Am Anfang steht ein Fund: Ein Junge, ein alter Adventskalender, und eine Geschichte, die nicht bei Türchen Nummer eins beginnt, sondern mit einem Rätsel. Die Bilder hinter den Pappfenstern zeigen keine Schokolade, sondern führen in eine andere Zeit. Und so beginnt Jostein Gaarders Das Weihnachtsgeheimnis wie eine Fluchtbewegung rückwärts: Tag für Tag, Tür für Tür, zurück durch Jahrhunderte – bis nach Betlehem.
Reise durch Raum, Zeit – und Vorstellung
Elisabet ist nicht allein. An ihrer Seite: ein Lamm. Später: Engel, Schafe, Hirten, Weise, Figuren aus verschiedenen Zeiten, Rollen und Realitäten. Sie wandern gemeinsam durch Europa, durch Geschichte, durch Landschaften, die Gaarder mit zarter Hand beschreibt – Florenz, Wien, Konstantinopel. Jede Station ein historisches Echo, jede Figur ein Träger von Deutung. Die Reise ist nicht linear, sondern verschlungen. Und: Sie birgt ein weiteres Rätsel – Elisabet selbst bleibt ein Geheimnis, das sich nur zögerlich offenbart.
In dieser Bewegung entfaltet sich ein doppelter Spannungsbogen. Der eine folgt der Handlung: Wo endet diese Wanderung? Der andere richtet sich nach innen: Was bedeutet es, zu reisen – als Kind, als Mensch, als Teil einer größeren Erzählung? Das Weihnachtsgeheimnis ist in diesem Sinne mehr als eine Abenteuergeschichte. Es ist ein Erkenntnisweg – unterhaltsam, geheimnisvoll, lehrreich.
Kindliche Neugier als Erkenntnisform
Elisabet schaut, hört, fragt. Ihre kindliche Wissbegier ist nicht naiv, sondern erkenntnisoffen. Die Engel und Weisen, die sie begleiten, erklären, erzählen, deuten. Geschichte wird hier nicht doziert, sondern erlebt. Gaarder schafft es, philosophische Gedanken auf eine Weise einzuflechten, die niemals abstrakt wird – sondern eingebettet bleibt in Dialog, Bild, Bewegung. So entsteht eine Form der Philosophie, die sich erzählt – für Kinder wie Erwachsene.
Die Sprache bleibt dabei bewusst einfach, ohne je schlicht zu sein. Das Staunen wird nicht erklärt, sondern durchgezogen. Es ist diese Balance aus Tiefe und Leichtigkeit, aus erzählerischer Spannung und gedanklicher Offenheit, die das Buch besonders macht. Dass es farbenfrohe Illustrationen enthält, verstärkt diesen Eindruck. Sehen, lesen, nachfragen – alles gehört zusammen.
Ein Kalender für viele Hände
Das Weihnachtsgeheimnis ist als literarischer Adventskalender konzipiert – 24 Kapitel, 24 Tage, 24 Gelegenheiten, gemeinsam zu lesen. Es eignet sich zum Vorlesen, zum Selberlesen, zum Wiederlesen. Vor allem aber: zum Teilen. Die episodische Struktur macht das Buch ideal für den Familienkreis – als tägliches Ritual, als Gesprächsanlass, als Möglichkeit, gemeinsam durch Text und Zeit zu gehen. Vielleicht sogar: jedes Jahr aufs Neue.
Ein Autor zwischen Philosophie und Kindheit
Jostein Gaarder, geboren 1952 in Oslo, ist ein Erzähler, der das Staunen lehrt. Bevor er mit dem Schreiben begann, unterrichtete er Philosophie – in Schulen, in der Erwachsenenbildung, in Norwegen. Der Durchbruch gelang ihm mit Sofies Welt, jenem Roman, in dem eine Vierzehnjährige anhand philosophischer Fragen über sich und das Leben nachdenkt. Das Buch wurde ein Welterfolg, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, millionenfach gelesen, in viele Sprachen übersetzt.
Seitdem schreibt Gaarder – mit einem Ton, der Kinder ernst nimmt und Erwachsene nicht belehrt. Seine Bücher wie Das Orangenmädchen oder Das Schloß der Frösche verbinden erzählerische Leichtigkeit mit stiller Tiefgründigkeit. Sie erzählen vom Suchen, vom Fragen, von der Welt als Rätsel. Gaarder ist studierter Philosoph, Theologe und Literaturwissenschaftler. Er lebt mit seiner Familie in Oslo – in jener Stadt, aus der viele seiner Geschichten heimlich beginnen.
In Das Weihnachtsgeheimnis führt er diese Linie fort. Ein Kalender wird zur Welt, ein Mädchen zur Reisenden durch Zeit und Geschichte, ein Buch zur Einladung, wieder zu fragen: Wer sind wir, und woher kommen wir?
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