Unbekannte Stimme

- 3 Seiten -
Dilan Canbaz

Es ist absolut still, der 31. Dezember. Ich liege endlich nach einer erholsamen Nacht, die ich seit Tagen nicht mehr hatte, gelassen im Bett. Erste Feststellung: Die Zeit. Ich stelle gleich die Zeit am Handy fest, die 6 Uhr 10 anzeigt. Acht Stunden lang war ich vom Schlaf übermannt. Eine gute erste Feststellung. Wie üblich mache ich damit Schritt für Schritt weiter. Raum: Der Körper lebt, fühlt sich frisch an, verursacht keine bedenklichen Schmerzen und das Allerwichtigste, das System, der Kopf ist intakt und gerade besonders gutmütig. Alle Voraussetzungen für ein gelungenes Silvester und einen guten Rutsch ins Neujahr sind somit gegeben: Die Welt ist in Ordnung.

Seit Tagen und Nächten bestürmen mich sonst zu unbestimmten Zeiten hartnäckige Gedanken über die Natur, Welt und diese Menschen, die mich ringsum umgeben, die keinerlei Ahnung von jeglicher Freiheit haben, keine systemkritische Meinung zulassen, aus Angst, sich damit etwa zu beschweren, nur dahinleben, weil sie wirklich glauben, sie könnten nur so als Mitläufer mit sich und der Allgemeinheit solidarisch bleiben. Kaum möchte sich mein Verstand auch gänzlich anschließen, protestiert jeweils mein stiller, ungezähmter Wille: „Lass uns doch zumindest in der eigenen Meinung wild und frei bleiben.“ Der willenlose Kopf wehrt sich: „Mag aber kein Hin und Her. Lass uns leicht ohne Mühe mit der Flut dahinfließen, wir könnten sicher auch ohne Abenteuer oder etwas zu meinen, irgendwie existieren.“

Das ist eine der Schwächen meines Willens. Er ist empfindlich, unbewandert, weiß meist versteckt in der Tiefe gar nichts über diese Außenwelt oder nur so viel, wie er die Welt wild und frei von innen kennt. Er steht meistens in keinem guten Verhältnis zum Kopf, hat dauernd Angst vor ihm, der Art und Weise seines Denkens.

Das Ganze verwirrt mich. Ich will endlich Frieden, ein Ausgleich muss dringend her, dieser ständige Krieg ist aber trotzdem noch hier. So ist vielleicht die Welt, dieser Gedanke tröstet und beruhigt mich wieder. Vertieft in dieser Fantasie – ich möchte eine Lösung finden – klingelt plötzlich das Telefon.

Der schlaue Kopf: „Warum auch nicht? Einen so guten Tag hatte ich letztens selten. Die Freude lässt sich leicht teilen.“

Eine sanfte, unbekannte Stimme sagt mit gewisser Vorsicht: „Ich werde Ihre Zeit nicht allzu lang in Anspruch nehmen.“

„Ich bin aber heute nicht im Dienst.“ Zugleich ist der Kopf von der Zartheit der klaren, warmen Töne dieser tiefsten Stimme derart gefesselt, dass er und alles, was sich in ihm dagegen wehren will, schnell entmachten lässt. Vielleicht waren ihm die eintönigen Feiertage allein zu lang oder die Sehnsucht nach einem tiefgründigen Gespräch viel zu groß.


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