Ping-Pong

Vorlesen
- 2 Seiten -


Schmieriger Matsch und gelbes Laub kleben an seinen neuen Turnschuhen. Bevor er später die Wohnung betritt, muss er sie unbedingt vor der Haustür richtig ausklopfen, den Dreck aus den Rillen ihrer Sohlen kratzen und sie in der Badewanne gründlich mit warmem Wasser auswaschen. Wer hatte eigentlich die sinnvolle Idee, an so einem neblig-nasskalten Tag im November zu einem Aussichtspunkt zu fahren?

Ach ja, er selbst.

Zuvor hatte er den ganzen Tag auf der Couch verbracht, versucht zu lesen, einen Film anzuschauen, sich von sich selbst und seinem schweren Kopf abzulenken. Nichts davon hat geholfen, nicht ein bisschen. Am Ende fixierte er wieder das verheißungsvoll leuchtende Display seines Handys, in der Hoffnung, seine Gedanken würden ihn endlich loslassen. Nur für ein paar Minuten, wenigstens. Doch vergebens. Ein Strudel aus grellen Bildern zog ihn hinab zu toxischen Vergleichen zwischen sich selbst und den anderen da draußen. Doch er wollte diesen Gedanken heute keine Aufmerksamkeit mehr schenken, sich nicht mehr von ihrem Sog in die Tiefe ziehen lassen. Er musste raus.

Deswegen schrieb er ihr, wem sonst. Deswegen stieg er kurze Zeit später in seinen orangefarbenen VW Golf, fuhr los, über einen Schleichweg, es dauerte gerade einmal zehn Minuten, die Strecke kannte er auswendig. Und deswegen blieb er vor dem terrakottafarbenen Haus ihrer Eltern in der gepflasterten Einfahrt stehen, wo sie seit ein paar Monaten gemeinsam mit ihrem Freund in der ausgebauten Dachgeschosswohnung lebte. Durch ein kurzes Hupen machte er auf seine Ankunft aufmerksam und wartete ab, in der Hoffnung, nicht aussteigen und an der Türe klingeln zu müssen. Sie blickte aus ihrem Küchenfenster, winkte ihm zu, öffnete kurz darauf ihre Haustür, dann seine Autotür, stieg schnell hinein. Sie umarmten sich flüchtig und fuhren sofort los, hinaus aus dem Ortskern, vorbei an Gewerbegebieten mit riesigen Supermärkten und leeren Parkplätzen, vorbei an unbelebten Dorfplätzen mit stillgelegten Brunnen und während des Winters geschlossenen Eisdielen.Nach einer Stunde sind Rebecca und Georg endlich bei diesem Aussichtspunkt angekommen und blicken auf eine karge Agrarlandschaft. Dieser Platz zählt zu den Highlights ihres Landkreises. Es heißt, bei gutem Wetter kann man von hier aus die Berge sehen. Im Sommer pausieren hier tagsüber Wandernde und Radfahrende in Funktionskleidung, die auf der Durchreise sind. An warmen Abenden treffen sich hier die gelangweilten Jugendlichen zum Rummachen, Rauchen oder Trinken. Zumindest lassen ihn die zerschlagenen Bierflaschen und Kippenstummel im gelb- grünen Gras darauf schließen.


Gefällt mir
3
 

Weitere Freie Texte

Freie Texte

Geschlagen

Elsa Raiß

Ich wurde nie geschlagen. Stimmt doch, oder? Aber warum trafen mich die Worte „du bist zu viel“, wie ein Schlag ins Gesicht, so dass ich krank wurde. Warum stach es mich, wenn jemand sagte „Du bist nichts“, wie ein Messer im Herz, denn jetzt weiß ich nicht, wer ich bin. Ich wurde nie geschlagen, aber die Kugeln trafen, sodass nichts mehr übrig war, außer meine Narben. Auch mein Körper, dem ging es nicht gut, doch wurde ich ja nie geschlagen, nur so lange fertig gemacht, bis ich nichts sah außer ...
Freie Texte

