Ein deutschsprachiger Roman auf Platz 2 der New York Times-Liste der besten Bücher des Jahres 2025 – das kommt nicht alle Tage vor. Daniel Kehlmanns The Director steht da, wo sonst nur englischsprachige Literatur ankommt: ganz oben. Ein stiller Triumph – und ein Lehrstück über Sprache, Macht und Übersetzung.
Wau! – Daniel Kehlmann unter den besten Büchern der New York Times
Die New York Times hat ihre Liste der „10 Best Books of 2025“ veröffentlicht. Unter den fünf Romanen: The Director von Daniel Kehlmann. Übersetzt von Ross Benjamin. Veröffentlicht in einem literarischen Umfeld, das kaum Raum lässt für Bücher, die nicht auf Englisch geschrieben sind. Und doch: da steht es. Platz zwei. Wau.
Ein deutscher Stoff, international verstanden
Der Roman erzählt die Geschichte von G.W. Pabst, dem österreichischen Regisseur, der unter den Nazis Filme drehen muss – und dabei seine Prinzipien verliert, vielleicht auch sich selbst. Kehlmann schreibt das nicht als moralisches Drama, sondern als leise, doppelbödige Studie über Anpassung, Selbsttäuschung und das, was wir später „künstlerische Integrität“ nennen. Kein Pathos. Viel Reibung.
In der englischen Rezension heißt es, der Roman sei „brightened by caustic humor and memorable historical cameos“ – treffend. Aber das funktioniert nur, weil jemand Kehlmanns Sprache nicht nur verstanden, sondern in ihrer Struktur gespiegelt hat.
Ross Benjamin – der unsichtbare Koautor
Die Leistung von Ross Benjamin ist nicht weniger bemerkenswert. Seine Übersetzung ist keine bloße Übertragung, sondern ein literarischer Nachbau. Klang, Rhythmus, Zwischentöne – alles bleibt erhalten, ohne zu forcieren. Kehlmanns Sätze denken in Deutsch. Benjamin lässt sie auf Englisch atmen. Eine stille Meisterschaft. In der Summe: internationale Anschlussfähigkeit durch sprachliche Genauigkeit.
Warum das selten ist
Romane, die nicht auf Englisch erscheinen, schaffen es selten in die Bestenlisten der NYT. Zu hoch ist die Schwelle, zu dominant der Markt, zu träge die Aufmerksamkeit. Dass The Director es trotzdem geschafft hat, ist kein Zufall – sondern Ergebnis von Form, Thema und Übersetzung. Ein Buch über Verantwortung, das Verantwortung ernst nimmt. Ein Text über Kunst, der selbst Kunst ist.
Die anderen neun: Welten, Wirklichkeiten, Wirkungen
Neben Kehlmanns The Director hat die New York Times neun weitere Bücher auf die Liste gesetzt – fünf Romane, fünf Sachbücher. Gemeinsam ist ihnen: literarische Ambition ohne Allüren.
Angel Down von Daniel Kraus: Ein Weltkriegsroman als ein einziger Satz – stream of consciousness auf 285 Seiten. Gewagt, verdichtet, dringlich.
The Loneliness of Sonia and Sunny von Kiran Desai: Ein Familienepos über Migration, Zugehörigkeit und Erinnerung – schillernd, überbordend, präzise komponiert.
The Sisters von Jonas Hassen Khemiri: Drei Jahrzehnte, drei Schwestern, ein Beobachter. Ein Roman über Herkunft und Identität, erzählt im schrumpfenden Zeittakt.
Stone Yard Devotional von Charlotte Wood: Eine Atheistin im Kloster. Ein Roman über Stille, Schuld und das fragile Gleichgewicht des Rückzugs.
A Marriage at Sea von Sophie Elmhirst: Wahre Geschichte eines Paares, das nach einem Schiffsunglück 118 Tage auf See überlebt. Über Nähe, Distanz und Ausdauer.
Mother Emanuel von Kevin Sack: Chronik eines Attentats – und der Geschichte der ältesten Schwarzen Kirche im Süden der USA. Sachlich, tief, erinnerungspolitisch.
Mother Mary Comes to Me von Arundhati Roy: Memoir über eine schwierige Mutter, ein unruhiges Leben – und über den Preis von Unabhängigkeit.
There Is No Place for Us von Brian Goldstone: Reportage über arbeitende Obdachlose in den USA. Sichtbar gemacht mit Genauigkeit und Respekt.
Wild Thing von Sue Prideaux: Biografie über Paul Gauguin. Jenseits der Skandale, jenseits der Mythen. Ein Blick auf Kunst, Kolonialismus und Widerspruch.
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