Ein Ohrensessel. Die Wände altrosa, die Stimmen gedämpft. Eine Wiener Abendgesellschaft versammelt sich zum Kunstgespräch. Draußen rauscht die Stadt, drinnen herrscht Selbstgewissheit. In Thomas Bernhards Holzfällen sitzt ein Mann am Rand und sieht zu. Oder besser: hört zu, erinnert sich, rekonstruiert. Was entsteht, ist kein Bericht – es ist eine Erregung. Am Mittwoch, den 10. Dezember 2025, um 20:00 Uhr widmen sich Wolfgang M. Schmitt und Achim Truger im Literaturforum im Brecht-Haus diesem Roman. Der Abend gehört dem literarischen Monolog, der Kritik, dem Stil. Und einer Frage, die den Rahmen sprengt: Müssen wir uns wirklich weniger empören – oder bloß präziser?
„Holzfällen. Eine Erregung“ – Thomas Bernhard im Gespräch: Wolfgang M. Schmitt und Achim Truger im Literaturforum im Brecht-Haus
Ein Roman wie ein Innenraum
Der Schauplatz: ein Abendessen in Wien, nach der Beerdigung einer alten Freundin. Die Gastgeber: Teil der Kulturszene, man spricht von Theater, Kunst, Engagement. Der Erzähler: schweigt lange, bevor er zu denken beginnt – und dann nicht mehr aufhört. Was wie Reflexion beginnt, wird zur Attacke. Aber nicht als Empörungsspektakel, sondern als choreografierte Wut. Satz um Satz, Wiederholung um Wiederholung. Bernhard lässt seinen Erzähler nicht erzählen, sondern kreisen – um eine Szene, um eine Stadt, um eine Haltung.
„Wald, Hochwald, Holzfällen“ – dieser Satz, vorgetragen vom gefeierten Burgschauspieler, wird zum inneren Holzweg. Er zitiert sich selbst, setzt ein Zeichen, ohne zu handeln. Auch das gehört zum Motiv dieses Textes: Selbstzitat als Stillstand. Kunst, die sich in Phrasen spiegelt.
Sprache als Erregungsträger
Bernhards Sprache kennt keine Ruhe. Sie insistiert. Ein Satz steht nie für sich, er kehrt wieder, wird leicht verschoben, erneut platziert. Dieses Verfahren wirkt wie musikalische Struktur, aber es ist mehr: ein Akt der Zersetzung. Durch Wiederholung entsteht keine Stabilität, sondern eine Krise der Begriffe. Das „künstlerische Wien“, das „kulturelle Milieu“, das „Engagement“ – sie verlieren mit jedem Satz an Gewicht.
Diese Methode hat nichts Ornamentalisches. Sie zwingt zur Aufmerksamkeit. Und sie stellt einen Zusammenhang her: zwischen Form und Kritik. Wer so schreibt, entzieht sich der Komplizenschaft mit dem Gesagten. Er unterläuft Erwartungen, sabotiert Zustimmung, setzt Ironie an die Stelle von Pathos.
Gesellschaft als Text
Der Erzähler in Holzfällen sitzt nicht nur räumlich, sondern auch sozial am Rand. Eingeladen, aber nicht beteiligt. Wiedergekehrt, aber nicht angekommen. Seine Perspektive ist gebrochen – und gerade deshalb scharf. Er erkennt in der gepflegten Empörung seiner Umgebung keine Geste der Verantwortung, sondern ein Spiel. Ein Theater des Gutmeinens. Die Kritik richtet sich weniger gegen Personen als gegen einen Tonfall: das Einverständnis mit sich selbst.
Der Roman denkt Gesellschaft als Inszenierung. Und der Monolog des Erzählers wird zur Gegeninszenierung: zornig, verdichtet, formal radikal. Die Frage, was „engagierte Kunst“ bedeuten kann, wird hier nicht beantwortet, sondern befragt – durch sprachliche Zersetzung. Der Burgschauspieler spricht von Holzfällen, aber fällt kein Holz.
Gespräch über eine Erregung
Wenn Wolfgang M. Schmitt, Literaturkritiker und Podcaster, mit dem Ökonomen Achim Truger, Mitglied des Sachverständigenrats, über diesen Text spricht, geht es um mehr als Literatur. Es geht um Stil als Haltung, um Kritik als Form. Und um die Möglichkeit, Erregung nicht als affektive Geste, sondern als reflektierten Zustand zu denken.
