Literatur, die nicht einverstanden ist

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cms.uajcg Konstantin-Andok-Preis 2025

Am Donnerstag, den 05. Februar 2026 um 19:00 Uhr, wird im Literaturforum im Brecht-Haus Berlin der Konstantin-Andok-Literaturpreis verliehen. Einlass ab 18:30 Uhr, Eintritt frei.

Der Preis wurde 2024 ins Leben gerufen. Er erinnert an Konstantin Gedig (1995–2019), der in der kurdischen Region Rojava in Nordost-Syrien für eine gerechtere Welt kämpfte und dort sein Leben ließ. Getragen von SOLI NETZ und unterstützt durch einen Freundeskreis aus Kunst, Kultur und politischem Engagement, zeichnet der Preis literarische Stimmen aus, die sich nicht abfinden: nicht mit Gewalt, nicht mit Gleichgültigkeit, nicht mit der Behauptung, alles sei gesagt. Das Motto: „Hinschauen und Handeln“.

161 Einsendungen, drei Texte, eine Haltung

In diesem Jahr wurden 161 Texte eingereicht. Die Jury – Svenja Hauerstein, Jörn Boewe und Ute Russ – hat drei ausgezeichnet. Ihre Entscheidung gilt nicht nur der Form, sondern der Dringlichkeit.

„Blau“ von Christoph Hein

Ein junger Mann, Daniel, beobachtet aus seiner Berliner WG die Erfolge rechter Parteien bei der Europawahl. Die Nachrichten verstärken seine Distanz zur ostdeutschen Heimat. Nur die Fotos seines Vaters – jeden Mittwoch, immer auf dem Segelboot – stellen eine Art Kontakt her. Schließlich: eine gemeinsame Bootsfahrt auf jenem See, in dem Daniels Onkel ertrank. Eine Annäherung, ohne Auflösung. Hein schreibt schlicht und präzise über politische Lähmung, familiäre Sprachlosigkeit – und darüber, dass Schweigen nicht immer Sprachlosigkeit bedeuten muss.

„Unglückliche Umstände“ von Marcus Neuert

Ein Junge wird nachts aus einer S-Bahn verwiesen. Später ist er tot. Marcus Neuerts Text montiert Perspektiven: Bahnpersonal, Passant:innen, anonyme Beobachter. Es entsteht ein Bild institutioneller Verantwortungslosigkeit, das sich jeder Eindeutigkeit entzieht. Am Ende: ein Mädchen, das den Jungen am Spitzgrundsee „nach Hause“ trägt – vielleicht, vielleicht nicht. Eine Chronik gesellschaftlicher Kälte. Und eine stille Anklage gegen das Wegsehen.

„Erika, bau mir ein Haus“ von Katja Wilhelm

Ein Pflegeheim, monatliche Besuche, eine Freundin im Zustand fortschreitender Demenz. Die Erzählerin beschreibt ihre Überforderung, das System, die Müdigkeit. Im Mittelpunkt: Erika, eine Bewohnerin, die aus Duplo-Steinen ein Haus baut. Eine Geste gegen das Vergessen, gegen den Zerfall. Wilhelm schreibt ohne Pathos, aber nicht ohne Schmerz. Die Frage, wer für uns da sein wird, wenn wir nicht mehr können, bleibt stehen.

Literatur, die fragt, was bleiben soll

Die ausgezeichneten Texte zeigen, was Literatur vermag, wenn sie sich nicht zufrieden gibt mit Meinungen oder Formeln.

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