Am Ende steht eine Bühne. Halle 5, Leipziger Buchmesse, 14:30 Uhr. Ein Name wird aufgerufen, Applaus brandet auf, ein „Selbie“ wechselt die Hände. Doch bevor das Licht auf die Preisträger:innen fällt, gibt es einen anderen Moment:14. Februar, 18 Uhr, YouTube. Die Verkündung der Shortlist. Drei Titel pro Kategorie. Ein digitales Schaufenster, in dem sich zeigt, wie sehr sich der Literaturbetrieb verschoben hat.
Der Selfpublishing-Buchpreis 2025/26 inszeniert sich nicht als Randnotiz, sondern als eigenständige Institution. 1.858 eingereichte Titel. 1.159 in der Belletristik, 415 im Kinder- und Jugendbuch, 284 im Bereich Sachbuch und Ratgeber. Zahlen, die weniger von literarischer Qualität erzählen als von einer tektonischen Bewegung: Schreiben ist nicht mehr an Verlagshäuser gebunden, Publizieren nicht mehr an Programmentscheidungen. Der Preis reagiert auf diese Realität – und formt sie zugleich.
Die Jury als Spiegel des Systems
Ein Blick auf die Hauptjury offenbart ein sorgfältig komponiertes Tableau. Autor:innen, Blogger:innen, Branchenexpert:innen, Medienprofis, Vertriebsverantwortliche. Selfpublishing-Expertise trifft auf klassische Literaturvermittlung, Marketing auf Kreatives Schreiben, Buchhandel auf Blogosphäre.
Diese Zusammensetzung ist kein Zufall. Sie erzählt von einem Literaturbegriff, der sich nicht allein aus ästhetischer Autonomie speist, sondern aus Sichtbarkeit, Reichweite, Marktkenntnis. Wenn eine Junior Category Managerin von Thalia neben einer queeren Soft-SciFi-Autor:in urteilt, wenn ein Chief Sales & Marketing Officer neben einer Autor:innenbetreuerin sitzt, dann wird Literatur als Knotenpunkt verschiedener Interessen sichtbar.
Der Selfpublishing-Buchpreis behauptet damit implizit: Qualität entsteht im Zusammenspiel von Text, Publikum und Distribution. Das ist weder Zynismus noch reine Ökonomie. Es ist eine Beschreibung der Gegenwart. Der Literaturbetrieb ist längst ein Netzwerk aus Plattformen, Communities und algorithmischer Aufmerksamkeit. Die Jury verkörpert dieses Netzwerk.
Longlist, Shortlist, Sichtbarkeit
Das Verfahren folgt der vertrauten Dramaturgie großer Literaturpreise: Einreichung, Longlist, Shortlist, Preisverleihung. Doch im Kontext des Selfpublishing erhält diese Struktur eine besondere Bedeutung.
Die Vorjury – Buchblogger:innen, Lektor:innen, Mitglieder des Selfpublisher-Verbands – filtert aus der Masse die „besten zehn Titel“ pro Kategorie. Hier beginnt bereits eine Form der Kanonisierung. Selfpublishing, oft mit dem Versprechen radikaler Offenheit verbunden, wird in eine kuratierte Ordnung überführt.
Die Shortlist reduziert weiter. Drei Titel. Verdichtung ist immer auch Ausschluss. Doch sie erzeugt Aufmerksamkeit. Wer es auf die Shortlist schafft, wird sichtbar – nicht nur im Moment der Preisverleihung, sondern im digitalen Resonanzraum von YouTube, Social Media, Branchenportalen.
Sichtbarkeit ist die neue Währung. Der Preis weiß das. Neben 3.000 Euro Preisgeld pro Kategorie locken „Marketing- und Sichtbarkeitspakete“. Der literarische Wert wird flankiert von strategischer Reichweite. Das klingt nüchtern, fast technisch. Doch es verweist auf eine zentrale Verschiebung: Autor:innen sind längst auch Marken, Bücher Kommunikationsanlässe.
Selfpublishing zwischen Emanzipation und Institutionalisierung
Der Selfpublishing-Buchpreis trägt ein Paradox in sich. Selfpublishing entstand als Gegenbewegung zu traditionellen Verlagen – als Möglichkeit, unabhängig zu publizieren, jenseits von Gatekeepern. Nun etabliert sich ein Preis, der genau diese Unabhängigkeit institutionell rahmt.
