Am 16. Juni 2025 erschien mit „Besinnt Euch!“ Gerhart Baums letztes Buch im Suhrkamp Verlag. Entstanden unter Mitwirkung des Journalisten Uli Kreikebaum und mit einem persönlichen Vorwort von Renate Liesmann-Baum, ist es als bewusstes Vermächtnis zu lesen.
Die Entstehungsgeschichte ist außergewöhnlich: Bis unmittelbar vor seinem Tod arbeitete Baum an der „Streitschrift“, wie er sie nannte. Seine letzten Worte an seine Frau lauteten: „Und morgen machen wir den Text fertig.“ Vom Krankenbett der Kölner Uniklinik aus redigierte er Formulierungen, machte handschriftliche Anmerkungen und betonte wiederholt, dass es ein leidenschaftlicher Aufruf werden müsse – entschieden in Haltung und Ton. Die Dringlichkeit des Textes ergibt sich nicht aus stilistischer Dramatisierung, sondern aus der biografisch unterfütterten politischen Analyse.
Persönliche Prägung und politischer Appell
Besinnt Euch! verbindet biografische Erfahrung mit politischem Befund. Baum beschreibt seine Kindheit im Nationalsozialismus, die Bombennacht von Dresden, den Umgang mit der Vergangenheit in der frühen Bundesrepublik – etwa das Verbot einer Gedenkfeier für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 durch die Schulleitung seines Gymnasiums.
Diese Erlebnisse stehen nicht isoliert, sondern werden in einen Zusammenhang gestellt mit aktuellen Entwicklungen: dem Erstarken rechtsextremer Bewegungen, dem Rückzug des Bürgertums, dem Einsatz von Angst als politisches Mittel. Baum spricht von einem Epochenbruch, nicht nur einer Zeitenwende, und warnt vor einem neuen autoritären Zeitalter.
Selbstverständnis: Liberalismus als politisches Fundament
Baum entwirft das Bild eines ganzheitlichen Liberalismus, der auf Bürgerrechte ebenso achtet wie auf soziale Verantwortung. In seinem Verständnis gehören Datenschutz, Bildungsgerechtigkeit, Umweltpolitik und kulturelle Vielfalt zusammen.
Er distanziert sich von einer einseitig wirtschaftsliberalen Prägung der FDP, betont aber, dass für ihn das Programm, nicht die Personen, entscheidend sei. Auf Karl-Hermann Flachs Streitschrift „Noch eine Chance für die Liberalen“ greift er zurück – ein Text, den er im Krankenhaus erneut liest und als weiterhin aktuell einstuft. Mit seiner Haltung steht Baum in der Tradition des sozialliberalen Flügels, für den das Grundgesetz und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte den Maßstab politischer Gestaltung bilden.
Stil und Haltung: Persönlicher Ton, manifeste Form
Der Text ist in der ersten Person geschrieben, mit einem persönlichen, altersbewussten Tonfall – und zugleich als Manifest angelegt. Gerhart Baum formuliert keine Memoiren, sondern eine letzte politische Intervention. Er spricht aus der Perspektive eines 92-jährigen Zeitzeugen, der sich noch einmal einmischt – mit dem erklärten Ziel, „ein Fenster zu öffnen“, damit „die Demokratie weiter atmen kann“.
Die Sprache ist klar, direkt und appellativ. Baum stellt grundsätzliche Fragen an die Gesellschaft: nach der Zukunft der Demokratie, nach dem Umgang mit Vertrauensverlust, nach Möglichkeiten, autoritäre Machtstrategien zu begrenzen. Persönliche Erfahrungen – etwa der Feuersturm von Dresden, die Nachkriegsschuld oder politische Einschüchterung in der frühen Bundesrepublik – werden als Ausgangspunkt genutzt, um demokratische Grundsätze zu bekräftigen.
