Der Protagonist dieses Romans, Pavel Fuks, ist Kameramann. Einer, der durch den Sucher schaut, während draußen Geschichte passiert. Man kennt solche Figuren: Unauffällig, pflichtbewusst, dienstlich gedämpft. Klíma jedoch dreht die Perspektive um. Was er beschreibt, ist kein Held der Wende, sondern ein Mitläufer im Wartestand.
Die Handlung spielt in den Tagen rund um den Prager November 1989. Während draußen Parolen gerufen werden, während die staatliche Ordnung Risse bekommt, während Geschichte sich die Stimme zurückholt, sitzt Pavel vor einem Monitor und wartet. Auf den Moment, der sich filmen lässt. Auf das richtige Licht. Auf einen Sinn, der nicht kommt.
Klíma verzichtet auf jede Dramatisierung. Die Revolution ist da, aber sie drängt sich nicht auf. Stattdessen schält sich ein anderes Thema heraus: Was bleibt vom Leben eines Mannes, der die meiste Zeit damit verbracht hat, sich unsichtbar zu machen?
Figuren in Bewegungslosigkeit
Pavel ist nicht innerlich zerrissen, er ist innerlich verschoben. Ein Mann mit Vergangenheit – Gefängnis wegen Fluchtversuchs, gescheiterte Beziehungen, eine Mutter, die noch an die alten Dogmen glaubt, wechselnde Liebschaften – aber ohne Bewegung. Seine Arbeit beim staatlichen Fernsehen hatte Struktur bedeutet, auch Schutz. Nun droht dieses Gerüst zu verschwinden, und mit ihm auch der letzte Rest an Orientierung.
Die private Entsprechung dieses Zerfalls sind die Frauenfiguren, die Klíma ihm zur Seite stellt. Keine von ihnen bekommt psychologische Tiefe, aber alle spiegeln Zustände: Bindungslosigkeit, Projektion, Bedürfnis nach Nähe, das sich nicht einlösen lässt. Klíma ist hier weniger an konkreter Entwicklung interessiert als an Konstellationen, die ihre Spannung gerade aus ihrer Unauflösbarkeit ziehen.
Ein Roman über das Nachsehen
Was „Warten auf Dunkelheit, warten auf Licht“ leistet, ist kein klassischer Umbruch-Roman. Es ist die Erzählung eines Mannes, der den Moment verpasst, in dem Geschichte eine Richtung vorgibt. Klíma lässt offen, ob dieser Moment überhaupt je real gewesen ist. Pavel läuft durch Prag, beobachtet Demonstrationen, führt Gespräche, plant einen eigenen Film – doch alles bleibt im Entwurf. Der Raum öffnet sich, aber die Figur tritt nicht heraus.
In den Einschüben anderer Stimmen – Arbeiter, Bürokraten, politische Mitläufer – zeigt sich das Prinzip des Romans: Er dokumentiert, ohne zu erklären. Die Gesellschaft, die hier skizziert wird, ist eine, die gelernt hat, sich einzurichten – in der Abwesenheit von Freiheit ebenso wie in ihrer Möglichkeit.
Der vermeintliche Gegenentwurf, die neue Freiheit, bleibt abstrakt. Pavel landet schließlich in einem Umfeld, das ironisch gespiegelt wird: Werbung, später Softpornographie – Bilderproduktion ohne Substanz. Klíma verweigert jede moralische Pointe. Der Abstieg ist keiner im klassischen Sinn. Es ist eher ein Verschieben der Oberfläche. Das System hat gewechselt, das Spiel bleibt das gleiche.
Sprache als Instrument der Distanz
Was diesen Roman auszeichnet, ist die Konsequenz seiner sprachlichen Haltung. Klíma bleibt lakonisch, genau, fast protokollhaft. Kein Satz zielt auf Wirkung, aber jeder ist durchlässig für die Spannung, die zwischen Sichtbarkeit und Verschweigen entsteht. Dialoge wirken wie angehört, nicht erfunden. Die Erzählstimme hält Abstand, aber nicht aus Kälte, sondern aus Respekt vor der Komplexität der Zustände.
Man könnte dem Roman stellenweise Sprödigkeit vorwerfen – doch das würde voraussetzen, dass sein Ziel emotionale Identifikation sei. Klíma zielt auf etwas anderes: auf die Rekonstruktion eines inneren Zustands, der in keiner Revolution verschwindet. Wer gelernt hat, sich im System einzurichten, wird nicht automatisch frei, wenn das System zerfällt.
Zwischen Kafka und Nach-Drehschluss
Klíma steht in einer Tradition, die nicht laut wird. Sein Prag ist nicht das romantisierte der Reiseführer, sondern ein urbaner Raum, in dem sich Bedeutungen verschieben, ohne sich aufzulösen. Die Parallelen zu Kafka drängen sich nicht auf, aber sie sind da – weniger stilistisch, eher in der Logik der Vergeblichkeit.
Das Fernsehen, das Pavel verlässt, hat klare Regeln. Die neue Welt, in die er tritt, hat keine. Was auf den ersten Blick wie Befreiung erscheint, entpuppt sich als neue Form der Ohnmacht. In dieser Umkehrung liegt die eigentliche Tragik des Romans.
Wenn das Bild sich auflöst
Warten auf Dunkelheit, warten auf Licht ist ein präziser, zurückhaltender Roman über das Verschwinden von Gewissheiten. Klíma erzählt nicht von der Revolution, sondern von dem, was danach kommt: der Leere zwischen Systemen, der Illusion von Handlungsmacht, dem stillen Rückzug in Bilder, die keinen Widerstand mehr auslösen.
Dass der Roman keine Antwort gibt, ist kein Mangel, sondern Teil seines Konzepts. Es gibt nichts zu erklären – nur zu betrachten. So wie Pavel es gelernt hat. Nur dass nun niemand mehr vorgibt, was ins Bild gehört.
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