Am Rand des großen Waldes lebt eine Hexe. Nicht auf einem Berg, nicht in einer dunklen Burg, sondern in einer kleinen Hütte mit Ofen, Besen und einem sprechenden Raben. Sie ist 127 Jahre alt – was in der Welt der Hexen als kaum erwachsen gilt. Und doch ist sie die Heldin einer Geschichte, die seit Generationen Kinder begleitet. Die kleine Hexe von Otfried Preußler ist mehr als ein zauberhaftes Kinderbuch: Es ist ein stilles Lehrstück über Gerechtigkeit, Selbstständigkeit und den Mut, sich gegen das Bestehende zu stellen.
Geschenktipp zu Weihnachten: Otfried Preußlers Die kleine Hexe
Gerade zu Weihnachten – wenn Fragen nach Gut und Böse, nach Bravsein und Belohnung durch die Erzählungen von Nikolaus, Christkind und Co. verstärkt auftreten – ist dieses Buch ein wertvolles Gegengewicht. Es zeigt, dass „gut sein“ mehr bedeutet als Regeln befolgen. Und dass manchmal gerade diejenigen, die anders handeln, der Welt das Richtige bringen.
Worum geht es?
Die Geschichte beginnt mit einem Regelverstoß. Die kleine Hexe will zur Walpurgisnacht – dem großen Fest der Hexen auf dem Blocksberg. Doch sie ist zu jung. Heimlich schleicht sie sich dennoch hinein, wird erwischt und vor den Hexenrat gebracht. Man erlaubt ihr, sich zu bewähren: Wenn sie in einem Jahr zeigt, dass sie eine „gute Hexe“ ist, darf sie nächstes Mal mitfeiern.
Was nun folgt, ist ein magischer Jahreslauf. Frühling, Sommer, Herbst, Winter – jede Jahreszeit bringt neue Aufgaben, Begegnungen, Entscheidungen. Die kleine Hexe hilft, wo sie kann: einem Holzhacker in Not, einer armen Familie, einem Bauern, der betrogen wird. Sie heilt, schützt, greift ein – oft mit einfachsten Mitteln, immer mit Herz und Verstand. Ihr treuer Begleiter: der kluge, etwas besserwisserische Rabe Abraxas, der ihre Entscheidungen kommentiert und sie gelegentlich ins Grübeln bringt.
Doch mit jeder guten Tat wird klarer: Das Verständnis der kleinen Hexe von „gut“ unterscheidet sich grundlegend von dem ihrer älteren Kolleginnen. Diese setzen ihre Kräfte ein, um Angst zu machen, Macht zu sichern, sich selbst Vorteile zu verschaffen. Sie erwarten von der kleinen Hexe, dass sie brav den Hexenkodex einhält – nicht, dass sie Mitgefühl zeigt oder Ungerechtigkeit bekämpft. Als die Prüfung schließlich kommt, fällt das Urteil hart aus: Was sie getan hat, ist zu gut – und damit falsch im Sinne der alten Ordnung.
Die kleine Hexe zieht ihre Konsequenz. Sie kehrt nicht nur der Gemeinschaft der bösen Hexen den Rücken, sie vernichtet ihre Machtinstrumente. Kein Zauberbuch, kein Flugbesen, kein Ritus bleibt übrig. Was bleibt, ist ein selbstgewählter Weg – jenseits von Anpassung, jenseits von Rebellion. Eine Haltung, die sich nicht aufplustert, sondern trägt.
Warum als Geschenk?
Preußlers Sprache ist klar, lebendig und voller feinem Humor. Sie nimmt Kinder ernst, ohne zu belehren. Die Figuren sind gezeichnet mit Wärme und einem Sinn für Nuancen: keine klischeehafte Gut-Böse-Welt, sondern eine, in der Entscheidungen Gewicht haben. Die Erzählweise ist episodisch – ideal zum Vorlesen, Kapitel für Kapitel, vielleicht sogar als Ritual an dunklen Dezemberabenden.
Die kleine Hexe eignet sich hervorragend für Kinder ab etwa sechs Jahren. Nicht nur wegen des einfachen Satzbaus oder der magischen Elemente. Sondern weil es Kinder in einem Alter anspricht, in dem sie beginnen, sich selbst zur Welt in Beziehung zu setzen: Was ist richtig? Was ist gerecht? Was darf ich – und was will ich? Preußlers Buch bietet keine fertigen Antworten, aber es eröffnet den Denkraum.
Zudem gibt es wunderschön illustrierte Ausgaben, etwa mit den Originalzeichnungen von Winnie Gebhardt-Gayler oder in der modernisierten Fassung mit Bildern von Daniel Napp. Beide verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe und visuelle Ankerpunkte – perfekt für ein Weihnachtsgeschenk mit Herz und Hirn.
Wärme ohne Kitsch, Haltung ohne Zeigefinger
Die kleine Hexe ist ein Buch über Selbstermächtigung, leisen Widerstand und die Kraft, den eigenen Kompass zu entwickeln. Gerade in einer Zeit, in der viele Geschichten auf schnelle Belohnung und klare Feindbilder setzen, zeigt Preußler, wie man Kindern eine andere Erzählung anbieten kann. Eine, in der man Fehler machen darf, wachsen kann – und am Ende nicht perfekt, aber aufrecht dasteht.
Als Geschenk zu Weihnachten ist dieses Buch ein Licht im Winter: kein lautes, kein blinkendes – aber eines, das lange brennt.
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