Ereignisse spiegeln. Das Kinderblicken Majas – staunend, exakt, verletzlich – kontrastiert mit dem wissenschaftlich geerdeten Blick von Liv; die Großeltern bringen Erfahrung, aber auch Scham und Hilflosigkeit. Diese Stimmenarchitektur vermeidet Klischees und schafft echte Figuren. Dass der Roman trotz Härte hoffnungsmüde warm bleibt, ist sein Kunststück.
Für wen eignet sich das Buch?
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Für Leser, die literarische Gegenwart mit gesellschaftlichem Nerv mögen – ohne didaktischen Ton.
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Für Buchclubs, die über Sprache in der Trauer, Begriffe wie Femizid und institutionelle Verantwortungsprechen wollen.
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Für alle, die Marianengraben schätzten, aber einen dichteren, politischeren Roman suchen.
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Für Hörerinnen des Hörbuchs: Die ungekürzte Lesung von Lydia Herms (ca. 11,9 Stunden) setzt die feinen Tonlagen gut.
Kritische Einschätzung – Stärken & mögliche Reibungen
Stärken
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Perspektivarchitektur: Mehrstimmigkeit ohne Verzettelung; jede Figur trägt Bedeutung.
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Ethik der Darstellung: Fokus auf Überlebende, keine Täterzentrik, keine Schocklust.
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Bildintelligenz: Kosmos als sinnstiftendes Gegenmotiv; Trauer wird nicht „erklärt“, sondern erfahrbar.
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Relevanz: Behörden- und Alltagsrealität werden realistisch, aber menschenfreundlich gezeigt.
Mögliche Reibungen
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Nähe zur Realität: Wer persönlich betroffen ist, findet manche Kapitel schwer – der Text ist behutsam, aber unverstellt.
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Niedrige Plot-Dringlichkeit: Keine Krimispannung; die Wucht liegt im Alltag.
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Bewusste Auslassungen: Nicht alle Fragen (zum Täter, zu Motiven) werden beantwortet – das ist Absicht, kann aber ungeduldig machen.
Über die Autorin – Jasmin Schreiber
Jasmin Schreiber (geb. 1988, Frankfurt/Main) ist Biologin und Autorin. Bekannt wurde sie mit Marianengraben, es folgten u. a. Der Mauersegler und Endling; außerdem das Sachbuch Schreibers Naturarium (Wissensbuch des Jahres 2023). Sie lebt in Hamburg, erzählt in Podcasts und Texten von Natur und Wissenschaft und verbindet in ihren Romanen häufig präzise Beobachtung mit empathischer Figurenzeichnung. Da, wo ich dich sehen kann erscheint bei Eichborn, dem Literaturimprint von Bastei Lübbe.
Fazit – Schmerz, der Sprache findet
Da, wo ich dich sehen kann ist ein wichtiges, klug komponiertes Buch über Gewalt – und vor allem über die Menschen danach. Es zeigt, wie Trauer spricht (und schweigt), wie Bürokratie helfen und hindern kann und wie Zuneigung Schritt für Schritt wieder Vertrauen baut. Wer eine literarische Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich brennenden Thema sucht, findet hier eine behutsame, genaue Erzählung, die lange nachklingt. Dass Schreiber dabei Pathos vermeidet und auf Würde setzt, macht den Roman zu einer empfehlenswerten Lektüre – für Einzelne wie für Buchclubs.
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