Es gibt Ängste, die haben keine Agenda. Sie sind einfach da: Dunkelheit, Alleinsein, das Geräusch im Flur – und der Moment, in dem man merkt, dass man jetzt einschlafen muss, ob man will oder nicht. REM nimmt genau diese alltägliche Verletzlichkeit und dreht sie in einen Horror-Gedanken, der sofort sitzt: Stell dir vor, deine Träume wären nicht weg, wenn du aufwachst – sondern aufgezeichnet. Du könntest sie dir ansehen wie Videos. Und genau dann wäre dein nächster Schlaf womöglich dein letzter.
REM (Annika Strauss & Sebastian Fitzek) – Schlafen, träumen – und dann nicht mehr aufwachen
Fitzek kennt den Mechanismus des Pageturners. Annika Strauss bringt als „German Screamqueen“ (so wird sie in Verlags-/Händlerporträts vorgestellt) ein Genregefühl mit, das weniger psychologisch „leise“ ist als körperlich spürbar. Heraus kommt ein Buch, das nicht auf Wohlfühlgrusel zielt, sondern auf Alarm: auf die Frage, was passiert, wenn Schlaf – dieses menschliche Grundrecht – zur riskantesten Handlung des Tages wird.
Worum geht es in REM?
Alysee ist vier Jahre alt, als ihr Vater sie panisch anfleht, um Himmels willen wach zu bleiben. Sie schläft trotzdem ein. Als sie wieder aufwacht, ist ihr Vater bestialisch ermordet. Das ist die letzte und einzige Erinnerung, die Alysee an ihn hat. Ihre Mutter, die ebenfalls früh starb, hat sie nie kennengelernt. Alysee wächst als Vollwaise zusammen mit ihrem besten Freund Nico in einer Pflegefamilie auf – und die Angst vor dem Einschlafen verlässt sie nie.
Jahre später erfährt sie, dass ihr Vater ihr etwas vererbt hat, das das Geheimnis seines Todes lüften könnte. Alysee tritt dieses Erbe an – und merkt sehr schnell, dass das grauenhafte Sterben erst seinen Anfang genommen hat. Die Spur führt in die Atmosphäre eines unheimlichen alten Hotels, das wie ein Resonanzraum funktioniert: Für Erinnerungen, für Albträume, für Dinge, die man tagsüber wegdrückt und die nachts zurückkommen.
Das Buch bleibt (klugerweise) spoilerbewusst darin, wie genau Traumaufzeichnung, Erbe und die neue Mordserie ineinandergreifen. Was es aber sehr deutlich macht: Alysee steht nicht vor einem einzelnen Rätsel, sondern vor einem System von Angst. Und Nico ist nicht nur Sidekick, sondern der Mensch, der mit in diese Angst hinein muss, weil man manche Türen nicht allein öffnen sollte.
REM-Schlaf als Horror-Idee und als Metapher
Angst vor dem Einschlafen
Die beste Horroridee ist oft die, die man nicht „abschalten“ kann. Schlaf lässt sich nicht dauerhaft vermeiden. Genau das macht Alysees Trauma so wirksam: Ihre Angst ist nicht situativ, sondern physiologisch. Der Körper verlangt Schlaf, die Erinnerung verbietet ihn. REM baut Spannung nicht nur über Täterlogik auf, sondern über diesen Widerspruch, der jede Nacht neu beginnt.
Erinnerung als Feind und als Beweisstück
Alysees letzte Szene mit dem Vater ist nicht nur tragisch, sie ist auch eine Art Datenfragment – ein Stück Vergangenheit, das nicht reicht, um zu verstehen, aber genug ist, um nie loszulassen. Dass die Träume im Buch als etwas „Aufgezeichnetes“ gedacht werden, verschiebt Erinnerung vom Inneren ins Äußere: Wenn man Träume ansehen kann, werden sie zu Beweisen. Und Beweise können retten – oder töten.
Das Erbe als Trigger
Das klassische Erbmotiv bekommt hier einen doppelten Boden: Erben heißt nicht nur Besitz bekommen, sondern in eine Geschichte hineingezogen werden, die man nicht gewählt hat. Alysee tritt etwas an, das Antworten verspricht – und stattdessen neue Gefahren freischaltet.
Hotel als Bühne des Unheimlichen
Ein altes Hotel ist im Horror nicht zufällig beliebt: Flure, Zimmer, Geräusche, verschlossene Türen – und das Gefühl, dass das Gebäude selbst zuhört. REM nutzt dieses Setting explizit als Atmosphäreversprechen. Es ist der Ort, an dem Schlaf zum Ritual wird: Du legst dich hin, du gibst Kontrolle ab – und du hoffst, dass du sie zurückbekommst.