Das Gespräch verspricht keine Antworten. Aber es zeigt, wie Literatur, Ökonomie und Gegenwart ein Resonanzfeld bilden können. Dass gerade ein Text wie Holzfällen, geschrieben 1984, in einer Gesellschaft voller Diskursrituale und Erregungskurven neu lesbar wird, verweist auf seine strukturelle Intelligenz. Es geht nicht darum, wie sehr wir uns empören. Sondern wie genau.
Veranstaltungsdetails
Mittwoch, 10. Dezember 2025Mittwoch, 10. Dezember 2025
Beginn: 20:00 Uhr (Einlass: ab 19:30 Uhr)
Ort: Literaturforum im Brecht-Haus, Berlin
Eintritt: 8 €, ermäßigt 6 €
Digital: Livestream verfügbar
Tickets: Eintrittskarten
Topnews
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
Thomas Bernhards „Holzfällen“ – eine literarische Erregung, die nicht vergeht
Literatur, die nicht einverstanden ist
SWR Bestenliste Januar 2026 – Literatur zwischen Abgrund und Aufbruch
Die SWR Bestenliste als Resonanzraum – Zehn Texte über das, was bleibt
Gespenster denken nicht – Shakespeares Hamlet als Gedankenreise durch ein zersetztes Drama
SenLinYu : Zuerst war Manacled
Eine Frage des Gewichts: Clemens Meyer, Buchpreise und das literarische Ungleichgewicht
Ein Kanon in Bewegung – SPIEGEL: Die 100 Wichtigsten der Weltliteratur 1925-2025
Bald ist es wieder soweit: Leipzig wird zum Literaturhotspot
Literatur im Rampenlicht: ARD, ZDF und 3sat setzen auf Buchmesse-Glamour
Denis Scheck erhält den Pfälzer Saumagenorden – Ein literarischer Ritterschlag mit Humor
„100 Seiten sind genug. Weltliteratur in 1-Stern-Bewertungen“ von Elias Hirschl
Monster von Nele Neuhaus – Ein düsterer Psychokrimi, der die Abgründe der Menschlichkeit offenlegt
Fredric Jameson: Ein prägender marxistischer Denker geht von uns
Siegfried Unseld Chronik
Aktuelles
Morgan’s Hall: Sehnsuchtsland von Emilia Flynn – Wenn Sehnsucht zum Kompass wird
Morgan’s Hall: Herzensland von Emilia Flynn – Wenn Geschichte plötzlich persönlich wird
Leipziger Buchmesse 2026: Literatur zwischen Strom, Streit und Öffentlichkeit
Wenn Welten kollidieren – Stephen Kings „Other Worlds Than These“ zwischen Mittwelt und Territorien
Sergej SIEGLE: Der Monolog
Der andere Arthur von Liz Moore – Ein stilles Buch mit Nachhall
Am Strom
Real Americans von Rachel Khong – Was heißt hier „wirklich amerikanisch“?
Das Blaue Sofa 2026 in Leipzig: Literatur als Gesprächsraum
Ostfriesenerbe von Klaus-Peter Wolf – Wenn ein Vermächtnis zur Falle wird
Claudia Gehricke: Gedichte sind Steine
Globalisierung, Spionage, Bestseller: „druckfrisch“ vom 15.02.2026
Wir Freitagsmänner: Wer wird denn gleich alt werden? von Hans-Gerd Raeth – Männer, Mitte, Mut zum Freitag
Planet Liebe von Peter Braun – Ein kleiner Band über das große Wort
Die Überforderung der Welt – Anton Tschechows „Grischa"
Rezensionen
Die Rache trägt Prada von Lauren Weisberger – Was kommt nach dem „Traumjob“?
Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger – Glamour als Arbeitsvertrag mit dem schlechten Gewissen
Box Hill von Adam Mars-Jones – Zärtlichkeit mit Stacheln
Die Burg von Ursula Poznanski – Mittelaltergemäuer, Hightech-Nervenkitzel
Alle glücklich von Kira Mohn – Wenn „alles gut“ zum Alarmsignal wird
Das Signal von Ursula Poznanski – Wenn das Smart Home zum Gegner wird
Half His Age von Jennette McCurdy – Ein Roman, der mit Unbehagen arbeitet
Daniela Katzenberger, wie man sie kennt – unverstellt, direkt, motivierend
The Ordeals von Rachel Greenlaw – Eine Akademie, die Talente frisst
Es ist doch nur die Dunya von Murat Gülec – Ein leises Buch für laute Tage
Die vergessene Hausapotheke von Dr. Nicole Apelian – Alte Rezepte, neue Dringlichkeit