Mit „The Book of Sheen: A Memoir“ legt Charlie Sheen seine Lebensgeschichte selbst vor – ungeschönt, pointiert, oft erstaunlich selbstironisch. Der Band erschien am 9. September 2025 bei Gallery Books (Simon & Schuster), das Hörbuch liest Sheen selbst. Aktuell ist die Ausgabe nur auf Englisch erhältlich (Hardcover, eBook, Audio). Die Veröffentlichung fällt zusammen mit der zweiteiligen Netflix-Doku aka Charlie Sheen, die den Aufstieg, Absturz und den Weg zurück dokumentiert. Zusammen ergeben Buch und Doku ein Doppelporträt: Text als Innenstimme, Doku als Archiv- und Zeitzeugenblick.
The Book of Sheen: A Memoir (Charlie Sheen) – Ein Leben im Overdrive, endlich im Originalton
Handlung von „The Book of Sheen: A Memoir“
Sheen erzählt chronologisch, aber szenisch verdichtet: Kindheit in der Schauspielerfamilie Estevez/Sheen, frühe Filmjahre (Platoon, Wall Street), Mainstream-Durchbruch im Fernsehen (Two and a Half Men), die öffentliche Entgleisung 2011, der Umgang mit seiner HIV-Diagnose (2015) und der Weg in die Nüchternheit. Der Ton schwankt bewusst zwischen Beichte, Barszene und Backstage-Notiz: Anekdoten aus Sets und Spätschichten stehen neben harten Kapiteln über Sucht, Zerwürfnisse und Selbstsabotage. Einzelne medienwirksame Details – etwa seine Deutung, wie Testosteron-Creme seine Eskalation um 2011 mitbefeuert habe – ordnet er ein, ohne sich aus der Verantwortung zu schreiben. Die heiklen Themen (Sucht, HIV, Beziehungen, Geld) erscheinen nicht als Schockkatalog, sondern als Konsequenzkette: Entscheidungen, Folgen, Reparaturversuche. Das letzte Drittel bündelt Recovery, Arbeit und Familie in eine nüchterne, dennoch hoffnungsvolle Gegenwart.
Themen & Motive – Ruhm, Rausch, Verantwortung
Ruhm als Verstärker: Sheen skizziert Showbusiness nicht romantisch, sondern als Druckkammer, die Unfertiges lauter macht – Eitelkeit, Angst, Größenfantasien. Die O-Töne wirken glaubhaft, weil sie Erfolge und Kollateralschäden nebeneinanderstellen.
Männlichkeit im Umbau: Zwischen Baseball-Mythos, „tough guy“-Posen und verletzlicher Vaterrolle zeichnet das Buch ein Bild von Männlichkeit, das sich von der eigenen Karikatur löst.
Sucht als System: Statt Einzelfall setzt die Memoir auf Mechanik: Auslöser, Wiederholungen, „Deals“ mit sich selbst – und schließlich Strukturen der Nüchternheit.
Narrativkontrolle: Sheen erklärt, warum er seine Geschichte „directly from the actual guy“ erzählen will – die Memoir ist Gegenentwurf zur Boulevard-Choreografie der letzten Jahre. (Der Verlag spricht ausdrücklich von „klarer, humorvoller, schonungsloser“ Erzählweise.)
Wie sich Buch und Netflix-Doku ergänzen
Die Netflix-Doku aka Charlie Sheen (2 Teile, 2025) nutzt Archivmaterial und Interviews, um jene Bilder zu zeigen, die die Memoir verbal rahmt. Sie behandelt u. a. Karriere, Absturz, HIV-Outing und Re-Einstieg. Der Mehrwert liegt im Medien-Kontrast: Im Buch erklärt Sheen Motive, in der Doku sieht man Wirkungen und Zeitstimmungen – vom Set-Glanz bis zum Pressetrubel. Wer wirklich verstehen will, wie öffentliche Person und private Genesung zusammenhängen, sollte beides konsumieren: erst das Buch (Innenperspektive), dann die Doku (Außenperspektive).
