Der Gründer, bisherige Chefredakteur und Geschäftsführer des "KATAPULT"-Magazins, Benjamin Fredrich, ist nach Anschuldigungen ukrainischer Angestellter von seinen Führungsposten zurückgetreten. Im Februar hatte das Magazin eine "Ukraine Redaktion" gegründet. Mitarbeiter werfen Fredrich nun unter anderem vor, Gehälter nicht in der versprochenen Höhe gezahlt zu haben. Das Projekt sei nur die "Illusion einer großen Hilfsorganisation" gewesen.
Das in Greifswald erscheinende "KATAPULT"-Magazin ist in der deutschen Medienlandschaft ein herausragendes Beispiel dafür, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen kann, ohne deren Gehalt zu unterminieren. Das Magazin arbeitet nahezu ausschließlich mit Infografiken und Karten, mit deren Hilfe zuweilen komplexe sozialwissenschaftliche Forschungen populärwissenschaftlich dargestellt und publiziert werden können. Nicht selten stoßen die Inhalte der halbjährlich erscheinenden Ausgaben gerechtigkeitstheoretische Fragen an; thematisieren Flucht, Migration, Gleichberechtigung, Ausbeutung und weitere medial oft vernachlässigte oder zerpflückte Themen.
Gehälter wurden in der genanten Höhe nie gezahlt
Als Russland am 24. Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, reagierte die KATAPULT-Redaktion überraschend schnell mit der Ankündigung, eine ukrainische Redaktion aufbauen zu wollen, die fortan zum Krieg in der Ukraine berichten sollte. Dafür wurde unter anderem ein neues Büro in Odessa errichtet. Das Projekt bekam große Aufmerksamkeit und war 2022 für den Grimme Online-Award nominiert. Mittlerweile scheint die "KATAPULT Ukraine"-Redaktion allerdings wie verlassen. Seit einigen Wochen schon erscheinen keinerlei Inhalte mehr auf der entsprechenden Projektseite, wie der Medienjournalist Stefan Niggemeier ("Übermedien") kürzlich berichtete. Vielen ukrainischen Mitarbeitern sei inzwischen gekündigt worden.
Niggemeier sprach mit der ehemaligen Redaktionsleiterin von "KATAPULT Ukraine" Roksana Panashchuk sowie mit ihrem damaligen Ehemann Sergey Panashchuk, die schwere Vorwürfe gegen den bisherigen Chefredakteur und "KATAPULT"-Gründer Benjamin Fredrich ins Feld führen. Die versprochenen Stellen seien nie besetzt worden, so Roksana Panashchuk. Die mit Spendengeldern finanzierten Gehälter seien in der genannten Höhe nie gezahlt worden. Insgesamt entsteht der Eindruck, die Journalisten fühlen sich von dem Magazin ausgenutzt. Als Reaktion auf die Vorwürfe veröffentlichte Fredrich am 31. Januar auf der Homepage des KATAPULT-Magazins ein Statement, in dem er sich zu den Anschuldigungen äußerte und erklärte, dass er "die operative Geschäftsführung sowie die Chefredaktion" von "KATAPULT" abgegeben werde.
Benjamin Fredrich: "Manche Leute haben trotz Bezahlung keine Artikel abgegeben..."
In seinem Statement schreibt Fredrich unter anderem: "Ich verstehe, dass genau die Leute, von denen wir uns wieder trennen mussten und die Niggemeier für seinen Artikel interviewt hat, verärgert sind. Doch diese Trennungen waren für KATAPULT existenziell und unumgänglich: Manche Leute haben trotz Bezahlung keine Artikel abgegeben, manche haben diskriminierende Sprache verwendet, manche haben bei der Übersetzung unserer Artikel in andere Sprachen eigenmächtig kritische Abschnitte über die Ukraine entfernt. Diesen letzten Punkt kann ich sogar ein wenig verstehen. Die Leute wollten das Maximum für ihr Land herausholen. Aus journalistischer Sicht ist dieses Vorgehen jedoch untragbar."
Niggemeier stütze seine Ausführungen auf zum Teil haltlose Vermutungen und Vorwürfe ehemaliger Mitarbeitender und unterstelle somit ein Kalkül, das es nie gegeben habe, so Fredrich weiter. Dennoch tue es ihm leid, dass er das Projekt nicht mit der angekündigten Konsequenz verfolgt habe. "Ich werde die operative Geschäftsführung sowie die Chefredaktion von KATAPULT abgeben. Die beiden neuen Geschäftsführerinnen werden Nasrin Morgan und Juli Katz sein, derzeit Referentin der Geschäftsführung und Online-Chefredakteurin. Die Besetzung der Chefredaktion steht noch aus."
Konzentration auf "KATAPULT Ukraine"
Künftig will sich Fredrich auf die Verbesserung und den Ausbau des Ukraine-Projektes konzentrieren. "Ich will das wahrmachen, was ich angekündigt habe, denn es stört mich, dass Stefan Niggemeier nicht nur ungerechtfertigte Kritikpunkte vorbringt." Wichtig sei dabei, die Transparenz herzustellen, die das KATAPULT-Magazin immer ausgemacht hätte. "Dass man bei KATAPULT von außen immer in unser Innerstes gucken konnte, hat uns innerhalb der Medienlandschaft hervorgehoben. Ich möchte, dass es so bleibt."
An seine Mitarbeiter gerichtet endet Fredrich seine Stellungnahme mit den Worten: "Das wars, Leute. Acht Jahre sind rum. 2015 habe ich diesen Laden gegründet. 2023 ziehe ich mich aus der Geschäftsführung und von der Chefredaktion zurück. … Ich bedanke mich bei meinem Team, das es sicher selten leicht mit mir hatte. Ich bin stolz auf euer Durchhaltevermögen und eure Resilienz – der politischen Lage gegenüber, unserer Arbeit gegenüber und mir gegenüber. Wir haben versucht, einen Unterschied zu machen. Wir haben einen Unterschied gemacht. Ich bin nun aber offensichtlich gescheitert. Nasrin und Juli werden vieles besser machen."
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