Ein vorislamisches Gedicht. Ein Reiter im Staub, ein Stamm, ein Lob auf Mut und Verlust. Die Stimme ist alt, doch sie trägt. Dass Stefan Weidner mit Der arabische Diwan: Die schönsten Gedichte aus vorislamischer Zeit auf der Shortlist des Sheikh Zayed Book Award steht, markiert einen Punkt, an dem Literatur zur Gedächtnisarbeit wird – und Übersetzung zur kulturellen Intervention.
Zwischen Gedicht und Geopolitik – Die Shortlist des Sheikh Zayed Book Award 2026
Der Sheikh Zayed Book Award (SZBA) feiert 2026 seine 20. Ausgabe. 24 Nominierte aus 16 Ländern, über 4.000 Einreichungen aus 74 Staaten. Zahlen, die Größe signalisieren. Doch ein Literaturpreis ist mehr als Reichweite. Er ist ein Ordnungssystem: Er bestimmt, was sichtbar wird, welche Texte zirkulieren, welche Diskurse verstärkt werden.
Literatur als Gesellschaftsmodell
In der Kategorie Literatur treten drei Romane an, die jeweils einen symbolischen Raum entwerfen.
Ashraf Elashmawy macht in Births in the Zoo den Giza Zoo zur Allegorie Ägyptens. Der Zoo ist Mikrokosmos, Käfig und Bühne zugleich. Machtverhältnisse erscheinen zoologisch geordnet. Satire fungiert als präzises Skalpell.
Nizar Abdulsattars Fourrure führt von Bagdad über Beirut nach London in die Sphäre des Kunstmarkts. Der Weg des Protagonisten durch Auktionshäuser und Archive wird zur Erkundung von Wertsystemen. Herkunft, Kunst, Kapital – alles steht zur Disposition.
Badriah Albeshr erzählt in Secret of the Al Za’farana von Beduinen-Frauen über drei Generationen hinweg. Eine junge Erzählerin sammelt Stimmen. Das Erzählen selbst wird zur sozialen Praxis. Weibliche Solidarität erscheint nicht als These, sondern als gelebte Struktur.
Diese Romane arbeiten mit klaren Modellen. Zoo, Markt, Lager. Literatur wird zur Soziologie in narrativer Form.
Kanonbildung durch Übersetzung
In der Kategorie „Arabische Kultur in anderen Sprachen“ zeigt sich, wie stark arabische Geistesgeschichte global verhandelt wird.
Nathaniel A. Miller analysiert in The Emergence of Arabic Poetry die Formierung arabischer Identität zwischen 500 und 750 n. Chr. Poesie erscheint hier als politischer Prozess.
Stefan Weidners Der arabische Diwan setzt früher an. Er überträgt vorislamische Gedichte ins Deutsche und schafft damit einen neuen Resonanzraum. Übersetzung wird zur Auswahl, zur Setzung, zur Kanonbildung. Dass viele dieser Texte bislang nicht auf Deutsch vorlagen, macht den Band zu einer editorischen Geste mit kulturpolitischer Dimension.
Salah Natij untersucht mit dem Konzept der murūʾa eine Ethik der Exzellenz in der klassischen arabischen Kultur. Sara Fani widmet sich arabischen Tintenrezepten des 9. bis 13. Jahrhunderts. Ethik und Materialität stehen nebeneinander. Kultur erscheint als Geflecht aus Begriff und Handwerk.
Bewegung zwischen Sprachen
Die Kategorie Übersetzungen unterstreicht die Dynamik dieses Geflechts. Jagdgedichte von Abu Nuwas werden ins Englische übertragen, rhetorische Traktate ins Arabische zurückgeführt, ein Kochbuch des 13. Jahrhunderts neu lesbar gemacht. Literatur zirkuliert. Sie überschreitet Sprachräume und verschiebt Bedeutungen.
Der Sheikh Zayed Book Award unterstützt diesen Prozess durch ein eigenes Übersetzungsstipendium. Institutionell verankerte Vermittlung ersetzt das Zufällige durch Strategie.
Preis und Macht
Seit 2006 wurden 136 Preisträger ausgezeichnet. Der Preis, organisiert vom Abu Dhabi Arabic Language Centre, ist auch ein Instrument kultureller Selbstvergewisserung. Er operiert im Feld der Soft Power. Doch gerade in dieser Verbindung von Literatur und Politik entsteht Wirkung.
Die Shortlist 2026 zeigt arabische Kultur nicht als Randphänomen, sondern als globales System aus Texten, Editionen, Theorien und Institutionen. Am Anfang steht ein Gedicht. Am Ende ein Preis. Dazwischen liegt die Frage, wie Literatur Identität formt – und wer diese Form sichtbar macht.
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