Ist das ein Widerspruch? Vielleicht eher eine Reifung. Jede Bewegung, die an Bedeutung gewinnt, entwickelt ihre eigenen Strukturen der Legitimation. Preise sind solche Strukturen. Sie erzeugen Hierarchien, setzen Maßstäbe, schreiben Erfolgsgeschichten.
Mit 1.858 Einreichungen wird deutlich: Selfpublishing ist kein Nischenphänomen mehr. Es ist ein eigener Markt, mit eigenen Expert:innen, eigenen Auszeichnungen, eigener Öffentlichkeit. Der „Selbie“ fungiert dabei als Symbol. Eine Trophäe, die signalisiert: Auch jenseits großer Verlagshäuser existiert Exzellenz.
Doch was bedeutet Exzellenz im Selfpublishing? Ist es sprachliche Innovation? Genre-Souveränität? Verkaufszahlen? Community-Bindung? Die heterogene Jury legt nahe, dass die Antwort komplex ist. Literatur wird hier nicht nur als Kunstform, sondern als kulturelle Praxis bewertet.
Kategorien als Erzählung von Publikum
Die drei Hauptkategorien – Belletristik, Kinder- und Jugendbuch, Sachbuch/Ratgeber – bilden ein breites Spektrum ab. Sie erzählen zugleich von Zielgruppen.
Belletristik bleibt das Feld literarischer Selbstvergewisserung. Hier verhandeln Texte Identität, Gesellschaft, Macht. Dass mit E. V. Ring eine queere Stimme in der Jury sitzt, verweist auf die Diversifizierung dieses Feldes. Selfpublishing hat marginalisierten Perspektiven früh Raum gegeben. Der Preis institutionalisiert diese Öffnung.
Im Kinder- und Jugendbuch zeigt sich eine andere Dynamik. Hier treffen Pädagogik, Fantasie und Markt aufeinander. Eine Mikrobiomforscherin, ein Sales-Manager von LovelyBooks, eine Illustratorin, ein Fantasyautor: Die Auswahl signalisiert Interdisziplinarität. Literatur für junge Leser:innen wird nicht als Nebenprodukt verstanden, sondern als eigenständiger Kosmos.
Im Bereich Sachbuch und Ratgeber wird schließlich deutlich, wie sehr Selfpublishing Wissensproduktion demokratisiert. Autorencoaches, Radiomoderatoren, Marketingverantwortliche – sie bewerten Texte, die Orientierung versprechen. Hier verschränken sich Expertise und Alltagstauglichkeit. Der Ratgeber wird zur Schnittstelle von Information und Selbstoptimierung.
Die Bühne als Versprechen
Die Preisverleihung auf der Leipziger Buchmesse ist mehr als ein logistischer Termin. Sie ist ein symbolischer Akt. Selfpublishing erhält eine „große Bühne“.
Die Messe steht traditionell für den organisierten Literaturbetrieb. Verlage, Agenturen, Rechtehandel. Wenn der Selfpublishing-Buchpreis dort verankert ist, verschiebt sich die Wahrnehmung. Unabhängiges Publizieren wird nicht mehr als Randphänomen betrachtet, sondern als integraler Bestandteil der Branche.
Gleichzeitig bleibt die Frage offen, wie nachhaltig diese Sichtbarkeit ist. Ein Preis schafft Aufmerksamkeit, aber er ersetzt keine kontinuierliche Kritik, keine differenzierte Auseinandersetzung mit Texten. Selfpublishing braucht nicht nur Preise, sondern auch einen literaturkritischen Diskurs, der jenseits von Rankings und Verkaufszahlen operiert.
Digitaler Auftakt, analoge Weihe
Dass die Shortlist auf YouTube verkündet wird, ist kein Zufall. Das Digitale ist der Ursprungsraum des Selfpublishing. Plattformen wie Kindle Direct Publishing haben die Produktionsbedingungen verändert.
Die Online-Verkündung spiegelt diese Herkunft. Sie ist niedrigschwellig, unmittelbar, global zugänglich. Die anschließende Preisverleihung auf der Messe hingegen wirkt wie eine Weihehandlung. Das Digitale trifft auf das Institutionelle.
Was am 14. Februar um 18 Uhr auf YouTube verkündet wird, ist mehr als eine Shortlist. Es ist eine Momentaufnahme eines Systems, das sich neu sortiert – zwischen Autonomie und Institution, zwischen Text und Markt, zwischen Bildschirm und Bühne. Und vielleicht beginnt die eigentliche Geschichte erst nach dem Applaus.
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