Stolz

Elsa Raiß

Was bedeutet es, Stolz zu sein? Heißt es, genug Leistung zu erbringen? Andere Erwartungen zu erfüllen? Von der Gesellschaft? Von einem selbst? Was heißt es, Stolz zu sein? Heißt es, über seine Grenzen zu gehen? Perfekt zu sein? Alles richtig zu machen? Was heißt es überhaupt, Perfekt zu sein? Ich weiß es nicht und auch nicht, was es heißt Stolz zu sein. Aber…. …ich weiß, was es nicht heißt. Wir sind Menschen. Wir machen Fehler. Und wir lernen. Wir sind nicht perfekt. Aber wir wollen es sein. Der ...
Freie Texte

Chance

Elsa Raiß

Ich weiß, ich hätte mich mehr anstrengen sollen. In verschiedenen Rollen hätte ich gewollt, wäre es anders gelaufen. Ich weiß, ich hätte mehr gekonnt, wäre mein Kopf nicht zerbombt von Schuldgefühlen, Qualen, Reue. Und ich weine und schreie. Denn „was wäre wenn“, wäre ich am Gewinnen. In diesem Moment tue ich nichts außer verlieren. Doch ich sah ein Licht, was in mir blitzt, wie ein Schlag des Schicksals, welches mir sagt: „Geh deinen Weg“. Und ich gehe und ich renne, bis mir meine Füße vom Leib ...
Freie Texte

Leben

Elsa Raiß

Ist es das wirklich, so erstrebenswert? Der Sinn, hinter alldem? Ich weiß es nicht. Und doch sitze ich hier, so nah und doch so fern, von alldem, was ich habe gern. Ich bin noch jung, muss viel erleben. Aber kann ich nicht einfach, so führen, das Leben? Was ich immer wollte, die Freiheit, die Gestaltung meines Herzens. Doch was mache ich noch hier? Schmerzen, Trauer. Alles überdenken. Und doch führt es zu nichts. Nur zu einem Mix. Aus Emotionen und Zielen, wie von vielen, in einer Welt, wo man ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: Only your voice

Setareh Niazi

Only your voice remains— a familiar melody inside the loneliness of night. My heart, a weary butterfly on love’s endless road, still calls for your embrace. Without you, the world is a silent room. Your shoulders once sheltered my unfinished grief; your heart held a peace my wounds could never find. They say what leaves the eyes leaves the heart as well. But love knows neither sight nor distance. In the darkness of night I still believe you will return someday, with hands gentle enough to heal ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: عشق، دور از چشم

Setareh Niazi

نوای خاطراتت ملودی آشنایی که خلوت تنهایی گوش هایم می طلبد دلم پروانه ی کوچکی در مسیر عشق که آغوش تو رو فرا می خواند بی تو هرگز با تو هر زمان هر جا شانه ات تکیه گاه امن اشک های بی وقفه ام قلبت آرامگاه درد های بی درمانم بازوانت پناهگاه دستان سردم گویند هر آن که از دیده رود از دل نیز برود گویم عشق دیده و دل نشناسد بغض غصه های شبانگاهم می دانم می آیی می شوی ترمیم زخم های دلم تا همیشه تا ابد منتظرت می مانم Hier gehts zur englischen Fassung. Hier gehts zur deutschen ...
lesering
Freie Texte

Setareh Niazi: Von Dir

Setareh Niazi

ist nur die Stimme geblieben — eine vertraute Melodie in der Einsamkeit der Nacht. Mein Herz, ein müder Schmetterling auf dem endlosen Weg der Liebe, ruft noch immer nach deiner Umarmung. Ohne dich ist die Welt ein stilles Zimmer. Deine Schultern waren einst Zuflucht für meine unendlichen Tränen; dein Herz ein Ort der Ruhe für Wunden ohne Heilung. Man sagt: Was den Augen fern ist, verschwindet auch aus dem Herzen. Doch die Liebe kennt weder Augen noch Entfernung. In der Dunkelheit der Nacht ...
Freie Texte

Schwestern der Sonne

UpA

Drei Mädchen, stark und klar, feinsinnig mit scharfer Zunge und stetem Verstand. Sie reckten das Haupt der Sonne entgegen. Die Älteste spendete Schutz, breit wie ein stiller Baum im Mittagslicht. Die Zweite trat hervor, ruhig, mit Augen, die niemand auswichen. Die Dritte — frei und brav — trug das Lachen wie den Schutz der Familie in sich. Feiner Sand quoll durch ihre nackten Zehen, warm von der Sonne, golden im flimmernden Licht. Und da standen sie, das Haupt erhoben der Sonne entgegen, als ...

Aktuelles