Stil & Sprache – Schnell, salopp, selektiv präzise
Die Prosa ist zugänglich, rhythmisch, mit der Schauspieler-Timing eines Mannes, der Jahrzehnte lang pointenfest sprach. Kapitel bleiben kurz, Bilder klar, Punchlines sitzen häufig im letzten Satz. Wo es technisch werden könnte (medizinisch, juristisch), wählt Sheen Narration vor Fußnote. Das ist stark für Lesefluss und Stimme, schwächer für Leser, die jeden Fakt mit Quellennachweis erwarten. Das Hörbuch (von Sheen gelesen) verstärkt die Authentizitätswirkung – hier trägt Stimme Nuancen, die auf Papier nur angedeutet sind.
Für wen eignet sich „The Book of Sheen“?
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Für Leser, die Hollywood-Erinnerungen mit Selbstreflexion statt Selbstmythos suchen.
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Für Popkultur-Interessierte, die Two and a Half Men, die 2011er „Meltdown-Phase“ und die spätere Veränderungsarbeit einordnen wollen.
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Für Buchclubs, die über Reue, Verantwortung und zweite Chancen sprechen – jenseits der Schlagzeilen.
(Hinweis: Derzeit nur in Englisch erhältlich; deutschsprachige Händler führen die englische Originalausgabe.)
Stärken & mögliche Schwächen
Stärken
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Eigenstimme statt PR-Duktus: Sheen schreibt nicht wie ein Pressetext, sondern wie jemand, der Erklärungsbedarf hat – und den Mut, ihn einzulösen.
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Konsequent ehrlich an neuralgischen Punkten: Sucht, HIV-Umgang, 2011 – zentrale Kapitel wirken konkretstatt ausweichend (vgl. u. a. seine Einordnung der Testosteron-Creme als Mitfaktor).
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Synergie mit der Doku: Buch + Serie liefern doppelte Evidenz: Motivlage vs. Bildmaterial.
Schwächen (je nach Lesetyp)
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Selektive Tiefe: Manche Themen streift er – teils aus Rücksicht, teils aus Fokusgründen. Leser, die alles akribisch aufgearbeitet sehen möchten, stoßen an Grenzen.
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Boulevard-Echo: Einige Enthüllungen werden in der Berichterstattung verkürzt wiedergegeben; wer nur Überschriften kennt, erwartet vom Buch Skandal-Dauerfeuer, bekommt aber mehr Kontext als Krawall. (Beleg: Medien picken Einzelaspekte wie Testosteron/„HIV-Geheimhaltung“ heraus.)
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Sprachton: Der Mix aus Gassenjargon und Selbstwitz ist glaubhaft, gefällt aber nicht jedem.
Kein Reinwaschen, sondern Rechnen mit sich selbst
„The Book of Sheen“ ist keine Entschuldigungsschrift, sondern ein Inventar: Was war, was blieb, was wird daraus gemacht? Als Leser bekommt man Unterhaltung (Anekdoten, Set-Geschichten), Erkenntnis (Mechaniken von Sucht/Ruhm) und Haltung (Verantwortung übernehmen, ohne sich zum Märtyrer zu adeln). Die begleitende Netflix-Doku füllt Lücken im Bildgedächtnis. Wer Sheen nur als Meme der 2010er abgespeichert hat, wird überrascht sein, wie klarsichtig und handwerklich solide diese Memoir ist. Empfehlung – zumal im Originalton.
Über den Autor – Charlie Sheen (kontextrelevant)
Charlie Sheen (1965, New York), Sohn von Martin Sheen, wurde mit Filmen wie Platoon und Wall Street bekannt, später zum TV-Aushängeschild in Two and a Half Men. Er gewann 2002 den Golden Globe als Bester Serien-Hauptdarsteller (Comedy/Musical) für Spin City, war mehrfach Emmy-nominiert und prägte über Jahrzehnte die Popkultur – im Glanz wie im Crash. Die Memoir und die Doku markieren seinen Versuch, Narrativhoheitzurückzugewinnen.
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