Ein deutschsprachiger Roman auf Platz zwei derNew York Times-Liste der besten Bücher des Jahres 2025. Das ist zunächst einmal eine Nachricht. Daniel Kehlmanns Lichtspiel ist in der Übersetzung von Ross Benjamin als The Directorin den USA erschienen und steht nun auf einer Liste, auf der deutschsprachige Literatur nicht gerade Stammgast ist.
Wau! – Daniel Kehlmann unter den besten Büchern der New York Times
Natürlich kann man daraus eine kleine Erfolgsgeschichte machen: deutscher Autor, amerikanischer Markt, große Zeitung, Platz zwei. Interessanter ist etwas anderes. Was versteht ein amerikanischer Leser eigentlich von einem Roman über G. W. Pabst, die Ufa und einen Künstler, der sich im nationalsozialistischen Deutschland eingerichtet hat?
Offenbar eine ganze Menge.
Pabst muss in Amerika nicht bekannt sein
G. W. Pabst war einer der bedeutenden Regisseure der Weimarer Republik. Greta Garbo, Louise Brooks, Die Büchse der Pandora, Die Dreigroschenoper. Dann Frankreich, Hollywood und schließlich die Rückkehr nach Europa. 1939 geriet Pabst bei einem Besuch seiner Mutter in Österreich in den Krieg und blieb im Deutschen Reich. Er drehte weiter Filme, darunter Komödianten und Paracelsus.
Bei Kehlmann wird daraus aber keine Geschichte, die man nur versteht, wenn man vorher deutsche Filmgeschichte studiert hat. Im Gegenteil. Pabst interessiert gerade deshalb, weil sein Verhalten so erschreckend gewöhnlich ist.
Er wacht nicht eines Morgens auf und beschließt, seine Überzeugungen aufzugeben. So funktionieren Menschen meistens ohnehin nicht. Es gibt Gründe, Umstände, Abhängigkeiten und immer noch eine Erklärung mehr. Und irgendwann befindet man sich an einem Ort, an den man angeblich nie wollte.
Kehlmann lässt Pabst diese Erklärungen. Er macht ihn damit weder zum Widerstandskämpfer noch zum Nazi, und vor allem nimmt er dem Leser die angenehme Position, die Sache schnell moralisch abzuhaken.
Denn natürlich wissen wir heute, was Pabst hätte tun sollen. Wir wissen auch, wie die Geschichte ausgegangen ist. Pabst wusste das 1939 nicht. Was er allerdings wusste, war, in welchem Land er lebte und für wen er Filme drehte.
Genau dort wird Lichtspiel unangenehm.
Nicht bei der großen Frage nach Schuld, sondern bei der viel kleineren Frage, wie oft ein Mensch seine eigenen Grenzen verschieben kann, bevor er aufhören müsste, von sich als demselben Menschen zu sprechen.
Dafür braucht man G. W. Pabst nicht zu kennen. Und vermutlich funktioniert der Roman deshalb auch in Amerika.
Dann kommt Ross Benjamin
Aus Lichtspiel wird im Englischen The Director. Schon beim Titel geht etwas verloren. Lichtspiel ist ein altes Wort für Film, aber bei Kehlmann eben auch mehr als das. Licht und Spiel, Wirklichkeit und Inszenierung liegen in diesem Roman ohnehin ständig nebeneinander. The Director macht daraus den Regisseur und ist damit wesentlich eindeutiger.
Ob Ross Benjamin Kehlmanns Sprache in all ihren Feinheiten ins Englische gerettet hat, kann ich nicht beurteilen, ohne Original und Übersetzung ernsthaft miteinander zu vergleichen. Dass die englische Fassung funktioniert, kann man dagegen feststellen. Die New York Times hebt Kehlmanns bissigen Humor und die historischen Figuren hervor, die im Roman auftauchen, und setzt The Director schließlich auf Platz zwei ihrer Jahresauswahl.
Für eine Übersetzung ist das vielleicht das größere Kompliment als die Behauptung, sie sei besonders „kong genial“. Der Roman wird in einer anderen Sprache nicht als interessantes Stück Literatur aus Deutschland bestaunt, sondern schlicht als einer der besten Romane des Jahres gelesen.
Und plötzlich ist auch Pabst wieder da.
Ein Regisseur, der außerhalb cineastischer Kreise beinahe verschwunden war, wird zur Romanfigur für amerikanische Leser des Jahres 2025. Das hat etwas Merkwürdiges, wenn man bedenkt, wie sehr Pabst selbst darauf bedacht war, Filme zu machen, die ihre Zeit überstehen sollten.
Und was steht noch auf dieser Liste?
Die übrigen neun Bücher machen die Auswahl nicht weniger interessant.
Da ist Daniel Kraus mit Angel Down, einem Roman über den Ersten Weltkrieg, geschrieben als ein einziger Satz über 285 Seiten. Ob man sich darauf einlassen möchte, ist eine andere Frage. Neugierig macht es allemal.
Kiran Desai erzählt in The Loneliness of Sonia and Sunny von Familie, Migration und Zugehörigkeit. Jonas Hassen Khemiri verfolgt in The Sisters drei Schwestern über drei Jahrzehnte und lässt dabei die erzählten Zeiträume immer kürzer werden. Charlotte Wood schickt in Stone Yard Devotional eine Atheistin ins Kloster.
Bei den Sachbüchern erzählt Sophie Elmhirst in A Marriage at Sea von einem Paar, das nach einem Schiffsunglück 118 Tage auf See überlebt. Kevin Sacks Mother Emanuel führt durch die Geschichte der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston bis zum rassistischen Anschlag von 2015. Arundhati Roy schreibt in Mother Mary Comes to Me über ihre Mutter Mary Roy und zwangsläufig auch über sich selbst. Brian Goldstone beschäftigt sich in There Is No Place for Us mit arbeitenden Menschen in den USA, deren Einkommen trotzdem nicht mehr für eine dauerhafte Wohnung reicht. Sue Prideaux schließlich nähert sich in Wild Thing Paul Gauguin, bei dem die alte Trennung zwischen schwierigem Menschen und großem Künstler schon lange nicht mehr recht funktionieren will.
Natürlich ist auch die Auswahl der New York Times nur eine Bestenliste. Zehn Bücher aus einem Jahr, in dem Zehntausende erschienen sind, werden nicht dadurch zum Kanon, dass eine bedeutende Zeitung sie auswählt.
Für Kehlmann ist Platz zwei trotzdem bemerkenswert. Und vielleicht erzählt dieser Erfolg nebenbei noch etwas über Literatur, das in den Debatten über nationale Literaturen gern verloren geht. G. W. Pabst ist ein sehr österreichisch-deutscher Stoff. Die Frage, wie ein Mensch sich mit einer Zeit arrangiert, von der er eigentlich weiß, dass er sich mit ihr nicht arrangieren dürfte, ist es nicht.
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