Warum „Schlaf“ gerade als Angstthema funktioniert
REM trifft einen Nerv, weil Schlaf heute ohnehin schon zum Problemfeld geworden ist: Stress, Bildschirmlicht, Leistungsdruck, Schlaftracking. Das Buch nimmt diese Gegenwart nicht als Thema („Tipps für besseren Schlaf“), sondern als Untergrund: Viele kennen den Zustand, nachts wach zu liegen und dem eigenen Kopf nicht entkommen zu können. REM macht daraus Horror – nicht weil Schlaf „schlecht“ ist, sondern weil er der Moment ist, in dem wir am verletzlichsten sind.
Das Interessante ist: Die Idee, Träume aufzuzeichnen, klingt im ersten Moment wie Tech-Faszination. Im zweiten Moment ist sie ein Albtraum, weil sie das letzte Private privatisiert. Wenn Träume abrufbar werden, wird auch das Innere ein Schauplatz, den andere betreten können. Und dann ist der Schritt von Neugier zu Kontrolle erschreckend klein.
Fitzek-Tempo trifft Horror-Punch
Der Roman wird als „Psychothrill meets Horror“ positioniert – und genau so liest er sich in der Anlage: ein Plot-Motor, der auf Zug baut, kombiniert mit Momenten, die nicht nur nervös machen, sondern schocken sollen. Fitzek-typisch sind die kurzen Kapitel und das „noch eins“-Prinzip; Strauss’ Genrehand bringt dazu die Lust an der dunklen Inszenierung.
Wer Fitzek kennt, erkennt das dramaturgische Handwerk: Einstieg mit maximaler Hook-Szene, dann Ausweitung in ein Rätselnetz, dazu Figuren, die emotional erpressbar sind (hier: Trauma, Elternverlust, Schlafangst). Der Horror-Anteil verschiebt das Ganze stärker ins Körperliche: weniger „nur Kopfkino“, mehr „ich will kurz das Licht anmachen“.
Für wen ist REM ein gutes Match?
REM ist ideal, wenn du Psychothriller magst, aber das Genre dir manchmal zu „clean“ geworden ist und du wieder etwas willst, das wirklich unheimlich wird. Wenn du Fitzek liest, um dich in Plotmechanik zu verlieren, bekommst du hier zusätzlich eine Horror-Textur. Wenn du Horror magst, aber nicht nur Monster, sondern psychologische Abgründe, findest du hier einen Einstieg, der über Schlaf und Trauma läuft.
Wen ich eher warnen würde: Leser, die sehr sensibel auf Gewaltbilder reagieren oder Horror grundsätzlich meiden. Das Buch verspricht „echte Schock-Momente“ – und meint das auch so.
Kritische Einschätzung: Stärken und Schwächen
Die große Stärke von REM ist die zentrale Idee: Schlaf als Zwang, Traum als Beweis, Aufzeichnung als Bedrohung. Das ist ein Hook, der nicht nur in einem Satz funktioniert, sondern als Motor taugt. Dazu kommt Alysee als Figur: Ihre Angst ist nicht dekorativ, sondern begründet; der Vater-Moment ist so gesetzt, dass er das ganze Buch emotional auflädt.
Reibungspunkte gibt es auch – typischerweise dort, wo Genre-Logik und Realismus sich berühren. Wer Fitzek liest, weiß: Plausibilität ist oft zweitrangig gegenüber Tempo und Zuspitzung. Im Horror-Modus gilt das erst recht. Wenn du also beim Lesen gern jeden Mechanismus rational „abschließt“, könnte dich das Buch eher stressen als faszinieren.
Ein Horror-Thriller, der nicht nett sein will
REM ist ein Roman, der seine Versprechen ernst nimmt: unheimliches Hotel, Schlafangst, Traumlogik, Schockmomente. Er ist weniger ein gemütlicher Grusel als ein schneller, dunkler Lauf durch einen Flur, in dem du nicht genau weißt, ob das Geräusch hinter dir nur dein Herz ist – oder etwas anderes.
Am Ende bleibt vor allem ein Gefühl: dass Schlaf nicht beruhigt, sondern bedroht ist. Und das ist vielleicht die effektivste Horrorleistung überhaupt – weil du das Buch zuklappen kannst, aber heute Nacht trotzdem wieder schlafen musst.
Über die Autorin und den Co-Autor
Annika Strauss (geb. 1984) studierte Allgemeine Rhetorik und Germanistik in Tübingen und arbeitet auch als Schauspielerin; viele ihrer Filmproduktionen liegen im Horrorbereich, weshalb sie in Porträts als „German Screamqueen“ bezeichnet wird. 2024 erschien ihr Thriller-Debüt Nachtfahrt.
Sebastian Fitzek (geb. 1971) ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Thrillerautoren; seine Romane sind vielfach Bestseller und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.
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