Wir führen Kriege, ohne es zu merken. Nicht auf den Schlachtfeldern, sondern in den Sätzen. Wir kämpfen gegen Viren, schlagen Schlachten in Talkshows, verteidigen Positionen in Feuilletons und schießen zurück in Kommentarspalten. Selbst der Alltag ist bewaffnet: Wir zerlegen Argumente, bombardieren unsere Feeds mit Meinungen und marschieren durch Deadlines.
Ist dies nicht der subtilste Verlust des Friedens: dass er sprachlich längst aufgegeben wurde?
Die Grammatik der Gewalt
In Steffen Kopetzkys Roman Propaganda steht John Glueck zwischen den Welten – und zwischen den Wörtern. 1944 ist er Propaganda-Offizier in Frankreich, wo Worte gezählt, gewertet und gewendet werden wie Munition. Später, in Vietnam, erkennt er: Die Lüge ist geblieben, sie hat nur ihre Sprache gewechselt. Seine Entscheidung, die Wahrheit öffentlich zu machen, ist kein heldischer Akt, sondern ein sprachlicher Bruch. Er verlässt die Rhetorik der Macht. Und zahlt mit seiner Freiheit.
Der Roman zeigt: Propaganda beginnt nicht mit der Pressemitteilung, sondern mit dem Bild im Kopf. Mit der Metapher. Mit dem Tonfall. Was als Information daherkommt, ist oft Einordnung, oft Aufladung. Worte schaffen Realität. Und manchmal auch Krieg.
Zwischen Diskurs und Schützengraben
Gluecks Geschichte liest sich heute wie eine Vorahnung. Nicht nur, weil politische Rhetorik erneut ruft, glättet, formt. Sondern weil der Roman die Fragilität von Wahrheit sichtbar macht – als Stilfrage, als Sprechakt, als Entscheidung. Die historischen Schlachten, die Kopetzky schildert, sind nicht vergangen. Ihre Spuren liegen in der Sprache, die wir jeden Tag verwenden. Wer heute Gegner zerschmettert oder Positionen besetzt, führt das Erbe der Propaganda weiter – unfreiwillig, oft unbedacht.
Sprachkrieg im Netz
Im digitalen Raum ist Sprache zur Munition geworden. Hashtags als Schlachtrufe, Threads als Scharmützel, Empörung als Dauerzustand. Der Algorithmus liebt den Konflikt, also reden wir im Modus des Angriffs. Der Kommentar ersetzt das Gespräch, die Pointe den Gedanken.
Dabei vergessen wir, dass Sprache nicht nur Waffe, sondern Werkzeug ist – und dass man mit einer Schaufel, wenn man sie falsch hält, auch verletzen kann.
Die Verantwortung der Wörter
Literatur kann hier mehr als jede Ethikkommission: Sie erinnert an Präzision. Ein Gedicht von Ingeborg Bachmann wiegt mehr als tausend Tweets, weil es den Krieg in der Sprache erkennt und ihn in Schönheit verwandelt, ohne ihn zu leugnen.
Vielleicht ist das das heimliche Ethos des Schreibens: nicht Frieden zu predigen, sondern sprachlich zu üben. Wer sauber spricht, tötet weniger leicht.
Worte als Wunden, Worte als Wunder
Frieden ist kein Zustand, sondern ein Stil. Er beginnt in der Art, wie wir reden – über Gegner, Nachbarn, Fremde, uns selbst. Wenn wir Krieg sagen, meinen wir oft nur Angst. Wenn wir Verteidigung sagen, meinen wir Macht.
Wir sollten in dieser lauten Welt alle wieder lernen, leise zu sprechen, ohne stumm zu werden. Worte sind keine Waffen. Es sei denn, wir machen sie dazu.
Topnews
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Karen W. – Eine Resonanz des Alltags
Salman Rushdie: Die elfte Stunde
Über Rilke stolpern – Karwoche ohne Gewissheit
Sieben Tage vor Palmsonntag – Hölderlins „Patmos“ und der Zwischenraum der Gefahr
Tauwetter – Leo Tolstois „Anna Karenina“ neu gelesen
Das zersplitterte Selbst: Dostojewski und die Moderne
Kafka am Strand von Haruki Murakami
„Ein Faden, der sich selbst spinnt“ – Jon Fosses Vaim und der Rhythmus der Abwesenheit
Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz
Annegret Liepolds Unter Grund bei ttt – titel, thesen, temperamente
Die Abenteuer des Werner Holt von Dieter Noll
Das letzte Aufgebot von Moritz Seibert
Wenn das Spiel zur Anklage wird: Schnitzlers „Grüner Kakadu“ und die Moral der Zuschauer
Narrative für eine bessere Zukunft: Storylistening, Storymaking, Storytelling
Jennette McCurdy: Half His Age
Aktuelles
Nachts ist man am besten wach von Kristina Valentin: Eine Liebesgeschichte über zweite Chancen und die leisen Stunden dazwischen
Was ich nie gesagt habe von Susanne Abel: Wenn Wahrheit nicht befreit, sondern verändert
Jill Lepore gewinnt den Pulitzer-Preis 2026 – Warum ihr Verfassungsbuch gerade jetzt ins Zentrum der Debatte rückt
Stay Away from Gretchen von Susanne Abel: Eine Geschichte über Erinnerung, Schuld und die Schatten der Vergangenheit
Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl: Wenn Fürsorge kippt und Stille laut wird
Im Namen der Barmherzigkeit von Hera Lind: Eine wahre Geschichte über Schuld, Urteil und die Grenzen von Mitgefühl
Der Astronaut von Andy Weir: Wenn Wissenschaft zur Überlebensfrage wird
Der Kindle Storyteller Award 2026
New Wishes von Lilly Lucas (Green Valley Love Band 7)
Find me in Green Valley von Lilly Lucas (Green Valley Love Kurzroman)
Stimmen ohne Zentrum: Robert Seethalers „Die Straße“ als Roman der verpassten Geschichten
New Chances von Lilly Lucas (Green Valley Love Band 5)
New Horizons von Lilly Lucas (Green Valley Love Band 4) – Wer bist du, wenn du nicht mehr so kannst wie früher
„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer
New Dreams (Lilly Lucas) – Green Valley Love Band 3
Rezensionen
New Promises (Green Valley Love Band 2) von Lilly Lucas – Jetzt oder Nie
New Beginnings – Der Start in Green Valley von Lilly Lucas
Die Frau auf der Karte – Gertrude Bell und die Erfindung eines Landes
Das beschädigte Protokoll – Ben Lerners „Transkription“
Der Name als Falle: Toxibaby
Narrative für eine bessere Zukunft: Storylistening, Storymaking, Storytelling
Zwischen Tier und Text: Wie Gomringer den Tod lesbar macht
Die Welle – Ordnung als Versuchsanordnung