Wenn die Literatur spazieren geht: Leipzig liest 2026

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Leipziger Buchmesse kündigt 2.000 Veranstaltungen an – mit Fokus auf Donau-Literatur, Debüts über weibliche Selbstbehauptung und geopolitische Sachbücher

cms.wcdou Leipziger Buchmesse

In Leipzig beginnt der Frühling nicht mit den ersten Blüten, sondern mit Büchern auf Wanderschaft. „Leipzig liest“ – das Lesefestival zur Leipziger Buchmesse – verwandelt auch 2026 wieder die Stadt in ein Textgeflecht. An mehr als 300 Orten finden vom 19. bis 22. März rund 2.000 Veranstaltungen statt. Das Motto in diesem Jahr: „Wo Geschichten uns verbinden“. Was freundlich klingt, ist inhaltlich weit gespannt – zwischen transnationaler Erinnerung, politischen Weltlagen und intimen Krisennotizen.

Unter dem Hashtag #LBM26 versammelt sich ein internationales Publikum, das nicht nur neue Bücher sucht, sondern literarische Resonanzräume.

Die Donau als politisch-poetischer Strom

Im Zentrum steht ein neuer geografisch-literarischer Fokus: Die Donau. Sie fließt nicht nur durch zehn Länder, sondern auch durch ein halbes Jahrhundert europäischer Umbrüche. Im Literaturprogramm auf der Donau-Bühne (Halle 4) wird sie zum Resonanzraum für Erzählungen über Dissidenz, Gewalt, Migration – aber auch über Widerstand und familiären Zusammenhalt. Michal Hvoreckýs Roman „Dissident“, András Viskys Erzählung „Die Aussiedlung“ oder Nadine Schneiders „Das gute Leben“ setzen poetische Marker in ein politisches Gelände. Es geht um Sprache unter Druck, um Grenzen, die nicht nur geografisch sind, und um Identitäten, die zwischen Flucht und Herkunft zirkulieren.

Die Auswahl ist keine touristische Geste, sondern eine kuratorische Setzung. In Zeiten erneuter Grenzverschiebungen – territorial wie ideologisch – werden Texte zu Zeugen und Vermittlern zugleich. Die Donau, ein Fluss als Archiv.

Neue Stimmen, neue Selbstentwürfe

Neben den großen Linien der Geschichte zieht das Programm auch feine Striche im Persönlichen. Die Debütromane dieses Frühjahrs widmen sich weiblicher Selbstverortung in einer Gesellschaft, die Rollen schnell verteilt, aber langsam verändert. In Anna Katharina Scheidemantels „Statt aus dem Fenster zu schauen“ oder Svenja Liesaus „Es war nicht anders möglich“ begegnet man Protagonistinnen, die nicht laut aufbegehren, sondern leise neu sortieren. Die Romane handeln vom Ausbruch aus familiären Skripten, von Körpern als Konfliktzonen und von der Suche nach einem Leben, das nicht aus Kompromissen besteht.

Debüt heißt hier nicht Anfang, sondern Umschlagspunkt: Die Figuren wissen oft längst, wer sie sein könnten – nur der Ort dafür fehlt noch.

Weltpolitik im Seitenformat

Dass das Erzählen nicht nur privat oder poetisch bleibt, zeigen die neuen Sachbücher zur europäischen Außenpolitik. Ulrike Herrmann, Roderich Kiesewetter oder Jana Puglierin formulieren klare Fragen an ein Europa im Umbruch: Wie lässt sich Demokratie gegen autoritäre Systeme behaupten? Welche Rolle spielt Geld als geopolitisches Instrument? Und was bleibt vom Westen, wenn die USA sich ins Nationale zurückziehen?

Die Antworten sind keine Beruhigungen. Aber sie zeigen, wie Literatur – auch im sachlichen Ton – Orientierung stiften kann, ohne Illusionen zu verkaufen.

Zwischen Nähe und Reflexion

Auffällig im Gesamtprogramm ist ein Rückzug ins Persönliche – aber kein apolitischer. Romane von Sophie Passmann, Dana von Suffrin oder Lukas Rietzschel nähern sich dem Thema Identität über Krisenerfahrungen: toxische Beziehungen, Generationskonflikte, das Altern. Sie schreiben von Verletzlichkeit, ohne Kitsch. Und von Selbstbefragung, ohne Narzissmus.

Es ist eine Literatur, die nicht die Lösung sucht, sondern den Blick auf Risse lenkt – in Biografien wie in Gesellschaften.

Literatur als öffentlicher Raum

Die Leipziger Buchmesse 2026 setzt damit auf Vielfalt, ohne Beliebigkeit. Das Konzept „Leipzig liest“ bringt Texte dorthin, wo sie nicht nur konsumiert, sondern geteilt werden – in Kirchen, Kneipen, Schulen, Bibliotheken. Literatur wird so zur sozialen Praxis. Und die Messe zum Ort, an dem Fragen wichtiger sind als Formate.

Denn Geschichten verbinden uns nicht durch Harmonie, sondern durch Reibung.

Wer Teil dieses literarischen Frühjahrs werden möchte, findet Tickets und weitere Informationen online unter: www.leipziger-buchmesse.de/de/besuchen/tickets-preise

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