Leider zur Zeit nur auf Englisch – aber vorzüglich zu lesen.Ein Mann, der schreibt, obwohl ihm die Sprache entgleitet. Eine Beschuldigung, die noch kein Urteil ist, aber längst Wirkung zeigt. Ein Leben zwischen Literatur, Jazz und öffentlicher Implosion. In What’s With Baum?, Woody Allens erstem Roman, verdichtet sich der Fall eines alternden Intellektuellen zur Studie über Eitelkeit, Schuldabwehr und das langsame Verlöschen kulturellen Kapitals.
Schon in der ersten Szene sitzt man mit Asher Baum in einem New‑Yorker Café. Die Luft riecht nach Altbau, Zigarettenrauch und verschüttetem Kaffee. Baum erwähnt beiläufig seinen gefallen‑geliebten Verlag, übersieht die Spuren eines vergangenen Erfolgs. Alles wirkt träge, als warteten die Figuren auf etwas, das längst entschieden ist — sie nur noch nicht wissen. Einen Sturm. Das Buch öffnet nicht mit dem Sturm, sondern davor. Die Spannung liegt in der Erwartung: hier kollidiert künstlerischer Stolz mit dem Fall, Intellekt mit Dekadenz, Erinnerung mit Scham.
Baums Welt ist eine gespannte Saite: ein Intellektueller in Selbstverzweiflung, ein Mann mit neurotischem Blick auf sich selbst und die Welt — ein Spiegel, verzerrt, aber mit vertrauter Kontur. Seine Existenz kreist um Kritik, Eitelkeit, Eifersucht, um das zermürbende Bewusstsein, am Rand einer Gesellschaft zu stehen, die ihn einst verehrte. Diese gespannte Atmosphäre, diese Erwartung eines unvermeidlichen Fehltritts — das ist der Raum, in dem der Roman spielt.
Klassiker‑Muster, spätmoderner Abklatsch
Das Buch ist formal streng, reduziert. Baums Bewusstsein dominiert: Innere Monologe, Selbstgespräche, reaktive Gedanken. Keine heroischen Gesten, keine Genre‑Effekte. In dieser Reduktion liegt eine Art Ruhe — und zugleich ein Ringen um Charakter. Doch dieses Ringen ist in seiner late‑life‑Selbstvergewisserung leiser als bei vielen jungen Autoren — es grollt, statt zu explodieren. Das macht das Buch alt‑seelengerecht: Der Ton ist gedämpft, resignativ, oft bitter‑komisch.
In seiner Selbstreflexivität wird Baum zur Parabel jener literarischen Gestalt, die verliert, wenn sie sich an alten Werten festhält — an Intellekt, an letzter Bedeutung, an dem Glauben, mit dem Schreiben erscheine Wahrheit und Gewicht. Der „Titanenkampf im Intellektuellenmilieu“, wie eine Kritik schrieb, entfaltet sich sanft, fast müde — aber genau darin liegt seine Schärfe. Der Schnitt ist nicht in Explosion, sondern in Schlaffheit.
Ethik, Schuld, Schweigen – und literarisches Schweigen
Das zentrale Geschehen — der Vorwurf der sexuellen Belästigung, die Reaktion, das Ringen um Erklärung — passiert nicht im lauten Showdown. Es ist eher wie ein leiser Tropfen, der langsam eine gespannte Wasseroberfläche berührt. Der Sturm bricht nicht los, sondern verharrt in dem Moment davor: Ahnung, Beschuldigung, Scham, Verzicht. Das Ende bleibt unscharf. Wir hören keine Urteile, sehen keine eindeutige Abrechnung. Stattdessen bleibt ein Schweigen. Ein Zurückziehen. Ein ungewisser Blick auf das, was einmal war – und nie wieder sein könnte.
