Berlin, Spätsommer 1989. Die Welt steht am Rand der Umwälzung, doch in Kreuzberg herrscht noch relativer Bierfrieden. Der Wahlberliner Frank Lehmann, knapp 30 und Barkeeper mit abgebrochenem Lebenslauf, steht an der Theke der Kneipe „Einfall“ und tut das, was er am besten kann: nichts riskieren, nichts ändern, nichts entscheiden. In diesem Spannungsfeld zwischen Alltagsträgheit und Geschichtsrauschen entfaltet Sven Regener in seinem Debütroman ein Porträt jener Westberliner Restwirklichkeit, die längst zum Mythos geworden ist.
Alltag in Moll
Frank Lehmann lebt in einer kleinen Wohnung, verdient sein Geld mit Barkeeper-Schichten und trägt den Ehrentitel „Herr“, weil seine Freunde meinen, mit dreißig müsse man sich zumindest sprachlich distanzieren. Lehmann denkt viel und handelt wenig, und wenn er doch einmal handelt, dann meist zu spät oder zu halb.
Sein bester Freund Karl – Künstler, Kneipenkollege, Zeitgeistverweigerer – driftet langsam ab, mental wie sozial. Währenddessen lernt Frank die Köchin Katrin kennen, deren pragmatische Sprödigkeit sich mit seiner wortkargen Weltflucht auf eigenartige Weise verbindet. Aus dieser schrägen Affinität entsteht so etwas wie eine Romanze – jedenfalls auf Berliner Verhältnisse gemünzt.
Dann sind da noch die Eltern aus Bremen, die unangekündigt zum Besuch erscheinen, als wollte der Heimatmief persönlich nach dem verlorenen Sohn greifen. Und Kristall-Rainer, eine Nebenfigur wie aus einem anderen Film: stets zur falschen Zeit, am falschen Ort, mit Aussagen, die so wirr wie punktgenau sind.
Und irgendwo hinter dem Alltagsnebel kündigt sich das politische Beben an: Die Mauer wackelt, aber Herr Lehmann steht noch immer hinter der Theke und fragt sich, ob überhaupt jemand was bestellt hat.
Skurrilität mit Beiläufigkeit
Regener schreibt, wie einer redet, der schon fünf Stunden im Raucherraum gesessen hat: trocken, beiläufig, nicht ohne Witz, aber auch nicht um ihn bemüht. Die Sprache ist knapp, die Dialoge sind geschnitten wie Filmszenen, in denen sich Absurdität und Alltag die Klinke in die Hand geben.
Und das ist nicht nur stilistisch bemerkenswert, sondern auch verdammt lustig. Herr Lehmann ist kein Gag-Feuerwerk, sondern ein Roman, dessen Skurrilität aus dem Blickwinkel seiner Figuren entsteht. Der Witz liegt in den Formulierungen, in den Missverständnissen, in der radikalen Nebensächlichkeit, mit der das Leben betrachtet wird. Lehmann ist ein Denker im Zeitlupentempo, ein Mann, der die Dinge ernst nimmt, nur eben nicht frontal.
Eine Stadt, die riecht
Was diesen Roman aber über seine Komik hinaus trägt, ist sein Milieusinn. Kreuzberg kurz vor dem Mauerfall – das ist hier kein historischer Hintergrund, sondern eine Geruchswelt. Man spürt den abgestandenen Rauch, das klebrige Bier, die bröckelnden Altbaufassaden, die latente Selbstverwirklichung.
Das West-Berlin, das Regener zeigt, ist nicht cool, sondern kantig. Nicht progressiv, sondern erschöpft. Eine Stadt, die von der Welt vergessen wurde – und das auch wollte.
Und doch: Der Wind dreht. Aus dem wohlig-pathetischen Muff wird eine Ahnung von Zukunft. Herr Lehmann steht in einem Berlin, das dabei ist, wieder Hauptstadt zu werden – und damit auch: teuer, global, unübersichtlich. Dass er das nicht will, macht ihn nicht sympathisch, aber nachvollziehbar. Und das ist womöglich seine größte Qualität als Figur.
Der Seismograph hinter dem Tresen
Herr Lehmann ist ein erstaunlich präziser Roman über Veränderung, obwohl seine Hauptfigur sich ihr aktiv verweigert. Gerade weil Frank Lehmann nichts will, zeigt er uns, was passiert, wenn sich die Welt trotzdem bewegt.
In all seiner Skurrilität ist das Buch ein Seismograph für ein Lebensgefühl, das sich nicht auf Schlagworte reduzieren lässt: ein Zwischenzustand aus Verweigerung und Sehnsucht, aus Lebensmüdigkeit und Komik. Und ganz nebenbei ist es auch ein Abgesang auf ein West-Berlin, das es so nicht mehr gibt – aber dessen Tonfall man noch immer hören kann, wenn man genau hinhört.
Kneipengold mit Resttraurigkeit
Sven Regeners Herr Lehmann ist ein Roman über die letzten Dinge im Gewand des Alltags: über Freundschaft, über Unzulänglichkeit, über das nicht stattgefundene Leben. Und dabei ist er gleichzeitig urkomisch und anrührend, schräg und melancholisch, historisch präzise und völlig entrückt.
Man liest das, lacht, runzelt die Stirn – und merkt irgendwann, dass man gerade mehr über das Ende der BRD erfahren hat als in manchem Geschichtsbuch. Und über Berlin sowieso.
Autor Sven Regener
Sven Regener, geboren 1961 in Bremen, lebt in Berlin. Er ist Sänger und Texter der Band Element of Crime und wurde mit Herr Lehmann 2001 auch als Schriftsteller schlagartig bekannt. Es folgten Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder und weitere Romane im selben Figurenkosmos.
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