Das Manifest folgt einer ethisch begründeten Argumentation: Die in Deutschland nicht selbst erkämpfte Freiheit begründet eine bleibende Verantwortung. Daraus entwickelt Baum einen Begriff von Liberalismus, der Bürgerrechte, Chancengleichheit, soziale Verantwortung, Umweltschutz und Erinnerungskultur miteinander verbindet.
Der Stil bleibt sachlich und konzentriert, auch dort, wo die persönliche Betroffenheit spürbar ist. Die Erzählform dient nicht der Selbstvergewisserung, sondern der politischen Zielsetzung. Das Buch ist keine biografische Rückschau, sondern nutzt persönliche Erfahrungen als Grundlage für eine politische Schlussfolgerung.
Bezug zu Stéphane Hessel: Empörung und Verantwortung
Der Titel Besinnt Euch! verweist auf Stéphane Hessels Streitschrift Empört Euch!, mit dem Baum in seiner Arbeit in Menschenrechtsgremien der Vereinten Nationen verbunden war.
Beide eint die Überzeugung, dass Empörung ein notwendiger Impuls sein kann – aber immer mit dem Ziel, zu einer reflektierten, verantwortlichen Handlung zu führen. Duckmäusertum und Gleichgültigkeit waren ihnen gleichermaßen fremd. Die Verbindung von Erinnerung und Gegenwartsanalyse ist in beiden Texten zentral.
Ein komprimierter Appell mit langem Atem
Besinnt Euch! ist ein kurzer, aber inhaltlich dichter Text. Er vermeidet theoretische Konstrukte und konzentriert sich auf Grundfragen demokratischer Ordnung.
Gerhart Baum verlässt sich nicht auf historische Autorität, sondern nutzt seine biografische Erfahrung, um politische Verantwortung einzufordern. Das Buch ist nicht nostalgisch, sondern gegenwartsbezogen; es will nicht beruhigen, sondern zu Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung auffordern.
In einer Zeit, in der populistische Bewegungen, technologische Machtkonzentrationen und politische Gleichgültigkeit demokratische Strukturen herausfordern, ist dieses Manifest ein klar formulierter, persönlich begründeter und öffentlich adressierter Appell.
Topnews
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
Stimmen aus der Stille von Yahya Ekhou: Frauen in Mauretanien, Selbstbestimmung und die Kraft biografischer Literatur
Frank Schwieger: Trümmerkinder – Wie wir die Nachkriegszeit erlebten
Lili Körbers Abschied von Gestern
Zwischen Licht und Leere. Eli Sharabis „491 Tage“ – ein Zeugnis des Überlebens
Thomas Bernhards „Holzfällen“ – eine literarische Erregung, die nicht vergeht
Annett Gröschner: Schwebende Lasten
Mein Name ist Emilia del Valle – Isabel Allende und der lange Atem der Herkunft
Annegret Liepolds Unter Grund bei ttt – titel, thesen, temperamente
Das letzte Aufgebot von Moritz Seibert
Zwei Fluchten, zwei Stimmen – und dazwischen das Schweigen der Welt
Ein Haufen Dollarscheine von Esther Dischereit
Kritische Auseinandersetzung mit „Wenn Israel fällt, fällt auch der Westen“ von Giuseppe Gracia
Peter Handke: Schnee von gestern, Schnee von morgen
Han Kang: Unmöglicher Abschied
Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen
Aktuelles
Daniela Katzenberger, wie man sie kennt – unverstellt, direkt, motivierend
The Ordeals von Rachel Greenlaw – Eine Akademie, die Talente frisst
Leipzig liest: Von Alltäglichkeiten, Umbrüchen und der Arbeit am Erzählen
Es ist doch nur die Dunya von Murat Gülec – Ein leises Buch für laute Tage
Nicolas Mahler erhält 2026 Wilhelm-Busch-Preis und e.o.plauen-Preis
Die vergessene Hausapotheke von Dr. Nicole Apelian – Alte Rezepte, neue Dringlichkeit