Die Frankfurter Buchmesse 2021 stand beinahe gänzlich im Lichte einer Debatte, die das Kulturgut Buch in den Schatten stellte. Die Autorin Jasmina Kuhnke, die auf der Messe planmäßig ihr neues Buch "Schwarzes Herz" vorstellen sollte, boykottierte die Veranstaltung aufgrund der Anwesenheit des rechten Kleinverlags "Jungeuropa". Einige AutorInnen solidarisierten sich, andere hielten die Reaktion für übertrieben. Manch ein zynischer Beobachter hatte sogar den bösen Verdacht, es handle sich um einen Marketingtrick. Wie dem auch sei; die Debatte machte Furore und wirkt auch in diesem Jahr noch nach. In der vergangenen Woche fand ein Kulturausschuss statt, in dem Buchmesse-Direktor Juergen Boos mit Stadtverordneten über die Frage debattierte, wie man künftig mit rechten Verlagen umgehen solle. "Ausschließen!", schreit man da von einer Seite. "Aushalten!", von der anderen.
Wie soll die Frankfurter Buchmesse nach dem Eklat im vergangenen Jahr mit der Präsentation rechter beziehungsweise neurechter Verlage umgehen? Darüber debattierte der Kulturausschuss kürzlich mit Buchmesse-Direktor Juergen Boos. An der Diskussion beteiligt war auch die Grünen-Politikerin und Antifaschistin Jutta Ditfurth, die für einen Ausschluss rechter Verlage warb. Gegenüber der "Frankfurter Rundschau" vertiefte Ditfurth nun noch einmal ihre Haltung. Dabei kritisierte sie unter anderem die Haltung des Buchmessen-Direktors Boos, der im letzten Jahr meinte, es gebe Umstände, die man schlicht aushalten müsse. Die Grünen-Politikerin bezeichnete diese Haltung als "Gerede" und wies darauf hin, dass der "weiße privilegierte Teil der Gesellschaft" noch immer ignoriere, "dass People of Color täglich rassistische Erfahrungen machen."
Auch sei es abwegig, "sichere Räume" für Schwarze und People of Color zu schaffen, die in einem solchen Fall ständig von Security bewacht werden müssten. Die Anwesenheit von rechten Verlage sei immer auch eine "organisatorische Andockstelle für andere Nazis, die dann gemeinsam über die Messe ziehen und eine Gefahr" darstellten.
Am Anfang stehen die Codes, am Ende die Vernichtung
Stattdessen sollte man alle angemeldeten Aussteller im Vorfeld sorgfältig prüfen, und die Öffentlichkeit anschließend darüber informieren, welche Verlage sich im Anmeldeverfahren befinden. Aus Ditfurths Äußerungen wird klar, dass sie die Teilnahme rechter Organisationen an öffentlichen Veranstaltung als einen, vielleicht zunächst harmlos wirkenden, Teil einer längeren Kausalkette sieht, die letztlich in der "Vernichtung" von Gegnern endet. Viele Menschen hätten ein "wabbeliges Verständnis von Meinungsfreiheit, wissen aber gleichzeitig nicht, welches Menschen- und Weltbild Nazis haben, wie sie denken und schreiben, bevor sie offen die Vernichtung ihrer Gegner:innen planen."
Man müsse nicht jedes einzelne Buch lesen, um zu entscheiden, welche Verlage von der Buchmesse auszuschließen seien. "Es würde reichen, rechte Verlagsprogramme in ihrer Hauptlinie zu bewerten"; herauszufinden also, wer den Verlag betreibt, ob er mit organisierten rechtsradikalen Kreisen in Kontakt steht, wie er auf der Straße und im Netz auftritt. Allein könne die Buchmesse dies nicht leisten, gesteht Ditfurth. Sie schlägt drei große Veranstaltungen zwischen Ostern und Sommer vor, die der Öffentlichkeit bei der Meinungsbildung helfen sollen.
Das Verbot als zahnloses Instrument?
Die Debatte verweist - ähnlich wie die um Jasmina Kuhnkes Absage im vergangenen Jahr - auf eine Hilflosigkeit, die gegenwärtig allumgreifend zu sein scheint. Was ist ein angebrachter, und also dem demokratischen Gedanken folgender Umgang mit jenen, die anti-demokratische Positionen vertreten und daran interessiert sind, das System zu unterwandern? Jutta Ditfurth Methode läuft darauf hinaus, ein demokratisches Miteinander zu erzwingen, indem sie abweichende, undemokratische Meinungen dezidiert ausschließt. Im Kern aber - und das ist keine Neuigkeit - ist diese Methodik eine zutiefst undemokratische, weshalb sich jene, die dort Ausgeschlossenen werden sollen und sich längst mit Titeln wie "die wahren Demokraten" schmücken, in ihren absurden Setzungen bestätigt werden. Die Zeichenumkehr, wie wir sie auch von Corongegnern mittlerweile zu Genüge kennen, wird mithilfe solcher Vorstöße tatsächlich befeuert und gefestigt.
Vielleicht sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen, dass der Erfolg sogenannter neurechter Verlage auf dem Erstarken rechter und neurechter Bewegungen beruht, und nicht etwa auf die Qualität der dort erschienenen Bücher. Der von Ditfurth geforderte Ausschluss kann daher nicht mehr als eine Symptom-Bekämpfung sein, ist aber tragischerweise nicht einmal das. Das Verbot ist in diesem speziellen Fall ein zahnloses Instrument, da es das Problem lediglich dorthin verschiebt, wo man es nicht sehen muss. Sinnvoller wären andere Ansätze, wie etwa eine gezielte Themenwahl der kommende Buchmesse. Inhaltliche Vorgaben, Rahmensetzungen, Programmschwerpunkte. Diese aber, sollte man nicht bewusst gegen neurechte Protagonisten setzen. Schließich wissen wir doch, dass nahezu alles Spannende, Erweiternde und Bewegende bereits ganz von selbst antirassistisch und weltoffen ist. Dass Literatur davon lebt, sich in andere Individuen zu versetzen, mit fremden Augen auf die eigene Welt zu schauen und dadurch den Rahmen der eigene limitierten Wahrnehmung zu durchbrechen. Nein, es gibt keine rechte Literatur.
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