Das macht das Buch ambivalent: Es fordert keine Moral, erhebt keinen Anspruch auf Gerechtigkeit. Es zeigt das mechanische Funktionieren einer Welt, in der Vorwurf oft Verurteilung bedeutet — und Zweifel keine Rolle spielen. Die Sprache bleibt knapp; die Bilder sind Alltag, keine symbolischen Monumente. Und gerade das Schweigen wirkt wie eine Frage.
Zwischen Selbstbild und Spiegelung — autobiografisches Echo
Dass Baums Figur Parallelen zu Woody Allen trägt — jüdisch, neurotisch, umgeben von familiärer und intellektueller Spannung, konfrontiert mit Vorwürfen und öffentlicher Ächtung — das liegt nahe. Die Ähnlichkeit ist offen, nicht zufällig. Aber das Buch nutzt dieses Echo nicht, um eine Verteidigung zu inszenieren, sondern um ein Porträt zu entwerfen: einen Mann, der am Rande steht, in seiner Erinnerung verfangen, im Stolz zerbröckelnd, in Zweifel versinkt.
Und so wird „Was mit Baum?“ nicht nur Roman, sondern Resonanzraum: für Schuld und Scham — und für das Alter, in dem nicht mehr geschrieben, sondern bilanziert wird. Die Selbstreflexion bleibt fragmentarisch, unvollständig — wie unser Blick auf Leben, Werk, Verantwortung.
Zwischen Komik und Bitterkeit — ein lächelnder Abstieg
Der Ton des Buches ist typisch Allen: ironisch, melancholisch, oft provozierend knapp. Aber anders als in seinen Filmen gibt es hier kaum Pathos. Baum ist kein Antiheld, der Erlösung findet; er ist ein Mann, der spürt, wie das Ende sich nähert – für sein Werk, für sein Standing, vielleicht fürs Leben selbst. Die Ironie flüstert, die Moral bleibt stumm.
Wer „What’s With Baum?“ liest, erlebt literarische Selbstentblößung — nüchtern, sachlich, konsequent. Nicht als Verteidigungsrede, nicht als Aufschrei, sondern als dokumentarischer Nachhall. Ein monotones Herzklopfen, das sich nicht rechtschaffen will, sondern einfach schlägt.
Vielleicht liegt darin der radikalste Widerstand: In der Weigerung, sich schönzureden.
— Und in dieser Weigerung erweist sich Baum — und sein Autor — als das, was Literatur sein sollte: ein Raum, in dem Schweigen, Erinnerung, Zweifel und Würde sich nicht ausschließen, sondern spiegeln.
Über den Autor Woody Allen
Woody Allen, geboren 1935 in New York als Allan Stewart Konigsberg, ist einer der letzten großen Autorenfilmer des 20. Jahrhunderts. Seine Filme — darunter Manhattan, Hannah and Her Sisters oder Midnight in Paris — verbanden ironisch gefilterten Existenzialismus mit neurotischer Selbstbeobachtung und einer Liebe zu Kunst, Jazz und intellektuellem Milieu.
Doch Allens Karriere verlief nie ohne Schatten. Seit den 1990er-Jahren wurde sie überschattet von Missbrauchsvorwürfen, die er stets zurückwies, die aber dennoch seine öffentliche Wahrnehmung prägten. In einer Zeit, in der das Persönliche politisch und das Private öffentlich verhandelt wird, galt Allen vielen als literarisch brillanter, aber moralisch fragwürdiger Erzähler.
Neben seiner filmischen Arbeit schrieb er regelmäßig Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücke. 2020 erschien seine Autobiografie Apropos of Nothing. What’s With Baum? ist sein erster Roman — und wirkt wie eine späte, lakonische Reflexion über Reputation, Schuld, Altern und den verzweifelten Versuch, eine Erzählung über sich selbst zu retten, wenn das Erzählen selbst verdächtig geworden ist.
Allen lebt mit seiner Frau Soon-Yi Previn in New York und Paris. Sein Werk bleibt ein Ort des Unbehagens — nicht trotz, sondern wegen seiner Genauigkeit im Blick auf Selbsttäuschung, Sprachverformung und moralische Fluchtbewegungen.
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